NZZ und Tamedia haben ihre Reviere abgesteckt

Schweizer Zeitungs-Tauschhandel seit Montag perfekt

Zeitungslandschaft in der SchweizKreuzlingen/Konstanz. Was Mitte April des vergangenen Jahres bekannt wurde, ist im neuen Jahr vollzogen worden, auch in der Konstanzer Nachbarstadt gibt es nun nur noch eine einzige Tageszeitung: die „Thurgauer Zeitung“. Der Titelname täuscht, die althergebrachte Zeitung dieses Namens, die bisher zur Tamedia („Tagesanzeiger“) gehörte, ist aufgegangen im früheren „Tagblatt“, einem Ableger des „St. Galler Tagblatts“, der Kreuzlingen und dem Thurgau etliche Jahre den Luxus zweier kompletter Tageszeitungen bescherte. Damit ist nun, nach dem Vollzug des wichtigsten Schweizer Zeitungs-Tauschhandels der letzten Jahre, Schluss.

„Klammer für den Kanton Thurgau“

Die Akteure im Hintergrund sind die Verlagsgruppe der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) und der bereits erwähnten Tamedia (mit dem Flaggschiff „Tagesanzeiger“).. Wesentliche Elemente des Tauschhandels: Zürcher Landzeitungen des NZZ-Reiches sind an Tamedia gegangen, die „Thurgauer Zeitung“ aus dem Einflussbereich der Tamedia ist ins Kopfblattsystem des „St. Galler Tagblatts“ integriert worden, das seinerseits der NZZ-Gruppe zuzurechnen ist. Obwohl es bei der Neuordnung in erster Linie darum geht, Geld und damit Personal einzusparen, gewinnen führende Redakteure der betroffenen Blätter der Flurbereinigung positive Aspekte ab: Unter dem Strich sei es eine gute Nachricht für den Kanton Thurgau. Nun werde aus der „Thurgauer Zeitung“ und der Thurgauer Ausgabe des „Tagblatts“ eine einzige Zeitung gebildet, die „als eigentliche publizistische Klammer den Zusammenhalt im Kanton“ fördere, hiess es schon im vergangenen Frühjahr aus Richtung St.Gallen.

Von wegen Medienvielfalt im Kanton Thurgau

Auch Markus Eisenhut, Chefredakteur des „Tages-Anzeigers“, zeigte sich erfreut: Mit der Marktbereinigung habe die Tamedia die Chance, die Reichweite ihrer Zürcher Regionalzeitungen von 31 auf konkurrenzfähige 48 Prozent“ zu steigern. Nur Konkurrenzfähigkeit ermögliche Unabhängigkeit und publizistische Qualität. Die Zürcher „Wochenzeitung“ (WOZ) erinnert aus diesem Anlass an Folgendes: Als die Tamedia ein paar Jahre zuvor die bis dahin selbständige „Thurgauer Zeitung“ übernahm, wollte sie laut ihrem damaligem Statement „die langfristige Unabhängigkeit der ,Thurgauer Zeitung‘ und die Medienvielfalt im Kanton Thurgau» sichern“. Die WOZ: „Dass Chefredakteure als publizistische Anwälte ihrer Konzerne auftreten, zeigt, dass es schon darauf ankommt, wer Zeitungen besitzt. Die Chefredakteure sind auf ganz natürliche Weise Sprachrohre ihrer Konzerne.“

„Aufgeregt-ratlose Berichterstattung“

Das bedeute nicht, heisst es in der WOZ weiter, dass die Redaktionen gleichgeschaltet seien. Aber gegenüber dem eigenen Haus werde Loyalität verlangt, „eine Loyalität, welche die Unternehmen oft nicht erwidern.“ Nicht von ungefähr mache sich unter den angestellten JournalistInnen und Journalisten Existenzangst breit. Das habe Auswirkungen auf die Publizistik. Die Redaktionen funktionierten immer weniger als Teams, sondern bestünden aus Stars und Fussvolk. Die Angst, Fehler zu machen, sei gross. Häufig werde deshalb reflexartig auf die Nachrichtenlage reagiert. Vogelgrippe und Schweinegrippe, die beiden Scheinpandemien der letzten Jahre, hätten ihre Wirksamkeit dank aufgeregt-ratloser Berichterstattung gewonnen. Je verzweifelter die ökonomische Lage der Zeitungen sei, desto mehr setzten Blattmacher auf Emotionen und vergässen dabei „ihre Pflicht zu aufgeklärter Skepsis und Zurückhaltung“.

Foto: S. Hofschlaeger PIXELIO www.pixelio.de

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