Marsch durch die Konstanzer Villengärten

Als die Konstanzer mit roten Fahnen den Seeuferweg eroberten

Konstanz (wak) Wenn sich am Samstag, 1. Mai, Gewerkschafter im Konstanzer Stadtgarten versammeln, wird es voraussichtlich eine friedliche Kundgebung werden. Vor 35 Jahren, am 1. Mai 1975, war das anders. Damals eroberten die Konstanzer mit wehenden roten Fahnen das Seeufer. Ihre Botschaft: „Das Bodenseeufer gehört allen“.

Vor 35 Jahren Wegerecht erkämpft

Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, haben Gewerkschafter vor mehr als 35 Jahren erst noch erstreiten müssen: Den freien Zugang zum See und einen Weg am Seeufer entlang bis zum Hörnle hinaus. Verbunden ist die legendäre Maiwanderung der Revolutionäre bis heute mit dem Namen des Konstanzer Gewerkschafters Erwin Reisacher. Der 1994 verstorbene Sozialdemokrat führte am 1. Mai den Protestzug hinaus zum Freibad Horn an.

Kein freier Zugang zum See

Geschildert hat der Gewerkschafter die Ereignisse vom 1. Mai 1975 in seinem Buch „Erinnerungen eines Gewerkschaftssekretärs und Kommunalpolitikers“. Dort findet sich ein mit dem Titel „Steinige Wege am See“ überschriebenes Kapitel. Es handelt von Villengärten und dem freien Zugang zum See für wenige Privilegierte. Von dcn zwölf Kilometern Ufer zwischen dem Staader Fährehafen und Klein Venedig waren damals nur fünf Kilometer frei zugänglich.

Villenbesitzer verweigerten sich

Um einen Uferweg bauen zu können, wollten die Konstanzer vor den Villengrundstücken Gelände aufschütten. Mit den damals einflussreichen Familien, die Paulssen, Kautz, Tschischack, Veeser Stiegeler und Ellegast hießen, mochte sich die Stadt aber nicht anlegen. Die Ellegasts wiesen auf die Wertminderung ihres Besitzes hin, sollte ein Weg zwischen ihrem Garten und dem See hindurch führen. Eine andere Eigentümerin war der Meinung, dass der Weg durch die gepflegten Villengärten allen Menschen große Freude bereite. Einen Weg am Ufer brauche es gar nicht. Deswegen ging es, was aus heutiger Sicht eher bizarr anmutet, mit dem Seeuferweg nur langsam und erst einmal nur zwischen der Rosenau und dem Alpsteinweg voran, wo der Grund in Besitz der Wohnbaugesellschaft „Neue Heimat“ war.

Mit dem Gartenschlauch gegen Maiwanderer

Der 1. Mai 1975 muss ein schöner sonniger Tag gewesen sein. Aus dem traditionellen Maiumzug wurde eine Demonstration für ein freies Seeufer. Etwa 120 Teilnehmer, darunter viele Frauen, Kinder, Studenten und Uniassistenten, machten sich auf den langen Marsch durch die Seestraße und hinaus zum Freibad Horn. Rote Fahnen knatterten im Wind. Die Maiwanderer überwanden auch Zäune, wobei sie über Tische und Stühle stiegen, und auch ein paar Blümchen zertrampelten. Ein militanter Villenbesitzer, Herbert Tschischack, stellte sich den Maiwanderern mit einem Gartenschlauch entgegen. Es kam zu einem Handgemenge. Während die Maiwanderer weiter zogen, rief der Villenbesitzer damals die Polizei.

Tätlicher Angriff und Beschimpfung

Im Pressebericht der Polizei hieß es damals: „Wie schon berichtet, drangen nach der Maikundgebung auf Aufforderung des DGB-Kreisvorsitzenden und Stadtrats Erwin Reisacher etwa 100 Demonstranten, meist Studenten, in die Gartengrundstücke am Seeufer ein, wobei sie Zäune beschädigten, eine Bank zerschlugen, einen Anlieger tätlich angriffen und ihn als kapitalistisches Schwein bezeichneten.“

Wegen Hausfriedensbruchs angeklagt

Erwin Reisacher sah alles anders. Er sprach von einer friedlichen Demonstration. Auf Unterschriftenlisten bekundeten spontan 2400 Bürger ihre Solidarität. Für Demonstranten, die vor Gericht gezerrt werden sollten, sammelten Unterstützer Geld. Das Amtsgericht verurteilte Erwin Reisacher wegen der Maiwanderung wegen Hausfriedensbruchs. Das Landgericht hob das Urteil wieder auf.

Seeuferweg bleibt frei zugänglich

Seither ist viel passiert. 35 Jahre später aber ist der Seeuferweg noch immer frei zugänglich und zählt zu den beliebtesten Spazierwegen und Laufstrecken am See entlang. Dass der freie Seezugang an Seen in Ostdeutschland und sogar am Bodensee keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt der Blick in andere Orte am See. In Überlingen, der Stadt mit der angeblich längsten Promenade am Bodensee, und in Nussdorf gibt es keinen Seeuferweg. Hier reichen die Grundstücke noch immer bis ans Wasser. In einem wohnt übrigens Martin Walser. Er hätte nichts gegen einen Seeuferweg gehabt – der Bürgermeister wollte damals aber gar keinen.

2 Kommentare to “Marsch durch die Konstanzer Villengärten”

  1. Ute
    30. April 2010 at 09:04 #

    Wenn ich Neu-Konstanzern oder Besuchern beim Spaziergang heutzutage erzähle, dass es viele Jahre dauerte, bis dieser Seeuferweg wirklich durchgängig war, wollen sie es oft kaum glauben.

    Denn heutzutage, sieht man gar nicht mehr, warum sich da Anwohner dagegen wehrten, es ist doch Platz genug…

    1975 klingt lange her, aber es dauerte noch viele Jahre, bis der inzwischen selbstverständliche Weg tatsächlich durchgängig war.

  2. Fenedig
    30. April 2010 at 10:13 #

    Es mag ja in Ordnung sein, dass das Seeufer vor den Privatgrundstücken aufgefüllt wurde, nach dem eine „gewerkschaftliche „Kampftruppe“ ein hausfriedenbrüchiges Zeichen zu setzen versuchte. Über die heutige „Steinwüste mit integrierten Weiden“ als Versuch, das Ufer „naturnah“ zu gestalten“,kann man sich allerdings so seine Gedanken machen. Es riecht bodensee-untypisch stark nach Kiesweiherufer (Das „Bodenseeveilchen vegetiert entsprechend im Botanischen Garten der Uni, kaum noch am Ufersaum!). Und von „Villen“ zu reden, die sich da „privilegiert“ am Ufer angesammelt hätten, ist doch etwas übertrieben. In der Regel handelte es sich um biedere Bauten, z.B. „Typ Stuttgart“, oder sonderbare Architekturblüten, von denen einige inzwischen nicht immer glücklich aufgemotzt wurden, andere verschwanden und machten der Neuzeit Platz (z.B. ansehnlicher gläserner „Schaudt-Bau“ Ende Seestrasse, ordentlicher Zentralbau Ellegast, attraktiver aufgeständerter Stiegeler-Anbau in Corbusier-Manier, usw. Viel Neues ist Durchschnitt, wie man heute halt so die Moderne zu moderieren versucht. Gespannt wartet man auf das architektonisch Kommende im Paulssen-Grundstück nach der Abrissbirne!

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