Nach Konstanzer Südkurier-Verkauf: Manche nennen sie die „kleine FAZ“

Mediengruppe Pressedruck in Augsburg hält 51 Prozent des Medienhauses Südkurier – Wird die Lokalzeitung jetzt so gut wie die Augsburger Allgemeine?

Konstanz/Augsburg. Der Online-Auftritt wirkt aufgeräumt und viel übersichtlicher als der wirre Auftritt des Südkurier im Web. Manche blättern in der Druckausgabe und nennen sie die „kleine FAZ“. Dass die Mediengruppe Pressedruck in Augsburg den Konstanzer Südkurier mehrheitlich übernommen hat und in Zukunft den Kurs bestimmt, könnte für Leserinnen und Leser der Regionalzeitung Südkurier eine gute Nachricht sein. Die Augsburger Allgemeine hat einen hervorragenden Ruf.

Medienmagazin schwärmt von Augsburger Allgemeinen

Selbst das Medienmagazin „Journalist“ war zuletzt voll des Lobes für die Augsburger Zeitungsmacher. „Warum die Schwaben eine kleine FAZ machen“, hieß es im Oktober im Vorspann zu einem Beitrag, der den Lokaljournalismus in Deutschland jenseits von Berlin unter die Lupe nahm. Wie anspruchsvoll die Augsburger Allgemeine ist, beschrieb der „Journalist“ ausführlichst am Beispiel der Ausgabe zum zehnten Jahrestags der Anschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September. Die Augsburger gestalteten einen aufwändigen Titel, in dem zwei Schatten, die Umrisse zweier aus Legobausteinen gebauten Türme, über die erste Seite fielen. „Der lange Schatten des 11. September“ stand da zu lesen, einen kurzen Anreißer gab es, keinen Aufmachertext, auch sonst nichts und einen Titel, der vielleicht besser an einen Kiosk in eine Großstadt passen würde.

Augsburger hält Leser nicht für dumm

Was kann der Leser heute noch von einer Heimatzeitung erwarten? „Viele halten den Leser grundsätzlich für etwas belämmert. Man dürfe den Leser nicht überfordern, höre ich immer.“ Mit dieser Aussage zitierte der „Journalist“ Markus Günther, den Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen. Der Chefredakteur glaubt, die größte Gefahr wäre es, den Leser zu unterfordern – so stand es im Journalist. Die Augsburger Allgemeine geht einen anderen Weg – sie glaubt an den mündigen Leser.

Anspruchsvolle Zeitungsmacher für anspruchsvolle Leser

Überlegungen, bei der Augsburger Allgemeinen den Fokus auf den Nutzwert zu werfen, seien wieder verworfen worden, heißt es. Die Rede ist bei der „kleinen FAZ“ statt dessen von der regionalen Umsetzung der großen überregionalen Themen, von längeren Texten und von der Autorenzeitung.

Was am Südkurier missfällt

In Konstanz sitzt Rainer Wiesner, Geschäftsführer des Medienhauses Südkurier. Er hat der Regionalzeitung zusammen mit Chefredakteur Stefan Lutz auch all das verordnet, was den Südkurier als Zeitung und vor allem auch als Arbeitgeber zunehmend unattraktiv machte. Sparen auch auf Kosten der Redaktion scheint angesagt. Wiesner verweigerte der Belegschaft zum Beispiel bis heute einen Haustarifvertrag. Die Redakteure sollen ihr Gehalt individuell aushandeln. Den Tarifverbund hat das Medienhaus aus Kostengründen verlassen. Als die Redakteure und Drucker in den Ausstand traten, berichtete der Südkurier nicht einmal über ihren Streik. Streikbrecher füllten statt dessen die Spalten mit Texten. Tageszeitungsleser wurden zum Beispiel über so wichtige lokale Themen wie über „Dübel“ detailliert und umfassend informiert. Samstags darf es gern auch einmal eine Sütterlin-Schreibstube auf der Eins sein. Zuletzt verärgerte der Konstanzer Südkurier treue Abonnenten, indem er die Kulturberichterstattung schrumpfte. Das Bildungsbürgertum fühlt sich seither vor den Kopf gestoßen – eine öffentliche Diskussion über den Kurs und die Inhalte der Zeitung verweigerte das Medienhaus den Lesern. So haben es Kulturinteressierte berichtet. Darf Wiesner womöglich bleiben?

Den Südkurier trimmen

Die Geschichte des Südkurier begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Johannes Weyl erhielt 1945 von der französischen Besatzungsmacht eine Lizenz und gründete die Zeitung. 1980 kaufte die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck 25 Prozent der Anteile des Familienbetriebs. 1990 übernahm die Verlagsgruppe Holtzbrinck die restlichen Gesellschaftsanteile. Am Montagmittag gab die Mediengruppe Pressedruck in Augsburg nun bekannt, dass sie 51 Prozent des Südkurier übernommen hat. Das Sagen hat ab sofort nicht mehr der Holtzbrick Verlag, der freilich weiterhin die restlichen Anteile hält. Gemeinsam werde nun der Südkurier weiterentwickelt, versprach Alexandra Holland, geschäftsführende Gesellschafterin der Mediengruppe Pressedruck und Herausgeberin der Augsburger Allgemeinen, am Montag in einem Zeitungsinterview mit dem mehrheitlich erworbenen Südkurier.

Träumen von der FAZ vom Bodensee

Hoffentlich – so dürften es sich viele enttäuschte Leser wünschen, die mit dem Gedanken spielen, das Sükurier-Abo zu kündigen – packen sie’s tatsächlich an. Fest steht: Es gibt für die Augsburger eine Menge zu tun. Südkurier-Abonnenten können nun erst einmal davon träumen, bald eine ähnlich anspruchsvolle Zeitung wie die „Augsburger Allgemeine“ in ihren Briefkästen stecken zu haben. Doch der Weg zu einer „kleinen FAZ“ vom Bodensee ist steinig und weit.

Foto: Augsburger Allegemeine

3 Kommentare to “Nach Konstanzer Südkurier-Verkauf: Manche nennen sie die „kleine FAZ“”

  1. dk
    21. November 2011 at 21:28 #

    Der Holtzbrick Verlag scheint sich eher für digitale Medien international zu interessieren, wobei in vergangenen Jahren nicht alles (wie gewünscht) gelungen ist.

    … sie glaubt an den mündigen Leser. …

    Vielleicht wird der „Glaube“ erschüttert, wenn man als „kleine FAZ“ regionale Poltik am Bodensee darstellen soll.

  2. antares
    22. November 2011 at 02:54 #

    „dk sagt: Der Holtzbrick Verlag scheint sich eher für digitale Medien international zu interessieren, wobei in vergangenen Jahren nicht alles (wie gewünscht) gelungen ist.“

    Der Konzern ist aufgeteilt zwischen den Brüdern von Holtzbrinck, wobei Stefan vH der mit dem Südkurier und den Internet-Gesdchäften ist platt ausgedrückt. Kulturell so hochstehende Werte wie die „Zalando“-Werbung („Schrei vor Glück“) werden also quersubventioniert. Mit dem tariflosen Zustand des SK, gestrichenen Leistungen wie Antrittsgebühr in der Druckvorstufe (MediaPro) und ähnlichen Errungenschaften des Rückschritts in die soziale Steinzeit.

    Schön wäre es ja, bekäme der SK nochmal die Kurve zur Zeitung; aktuell geht es ja eher in Richtung Yellow Press. Und den Beschäftigten des Unternehmens käme etwas mehr Fairness im Umgang bestimmt nicht unrecht. Allein, die Bestrebungen in diese Richtung müssen die Investoren aus der Fuggerstadt erst unter Beweis stellen.

  3. dk
    22. November 2011 at 09:01 #

    Brüdern von Holtzbrinck
    Meine Notiz bezog sich auf eine kurze Mitteilung über StudiVZ als SocialMedia, dass verkauft werden sollte und keine Käufer gefunden hat. Die Erwartungen zur Konkurrenz „Facebook“ waren sicherlich höher. Es handelte sich eher um eine allgemeine IT-Nachricht.

    Rückschritts in die soziale Steinzeit
    Das Thema wurde politisch gewünscht: die Perspektive „Höhlenbewohner“ hat einige Jahre viel Angst bewirkt; inzwischen sieht man die geringere Wohnkultur der „Holzhütten“ in Teilen des Nordens und Ostens als Lichtschimmer und Notlösung an. Die Fähigkeiten, mit Realitäten optimaler umzugehen, scheint dort ausgeprägter; man begnügt sich eher mit gewohnten 2-3 Sternen, die man hoffentlich halten kann.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Hartz-Konzept

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