Meine Bodensee Gazette

Lange haben wir uns um diesen Blogbeitrag herum gedrückt, weil wir meistens politisch korrekt sein wollen und auch keine Vorurteile schüren möchten. Es hilft aber nichts, wenn wir es wie die drei Affen machen, die sich die Augen, die Ohren und den Mund zu halten. Wir sagen es deswegen heute deutlich: Quer durch alle möglichen Alters- und Bildungsschichten ist Unbehagen zu vernehmen.

Die Stadt Konstanz ist im wahrsten Sinnen des Wortes unter die Räder gekommen. Die Staus, verstopfte Straßen, sogar Stop-and-Go durch die Fußgängerzone und die Schlangen vor den Kassen: Genug ist genug und zu viel ist eben irgendwann zu viel. Während einige Händler ein Loblied auf die Einkaufstouristen weiter singen, sich vom Idiom, das durch die Gassen tönt, verzücken lassen, nur weil sie zu den Profiteuren gehören, leidet der Rest der Stadt. Der gewaltige Ansturm der Einkäufer schränkt längst die persönliche Freiheit der Menschen ein, die in der Stadt leben und sie lebendig halten.

An vielen Tagen wäre es geradezu leichtsinnig, einen Anwohnerparkplatz aufzugeben. Größere Waren mit dem Auto an die Haustüre zu transportieren, wäre ein Wagnis, weil wir im Stau stünden, weshalb wir selbst längst nur nur noch mit dem Rad und Rucksack, online oder am besten sowieso anderswo einkaufen. Wohl dem, der beruflich gelegentlich in Radolfzell, Singen oder Überlingen zu tun hat, wo sich der Mensch noch wie ein Kunde fühlen darf und an Regale gelangt. Auch dort gibt es ja zum Glück Schuhe, Klopapier und Obst- und Gemüsetheken in den Supermärkten.

Neulich blieb die Frau eines Stadtrats mit dem Linienbus im Stau stecken, so dass der Stadtrat einen Brief an Oberbürgermeister Uli Burchardt verfasste. Natürlich war es auch etwas leichtsinnig, in der Laube auf einen Stadtbus zu warten und dann über die Bodanstraße im Bus weiter in Richtung Konzilstraße und rechtsrheinisches Konstanz zu fahren.

Zynisch und falsch hört es sich an, wenn ein Konstanzer Händler, einer der Profiteure an einen größeren E-Mail-Verteiler einen Brief schreibt: „Seien wir froh, dass die Kunden noch nach Konstanz kommen! Seien wir zufrieden, dass die Konsumflaute uns noch nicht erreicht hat! Nehmen wir den starken Verkehr und die gefüllten Straßen als gutes Zeichen und lasst uns das möglichst oft erleben.“

Wen bloß meint er mit wir? Die Bewohner der Stadt und diejenigen, die einen Billigjob in einer Filiale einer Kette ergattert haben, oder eher die echten Profiteure, die ein Loblied auf die Einkaufstouristen singen? Ein Konstanzer Möbelhaus, das seit Jahren vor Weihnachten Glögg ausschenkte, wird es nicht mehr tun, da der Ansturm zu groß geworden sei. Die Stimmung in Konstanz droht zu kippen.

Weiter heißt es in der Mail des Händlers: „Wir stellen fest, dass wir teilweise Stammkunden aus dem Umland nach Radolfzell und Singen verlieren. Konstanz benötigt die Kunden aus dem Umland.“ Wir, die geplagten Konstanzer, fragen uns nicht ernsthaft, wie das denn kommt? Denn der Handel verliert längst auch uns.

Besonders nett fanden wir zudem folgende Passage der Mail, in der der Händler zum Vorschlag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble Stellung nimmt, der die Mehrwertsteuer erst ab einem Einkaufsbetrag von 100 Euro zurückerstatten möchte. Der Händler schrieb: „Hoffen wir, dass der doofe Vorstoß von Schäuble mit seiner Bagatellgrenze keine tiefen Wunden in Konstanz hinterlässt.“

Wir, die wir miterleben, wie Kunden aus dem Nachbarland im Drogeriemarkt 5,80 Euro bezahlen und anschließend die Kasse wegen läppischer 19 Prozent Mehrwertsteuer mit ihrem Ausfuhrzettel blockieren, würden die Bagatellgrenze lieber bei 200 als nur bei 100 Euro sehen.

Noch ärgerlich finden wir es, wenn sich Deutsche, die in der Schweiz leben, die Mehrwertsteuer zurückerstatten lassen. Sie nutzen schließlich unsere gesamte Infrastruktur – vom Bad über Straßen bis zum Stadttheater oder anderen Bildungseinrichtungen und  den überquellenden Müllcontainer.

Der Händler schloss seine Mail mit der Anmerkung: „Hoffen wir, dass sich das Verkehrsproblem nicht schnell – wegen mangelnder Kunden – aus der Schweiz erledigt.“

Wir sagen, hofft, dass wir eines Tages zu Euch zurückkehren, falls sich Wechselkurse ändern und weniger Einkaufspendler über die EU-Außengrenze kommen.

So langsam dämmert es uns: Die Stadtregierung muss sich bald etwas einfallen lassen. Konstanz sollte mit der Debatte beginnen, wie wir die Aufenthaltsqualität in unserer Stadt wieder erhöhen können.

Wie gesagt, wer meint, dass es die Stadt und der Handel wie die drei Affen machen könnten, die sich die Augen, die Ohren und den Mund zu halten, hat den Menschen in Konstanz schon lange nicht mehr zugehört.

Waltraud Kässer

12 Kommentare to “Meine Bodensee Gazette”

  1. Wolfgang Becker
    3. Januar 2013 at 14:56 #

    Vielleich ist Konstanz ja nur noch ein großes KADEW, Lago,

    in dem es auch noch möglich ist zu schlafen und duschen!

    Oder doch nur ein Museum mit lebendem Inventar?

    Oder ein Testgelände für Verkehr, sei es der ruhende oder bewegte?

    Gut das es da die Ränder gibt. Die liegen ja acuh schnell beim Nachbarn.

  2. Franz Sauerstein
    3. Januar 2013 at 16:57 #

    Heute ging ab 3 in der kompletten Stadt nichts mehr. Sogar die Busse fuhren nicht mehr richtig. Wo kommen die ganzen Autos her?

    • dk
      3. Januar 2013 at 20:54 #

      Ob das in den Jahren 1914-18 weniger wird?

      Irgendwie bin ich ganz froh, dass ich nicht im Zentrum mit viel Behörden, Politik und Big Business wohne (sowohl in KN als auch in Berlin).

  3. dk
    3. Januar 2013 at 17:00 #

    … weil wir meistens politisch korrekt sein wollen …

    Im Briefkasten lag heute ein neues Abo-Heft einer namhaften PC-Zeitschrift (unpolitisch und nicht Piraten-nah).

    Üblicherweise entferne ich gleich die innenliegende CD und erschrak über den Aufdruck:

    ANTI-STAAT-DVD
    Die einzig wirksame Waffe gegen Überwachung & Zensur
    Von Datenschützern empfohlen!

    DT-Control geprüft:
    Beiliegender Datenträger ist nicht jugend-beeinträchtigend.

    CHIP DVD 02-2013

    … Quer durch alle möglichen Alters- und Bildungsschichten ist Unbehagen zu vernehmen. …

    Auf der Rückseite stand überwiegend ganz belanglose Tools; vor allem übliche Internet-Sicherheit-Tools. Der noch nicht geprüfte Rest dürfte auch jugendfrei und staatsfreundlich sein, vielleicht sogar unter Mitwirkung von IT-Sicherheitsbehörden.

  4. Fossibär
    3. Januar 2013 at 17:25 #

    Ein stummer Schrei, der beste Meinungsbeitrag der letzten Monate zur hausgemachten Verkehrstragödie von Konstanz!

    Die Lösung der Verkehrsprobleme hätte der Gemeinderat längst beschließen und umsetzen können, allein er tut – gar nichts; außer seit Jahren kollektiv wegzuschauen, indem er sich in den durch und durch anarchischen Versuchen seiner Planer (und all derer, die sich als solche berufen fühlen) gefällt, den Kfz-Strom in der Laube auf NULL km/h zu reduzieren und vorm Bahnhof Begegnungen der unheimlichen Art zu provozieren. DAS HABEN WIR NICHT VERDIENT, weder die Einwohner noch die Händler dieser Stadt! Ein Trauerspiel, dass wir uns nun gegenseitig beharken müssen anstatt den altvorderen Winkeladvokaten im Gemeinderat mit tausend Fanfaren den Radetzky-Marsch zu blasen!

    Werde mich nun durch den Parkplatzsuchverkehr im Paradies in Richtung Bahnhof schlängeln und, persönlich ökologisch voll korrekt, darauf hoffen, dass der Rote Arnold Nummer 4 halbwegs pünktlich losfährt…

    Viele Grüße vom Rand

  5. Hans Paul Lichtwald
    3. Januar 2013 at 19:07 #

    Kompliment füt den bissigen Kommentar. Darüber muss man nachdenken und wohl auch handeln. Da ist viel in der Zukunftsplanung daneben gegangen. Ich möchte nur auf eines hinweisen. Als das Lago kam, fürchteten viele in Handel und auch Politik, dass in der Altstadt viele Lampen nun als Konsequenz ausgehen. Das Gegenteil ist spürbar: Eine ganze Stadt boomt. Ich habe das schoin vor einigen Jahren bei Krankenbesuchen an Samstagnachmittagen erlebt.Und es wird immer mehr…

  6. Hiob
    3. Januar 2013 at 20:42 #

    Hallo,

    der Witz an der ganzen Sache ist, selbst wenn alle Konstanzer sich in einer, nur theoretisch denkbaren Aktion bereit erklären würden mal einen Tag oder gar eine Woche nicht in Konstanz einzukaufen sondern ‚Ausserhalb‘ . Der lokale Einzelhandel würde es kaum merken so gross ist die Anzahl der Schweizer Kundschaft mittlerweile. Kurzum man kann nichts machen. Wenn ich von Petershausen aus nach Singen zum einkaufen fahre habe ich dort schneller einen Parkplatz als wenn ich ‚Gott bewahre mich davor‘ nach Konstanz rein fahren würde.
    Und, die Bagatellgrenze wird nicht kommen. Es wird ganz einfach zuviel Geld umgesetzt mit den Nachbarn.

    Hat sich schon mal jemand überlegt was los wäre, wenn die Schweizer mal einen Monat nicht in D einkaufen könnten, sondern Ihren Bedarf im Inland decken müssten?

    Die Preisunterschiede sind derart gross das vermutlich so mancher Eidgenosse ganz schön doof aus der Wäsche schauen würde angesichts eines Kaufkraftverlustes von 40 und mehr % …

  7. eikju
    3. Januar 2013 at 22:49 #

    Vorschlag : Herr H.J.Faupel, Überlingen ist m.E. ein Experte für kritische Verkehrs-Fotomontagen. Er könnte auch die Verkehrssituation in Konstanz sicher so darstellen, daß kein Mensch mehr einen Fuß auf die Straßen der Innenstadt setzen möchte (in Überlingen ist ihm das zu seinem großen Bedauern allerdings nicht gelungen, – die Menschen waren dort schlauer als er).

  8. rwk
    4. Januar 2013 at 00:08 #

    Sehr gut geschrieben, der Beitrag.

    Es macht wirklich keinen Spaß mehr in Konstanz. Nicht nur in der Innenstadt, auch im Industriegebiet kämpft man des öfteren mit Warteschlangen und Parkplatznot. Aber mehr noch:

    Mein Eindruck ist schon lange, dass sich in Konstanz mehr und mehr alles nur noch um Einnahmequellen dreht. Tourismus über alles. Für die eigenen Bürger wird nicht viel getan, Da darf es nichts kosten.
    Klar – wenn die Industrie abwandert, wird die Kasse leerer. Aber ein KKH hätte man trotzdem gebaut, obwohl klar war und ist, dass es ein Zuschussbetrieb ist. Wie viele Konstanzer hätten denn vom KKH wirklich einen Nutzen? Und welche Konstanzer? Die Diskussion um das KKH zu neu entfachen ist eine Missachtung des Bürgerentscheides.

  9. Fossibär
    4. Januar 2013 at 01:02 #

    @Hiob: Ich gebe mein Geld schon lange nicht mehr in Konstanz sondern im Umland und im Web aus. Konsumboykott ist für mich kein Thema. Mich treibt eine andere Sorge um – dass nämlich Betriebe wegziehen könnten, weil diese schöne Stadt zu limitiert ist, ihr Verkehrsproblem zu lösen..

  10. B. Lange
    4. Januar 2013 at 11:01 #

    Wann kapieren die Verantwortlichen endlich, dass Konstanz eine Insel ist und regeln den Verkehr entsprechend?

  11. Statler
    18. Januar 2013 at 22:55 #

    Vielleicht sollte man dem Einzelhandel mal dahingehend auf die Sprünge helfen, dass man sich auch als Deutscher mit Wohnsitz in Deutschland einen grünen Ausfuhrzettel aushändigen lässt und hinter der Kasse in Stücke reist.

    Würde dies eine größere Anzahl einheimischer deutscher Kunden tun, würde der Einzelhandel sehr schnell eine Bagatellgrenze einführen.

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