Literaturfreunde und Voyeure unter sich

Vorleser in Konstanzer und Kreuzlinger Häusern

Konstanz/Kreuzlingen (wak) Literaten und Schauspieler zieht es in diesem Jahr schon zum achten Mal in Privatwohnungen in Häusern mitten in Konstanz und Kreuzlingen. Ein bisschen Neugierde ist erlaubt. Die außergewöhnlichen Leseabende finden statt am Sonntag, 7. Februar, in Konstanz und am Sonntag, 28. Februar, in Kreuzlingen. Weil die Plätze in den privaten Wohnküchen, Salons oder historischen Trinkstuben, die es in Privathäusern auch gibt, beschränkt sind, sind je Lesung höchstens 15 bis 20 Karten zu haben. Entsprechend groß dürfte der Ansturm sein, wenn der Vorverkauf startet.

Salon-Nacht im Café Wessenberg

Daheim ist es am schönsten und auch das Spicken in andere Wohnungen macht Spaß. Statt auf bequemen roten Theatersesseln nehmen Kulturinteressierte offenbar mindestens genauso gern auf plüschigen Sofas, harten Eckbänken, schlecht verlaimten Holzstühlen oder sogar auf dem nackten Boden Platz. Jeweils etwa eine Stunde dauern die Lesungen in den 16 Konstanzer und acht Kreuzlinger Privathäusern. Zeitgleich lesen die Schauspieler und Literaturfreunde am 7. Februar ab 18 Uhr in den Wohnungen in Konstanz und am 28. Februar ab 19 Uhr in Kreuzlinger Häusern. Die Schauspieler und Vortragenden nehmen sich für ihre Lesung jeweils eine Stunde Zeit. Anschließend geht’s zum Chillout. In Konstanz zumindest kommen am 7. Februar die privaten Gastgeber und ihre Gäste ab etwa 21 Uhr zu einer Salon-Nacht im Café Wessenberg zusammen.

Orte sind die Überraschung

Frank Lettenewitsch vom Stadttheater kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er von den Lesungen in den Häusern spricht. Wer sich eine Karten für eine bestimmte Lesung kauft, weiß im voraus nicht, wo der literarische Abend stattfindet. In Kreuzlingen ist dieses Mal auch eine Stadträtin unter den Gastgebern, erzählt Margret Meier-Ammann. Wer darauf spekuliere, bei einer Stadträtin in die Wohnung zu spicken, wird aber kein Glück haben. Denn das Publikum kauft eine Karte für eine bestimmte Lesung und erfährt erst hinterher, wer die Gäste empfängt.

Die Vorleser und ihre Texte

Lesen werden Ekkehard Faude (Verleger des „Libelle“ Verlags) liest „Der Schattenfotograf“ von

Wolfdietrich Schnurre.

Einer der eigenwilligsten Erzähler der Nachkriegszeit:„Seit langem habe ich mich mit keinem

Buch so unterhalten wie mit Schnurres „Schattenfotograf“. Es hat mit mir geredet, ich habe mich

vergnügt, war erschrocken und habe mit den Tränen gar nicht erst mehr gekämpft. Gegen meinen

Willen habe ich Eselsohren gemacht. Und ich war – ehrlich gesagt – nicht darauf gefasst, so mitgenommen

zu werden.“ (P. Härtling)

Thomas Fritz Jung liest „Der Abtrünnige“ von Albert Camus.

Diese tiefstens beeindruckende Erzählung von Albert Camus ist ein Solitaire. Ein Missionar versucht

ein barbarisches Dorf in Afrika namens Taghâza zu bekehren, wird aber eingesperrt und gequält. In

der Gefangenschaft beginnt er den Fetischglauben anzunehmen und seine alte Religion zu verhöhnen.

Alle Emotionen des modernen Menschen spiegeln sich im Werk wieder.

Iole aus der Schmitten liest „Kommunikation von A bis Z“ von u. a. Heine, Kuh, Tucholsky,

Valentin, Kästner, Jandl, Heidenreich und Loriot.

Geschichten, Texte, Szenen, Gedichte über romantische, gestörte, misslungene, abstrakte, zähe

und vergnügliche Kommunikation.

Heimo Scheurer liest „Maria ihm schmeckts nicht“ von Jan Weiler.

Dass sie herrlich komisch ist, diese Geschichte einer unglaublichen Verwandtschaft aus der italienischen

Region Molise, hat sich inzwischen weit herumgesprochen. In Antonio Marcipane und Konsorten

erkennen wir zweifelsfrei eigene Bekannte wieder und wer noch keine italienischen Verwandten

hat, wird nach dieser Lektüre unbedingt welche haben wollen.

Alexander Peutz liest „Die Botanisiertrommel“ von H.C. Artmann.

Alexander Peutz unternimmt einen kleinen Streifzug durch die gesammelte Prosa von H.C. Artmann

und präsentiert den Zuhöreren ein literarisches Herbarium aus Fantasmagorien, Kasperliaden,

Tagebuchaufzeichnungen und anderen Fundstücken, so flüchtig und glitzernd „wie Schnee auf

einem heissen Brotwecken“. H.C. Artmann, unnachahmlicher, legendärer Poesiezauberer aus Wien

lebte bis Dez. 2000 daselbst.

Odo Jergitsch liest „Phantastisches Österreich“ Geschichten von Herzmanovski Orlando, Leo

Perutz, Arthur Schnitzler, Peter von Tramin, Franz Werfel und Herbert Rosendorfer.

„Das Schönste, Spannendste und Interessanteste, was die phantastische Literatur Österreichs hervorgebracht

hat“, surreale, subtile, Gruselgeschichten, Teufeleien, Ekstasen und atemberaubende

Gratwanderungen zwischen hüben und drüben.

Ute Fuchs liest „Ich wär Goethes dickere Hälfte“ aus Christine Brückners hochgelobten,

ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen.

Es ist Christiane Vulpius, die hier zur Sprache kommt, die Geliebte des Dichter-Fürsten Goethe, sein

„Hausschatz“. Christiane, die er schließlich nach achtzehn Jahren wilder Ehe heiratete, hatte die

heftigste Missachtung der Weimarer Gesellschaft zu erleiden.

Achim Eickhoff und Claudia Schiller lesen „Alle sieben Wellen“ von Daniel Glattauer.

Sie kennen Emmi Rothner und Leo Leike? Dann haben Sie also „Gut gegen Nordwind“ gelesen, jene

ungewöhnliche Liebesgeschichte, in der sich zwei Menschen, die einander nie gesehen haben, per

E-Mail rettungslos verlieben. Aber Emmi und Leos Geschichte ist nicht abgeschlossen! Sind Sie nicht

der Ansicht, dass die Liebenden zumindest eine einzige wirkliche Begegnung verdient hätten, eine

zweite Chance auf ein anderes Ende?

Christoph Nix liest „Rabenjagd“ aus seinem Buch.

Im Jahr der Wende. Ein junger Jurist bewirbt sich auf die Theaterdirektorenstelle in einer Kleinstadt.

Untrügliche Zeichen von Veränderungen. Wird Michael Menz das Theater vollends ruinieren und die

letzten Geldmittel verschleudern? Und welche Rolle spielt der gewendete Kulturbürgermeister?

Maria Falkenhagen liest „Die Dame mit dem Hündchen“ von Anton Tschechow.

Dies ist wohl Tschechows bekannteste Erzählung. Ihr unnachahmlicher, melancholisch zarter aber

illusionsloser Ton, das Pastell stillen Dramas, faszinieren den Leser, Hörer, seit ihrer Veröffentlichung

unvermindert. Eine kleines, sehr großes Meisterwerk.

Frank Lettenewitsch liest „Boheme in Kustenz“ von Eduard Reinachers.

Er erzählt von den Umtrieben des skandalumwitterten, pfiffigen Bohemiens Kolomann im behäbigen

Konstanz der zwanzigerJahre, der auf klotzige Einheimische, gutwillige Verleger, Bürgermeister und

Theaterdirektoren trifft, Luftgespinste von Kunst erschafft und am Ende doch wegen Schulden den

„Alemannischen Montmartre“ flüchten muss. Sehr reizvoll ist es, die authentischen Personen und

Orte aus dem Roman wiederzuerkennen.

Astrid Keller liest Geschichten unter dem Motto „Kebab ist Kultur“ von Rafik Schami.

Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus, einer der bedeutendsten deutschen Erzähler, wird oft

Sprachzauberer genannt. In seinen Geschichtensammlungen verbindet er auf wunderbare Weise

die „Düfte des Orients“ mit gesellschaftlicher Realität. Keine bessere Entsprechung kann es dafür

geben als die von sufischer Kultur inspirierte Musik von Ivan Gurdjieff, die der Pianist Hans Galli

dazu spielen wird.

Hans Helmut Straub liest „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ von David Grossmann.

In tastender, suchender aufwühlender Diktion nähert sich David Grossman der Geschichte einer

Frau, die vor einer Todesnachricht flieht.

In diesem Roman ist das tägliche Leben Israels und die Zerrissenheit des Landes atmosphärisch

hochsensibel eingefangen. Ein Meisterwerk ganz großer Erzählkunst.

Barbara Schwager liest „Der alte Zauberer“ von Friedrich Glauser.

Kriminalromane haben nicht den Rang von Literatur im deutschen Sprachraum? Welch ein Irrtum.

Mit wenigen Wort fängt Friedrich Glauser Stimmung und Atmosphäre ein, hat ein Auge für soziale

Details und kann gewandter Schreiben und Erzählen als seine Zeitgenossen. Glauser, dessen Leben

sich selbst wie ein dramatischer Krimi liest, schrieb Krimis von herausragender, literarischer Bedeutung,

seine Romane sind Kult.

Bernhard Leute liest „Die erotische Libelle“, Kurzgeschichten von Maja Bosshard und

Daniil Charms.

Maja Bosshard, Aargauerin, 1992 mit 40 Jahren in Sao Paulo mysteriös verstorben. Ihr feiner, trocken

kantiger Witz, ihr Sinn für die Absurditäten und Widersprüche des Alltags spiegeln sich beinahe

verzweiflungsvoll in ihren Gedichten und Kurzgeschichten. Der Russe Daniil Charms ist ihr 50 Jahre

zuvor ein Bruder im Geiste. Diese Geschichten sind einerseits mit großem Vergnügen zu hören,

andererseits voller Haken und Dornen, so dass sie einen nicht loslassen.

Bruno Epple liest Eigenes.

Ihn brauchen wir nicht vorzustellen. Bruno Epple ist seit vielen Jahren eine literarische Ikone

am und um den ganzen See. Als alemannischer Sprachschöpfer und auch außerhalb des Dialekts

als Essayist und Lyriker hochgelobt und geliebt. Er bringt eine Auswahl aus seinem Werk mit. Das

Hörvergnügen für uns ist gesichert

Vorverkauf und Kontakt

Das Programm mit Terminangaben gibt es als pdf zum Herunterladen unter http://www.konstanz.de/smk/01206/01211/01213/index.html. Der Kartenvorverkauf startet am 25. Januar beim Stadtmarekting Konstanz, Obere Laube 71, E-Mail muenstc@stadtmarekting.konstanz.de. In Kreulingen beginnt der Kartenverkauf in der Bodan Buchhandlung, Hauptstraße 35, E-Mail papeterie@bodan-ag.ch am 8. Februar. Der Eintrittspreis beträgt 15 Euro oder 22,50 Franken. Die Lesungen in Konstanz beginnen um 18 Uhr, die in Kreuzlingen um 19 Uhr. Ausführliche Programm-Hefte liegen aus. Die Vorleser haben ihre Stücke alle selbst ausgewählt. Ach ja, ein bisschen Voyeurismus gehört dazu.

Unser Foto zeigt die Schauspieler Heimo Scheurer („Maria ihm schmeckt’s nicht“) und Odo Jergitsch („Phantastisches Österreich“).

Fotos: wak/Stadtmarketing Konstanz

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