Neues Denken in der Konstanzer Spiegelhalle

Konstanz. In Konstanzer Köpfen ist wieder Platz für ein Haus für Kultur in Konstanz. Am Donnerstagabend stellten Studierende der HTWG ihre Arbeiten für ein Haus mit dem Arbeitstitel „Musiktheater“ vor. Die Konstanzer Spiegelhalle war rappelvoll. Die Botschaft des Abends lautet: Konstanz ist nach dem Bürgerentscheid von 2010 bereit ein Haus für Kultur neu zu denken.

Anstösse in der Spiegelhalle

Den Anstoss gegeben hatten Theaterintendant Christoph Nix, der selbst kein neues Haus braucht  („Priorität hat ein Konzertsaal“) und es auch nicht bekäme und die Fakultät Architektur der HTWG Konstanz. Prof. Stephan Romero, Prof. Lydia Haack und ihre Studierenden planten die Stadt weiter. Acht Modelle haben die Studierenden präsentiert. Fiktiv überbaut haben die Nachwuchsarchitekten das Hafenareal mit dem Werftgelände, einen Teil des Heroséparks und den Büdingenpark.

Die Gesprächsteilnehmer

Nix spielte zunächst den Platzanweiser (es kamen mehr Zuhörer als Plätze vorhanden waren) und bei der anschließenden Podiumsdiskussion dann den Moderator. Nicht ganz brav, nicht ganz gradlinig, ein bisschen wirr und auch mal oberlehrerhaft, rüffelte er zwischendurch gleich mal Stadtrat Holger Reile (LLK) („Das ist nicht Diskussionsgegenstand“). Beat Fehlmann, designierter Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie, hatte am Nachmittag aus beruflichen Gründen noch kurzfristig abgesagt. So sagte es Nix. Dr. Günther Schäfer, Vertreter der Bürgerinitiative “Nein zu Klein-Venedig”, Wolfgang Müller-Fehrenbach (CDU), Roland Wallisch (FGL), Jürgen Leipold (SPD), Christoph Bauer (FWG) und Dr. Heinrich Everke (FDP) aber beteiligten sich engagiert am Podiumsgespräch.

Klein Venedig ist raus

Dass das Gelände Klein Venedig als Standort für ein Musiktheater nicht mehr in Frage kommt, machte ausgerechnet Wolfgang Müller-Fehrenbach (CDU) klar. Er sagte, seiner Meinung nach habe es vor dem Bürgerentscheid 2010 den Wunsch nach einem großen Konzerthaus gegeben. Alles wäre Recht gewesen. Der Ort sei falsch gewesen. Enttäuscht gab sich Müller-Fehrenbach, weil die damaligen Gegner keine neuen Standortvorschläge mehr gemacht hätten. Über Standortalternativen zu diskutieren, könne ein Anfang sein, so der Kommunlapolitiker, der mindestens selbst schon mindestens zweimal miterlebte wie ein Konzerhaus den Seerhein hinunter ging. Weiter schlug Müller-Fehrenbach vor, unbedingt die Begriffe zu klären. Was, so fragte sich nicht nur der CDU-Stadtrat zu diesem Zeitpunkt noch, meinte Christoph Nix eigentlich mit einem „Musiktheater“?

Von Wünschen und Möglichkeiten

Christioph Bauer merkte an, dass er beim Versuch, ein KKH zu bauen 2010 enttäuscht darüber war, wie schlecht das Projekt vorbereitet gewesen sei. Die Stadt müsse nun ihre Wünsche den Möglichkeiten gegenüberstellen. Dass Konstanzer Schüler ihren Abiball in der Singener Stadthalle feiern, hält der Freie Wähler Bauer aber wohl nicht für eine Dauerlösung.

Keine Sieger Allüren bei ehemaligem Gegner

Der ehemalige KKH-Gegner Günther Schäfer erinnerte daran, dass die „Bürgerschaft“ 2010 eine klare Entscheidung getroffen habe. Er sprach von einem schlechten Konzept, einer schlechten Verkehrsanbindung und einem schlechten Standort. Die Bürgerinitiative habe damals „etwas Schlechtes verhindert, aber nichts gewonnen“. Gefallen habe ihm, dass sich die Studierenden mit dem Thema Stadtentwicklung beschäftigten. Ein Malus 2010 war nach Überzeugung Schäfers, dass die Bürger nicht eingebunden waren.

Den Verkehr nicht mit denken

Der Grüne Roland Wallisch, der auch für eher utopische Vorschläge bekannt ist, stellte klar, dass er sich eine Standortdiskussion wünscht, bei der die Verkehrsanbindung keine Rolle spielt. Es gehe darum, was die Konstanzer wollten und wo sie es wollten. Das dürfe die Stadt nicht vom Verkehr abhängig machen. Der Stadtrat aus der Fraktion der FGL schwärmte für Wasserbusse und sagte, dass in Kopenhagen ein Opernhaus ohne einen einzigen Parkplatz entstanden sei. Wallisch sagte mit Blick auf die Priorisierung des Verkehrs: „Wenn wir so weiterdenken, werden wir in dieser Stadt nichts zustande bringen.“

Christoph Nix grätschte dazwischen

Die Gesprächsteilnehmer verweigerten sich, wie sich schnell zeigte, einer neuen Debatte nicht und sind bereit ein „Musiktheater“ neu zu denken. Umso überraschender war da ein Einwurf von Christoph Nix. Der Intendant des Theaters platze mit der Aussage dazwischen: „Ich glaube nicht, dass solch ein Haus entstehen könnte.“ Andere Städte, die finanziell viel schlechter da stünden, hätten sich aber Kulturhäuser geleistet, fügte er hinzu. Nix sprach von Erfurt, Paderborn und Linz in Österreich.

Zuerst das Orchester

Jürgen Leipold vermisste am Donnerstagabend offenbar Alternativvorschläge. Sämtliche Standorte, die die Studierenden für ihre Projekte ausgewählt hätten, seien schon im Gespräch gewesen. Eine klare Absage erteilte der SPD-Stadtrat einem Kongresszentrum. Leipold sagte: „Wir haben ein schönes Tagungszentrum – das Konzil.“ Für den SPD-Politiker ist klar: Das Orchester brauche einen Konzertsaal. Leipold brachte das Areal des Vincentius-Krankenhauses wieder ins Spiel. Leipold nahm auch den Ball Müller-Fehrenbachs auf und stellte klar, dass es nicht ums Theater gehe. In Richtung Christoph Nix sagte Leipold: „Das Orchester ist mir zu kurz gekommen.“ Ein multifunktionales Haus sieht Leipold anscheinend auch kritisch. Einen Konzertsaal mit 1.000 oder 1.100 Plätzen könne er sich vorstellen, ob sich in Konstanz ein Theater mit 800 oder 1.000 Plätzen füllen ließe, bezweifle er. Finanziell sieht Leipold übrigens weniger schwarz als andere in Konstanz. Er sagte, in Zeiten, in denen Konstanz finanziell schlechter aufgestellt war als heute, hätte die Stadt, wenn auch mit Fördermitteln, das Kulturhaus beim Münster gebaut. Leipold kennt das Spiel – er sitzt wie Müller-Fehrenbach seit Jahrzehnten im Rat.

Abstimmung mit den Füßen

Heinrich Everke sagte, er sei nach dem Bürgerentscheid enttäuscht gewesen. Dass so viele Menschen zur Debatte in die Spiegelhalle gekommen seien, zeige, dass Teile der Bevölkerung ein Kulturhaus wollen.

Ein Haus für die Kultur und Konstanz

Was sie sich unter einem Haus für die Kultur und für die Konstanzer vorstellen, hatten die Studierenden zuvor beschrieben, als sie ihre Entwürfe vorstellten. Von Bühnentürmen war die Rede, von Schiffsdecks und auch von Dachterrassen und dem Blick auf den See. Es gab Probe- und Kleinbühnen, eine Foyerbühne, Säle, sogar Parkplätze und es ging immer auch um die Aufwertung des öffentlichen Raums.

Die Diskussion läuft

Die Studierenden, die Konstanz nach Beendigung ihres Studiums mutmaßlich wieder verlassen werden, haben zusammen mit ihren Professoren und dem Theater eine Debatte angestoßen. Seit Donnerstagabend steht fest: Es könnte Spaß machen, neu zu denken. Ein Wiedergänger des beim Bürgerentscheid abgelehnten KKH wäre ein Musiktheater sicher nicht und nur fiktiv ist es auch nicht mehr. Oder, hätten sich sonst so viele ernsthafte Menschen aufs Podium gesetzt? Es gehe im nur um Theaterabos, ulkte Nix. Dem  „enfant terrible“ sei Dank, dass es anders ist.

 

 

 

 

 

Ein Kommentar to “Neues Denken in der Konstanzer Spiegelhalle”

  1. dk
    10. Januar 2013 at 23:18 #

    … Es könnte Spaß machen, neu zu denken. …

    Ein meisterlichter Satz. Im naturwiss. Gymnasium des 19. Jh. konnte man im Treppenaufgang lesen: „Lerne um zu leben, lebe um zu arbeiten“ lesen.
    Der Satz „Denken macht Spass“ ist motivierender als eine Karriereplanung.

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