Nackter Papst in bester Gesellschaft

Schweizer Fernsehen fand einfach keine Gegner

Konstanz (gro) So sehr sich Barbara Seiler auch mühte – die aus Zürich angereiste Redakteurin von „Kulturplatz“ hat beim Lokaltermin in Konstanz einfach niemanden gefunden, der sich gegen die Papstfigur im Foyer des umgebauten Bahnhofs aussprechen wollte.

Umfrage ergab eindeutigen Trend

Im Gegenteil, die befragten Frauen und Männer zeigten sich entweder angenehm überrascht über die Papstfigur, die sonst nur in luftiger Höhe zu sehen ist – oder sie fanden das 700 Kilo schwere Werk aus der Werkstatt von Bildhauer Peter Lenk „einfach Klasse“. Der Bericht im 1. Programm des Schweizer Fernsehens war eingebettet zwischen einem Beitrag über den anhaltenden „Star Wars“-Kult, Ugo Rondinones Traumwelt im Aargauer Kunsthaus („Die Nacht aus Blei“) und die „Kultur der Korruption“ mit einem Interview von Krimi-Autor Petros Markaris in Athen über den Niedergang Griechenlands. Kurzum, Lenks nacktes Päpstlein befand sich in allerbester Gesellschaft.

Peter Lenk: „Diese Diskussion hat nichts mit Kunst zu tun“

Als Künstler Lenk in der Sendung, die am späten Mittwochabend ausgestrahlt wurde, zu Wort kam, legte er Wert auf die Feststellung, dass die neuerliche Diskussion seiner Meinung nach viel mit politischem Populismus und überhaupt nichts mit Kunst zu schaffen habe. Er sei gebeten worden, die Figur zur Verfügung zu stellen. Dieser Bitte sei er nachgekommen. Genau so bereitwillig werde er seine Figur auch wieder abbauen, allerdings erst dann, wenn ihm klar gesagt werde, wer dies wünscht und mit welchen Argumenten dies verlangt wird. Diese Auskünfte seien ihm bisher verweigert worden: Dies sei „geheim“. Damit könne er sich nicht zufrieden geben, sagt Lenk.

Eine Sendung, die auch für Aufklärung sorgte

„Kulturplatz“ sorgte in bester journalistischer Manier für Aufklärung: Die Ablichtung der grossformatigen „Bild“-Berichte, die im Stuttgarter Raum von einem „splitterfasernackten Papst Benedikt“ fantasiert und einen leibhaftigen Landesinnenminister und einen ebenso real existierenden Generalsekretär der Südwest-CDU zu einer regelrechten Verdammung Lenk’scher Kunst geführt hatten – diese Hinweise machten die ganze Aufregung erst verständlich. Und auch die Forderung von Peter Lenk nach demokratischer Transparenz.>

Wenn es der Landesregierung nicht gefällt…

Für den Schweizer „Kulturplatz“ sei der „Lokaltermin beim nackten Papst in Konstanz selbstverständlich ein Pflichttermin gewesen, liess Redakteurin Barbara Seiler verlauten. Heimische Sender – der SWR ist ein gutes Beispiel dafür – sehen das offensichtlich anders. Der SWR blieb selbstverständlich fern, als in Konstanz die erste Mobilätszentrale Deutschlands ihren Betrieb aufnahm, in der neben der Deutschen Bahn auch ein ausländisches Bahnunternehmen (es sind die SBB) sein Angebot zur Verfügung stellt. Schliesslich wird dort auch eine Skulptur ausgestellt, die der Landesregierung nicht gefällt.

Ein Kommentar to “Nackter Papst in bester Gesellschaft”

  1. Fenedig
    28. Mai 2010 at 10:55 #

    Auch Schweizer TV-Redakteurinnen wenden sich bei solcher Gelegenheit bekanntlich gerne an das Fussvolk. Entsprechend sind Antworten im Sinne der Berichterstattung Programm. Was für einmal positiv zu klingen hat, veränderte sich bei der gleichen Mikrofonkundschaft z.B. bei Max Bill’s Granitskulptur 1983 an der Zürcher Bahnhofstrasse dann wohl ins Negative. So ist das halt.

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