OB-Kandidat Uli Burchardt will Nachhaltigkeit für Konstanz

Oberbürgermeister-Kandidat verzichtet auf Sachthemen – Habitus des Intellektuellen

Konstanz. Der Konstanzer CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Jung setzt bei der Oberbürgermeisterwahl auf Uli Burchardt. Der Förster und Autor soll es im Rathaus richten. Die so genannten bürgerlichen Parteien sind begeistert vom Nicht-Politiker und Nicht-Verwaltungsfachmann.

Konservative noch in Schockstarre

Andreas Jung und Uli Burchardt kennen sich vom RIZ in Radolfzell und aus der Denkerstube. Noch sitzt den so genannten bürgerlichen Parteien die Abwahl von Andreas Hoffmann, der kein schlechter Landtagsabgeordneter für den Kreis Konstanz gewesen ist, in den Knochen. Im vergangenen Frühjahr verlor er seinen Wahlkreis an Siegfried Lehmann (Grüne). Konstanz ist auch sonst eine grüne Stadt. Die Freie Grüne Liste (FGL) stellt die größte Fraktion im Rat und Horst Frank war 16 Jahre Oberbürgermeister der Stadt und der erste grüne Oberbürgermeister Deutschlands überhaupt. Die Konstanzer sind ein bisschen stolz darauf.

Bestseller heißt Nachhaltigkeit

Andreas Jung und seine Kumpanen mögen sich gedacht haben, dass es schick sein könnte, einen Bewerber zu unterstützen, der einen leicht grünen, in jedem Fall aber den Habitus des Intellektuellen hat. Und Unternehmer, wenn auch nur mit einem festangestellten Mitarbeiter, ist er auch noch, was sicherlich die Liberalen zufrieden stellt. Burchardt, der CDU-Mitglied ist, hat sich sehr viel mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit befasst. Mitglied bei Attac ist er außerdem. Andreas Jungs Kalkül ist es wohl, mit Burchardt den Grünen den Rang abzulaufen.

Wieso keine Stabsstelle für bürgerschaftliches Engagement?

Die Pressekonferenz ist vorbei. Uli Burchardt hat schon alles gesagt. Wer zu spät kommt, bekommt nur die Krümel. Zum Schluss sagt er noch Sätze wie „Konstanz hat keine katastrophale Verkehrsanbindung“ oder „Wir sind nicht das Ende der Welt“. Anscheinend hat auch er, wie mehrere OB-Kandidaten, eine Anfrage von bürgerschaftlich Engagierten bekommen, die wissen wollten, wie er es mit bürgerschaftlichem Engagement hält. Burchardt sagt, er könnte sich vorstellen eine Stabsstelle beim Oberbürgermeister einzurichten. Er sagt: „Jeder, der sich engagiert, darf mit Förderung rechnen.“ Vor dem 1. Juli wolle er sich festlegen, ob er die Stabsstelle schaffen möchte. Am 1. Juli ist Wahltag.

Aus Liebe zu Konstanz

Weshalb will einer wie Uli Burchardt Oberbürgermeister in Konstanz werden? Der Kandidat sagt: „Ich liebe Konstanz.“ Für ihn sei es der richtige Zeitpunkt, sagt der 41-Jährige, der Vater einer 13-jährigen Tochter und geschieden ist, was aber weiter nichts zur Sache tut. In Konstanz hat er seine Schulzeit verbracht. Seine Lebensgefährtin werde ihn unterstützen. Er bringe Führungserfahrung und Fingerspitzengefühl mit. Seine Firma würde er, während er OB ist, stilllegen. Am liebsten hätte er die Unterstützung aller Gruppierungen. Am Montagabend war er bei den Freien Wählern.

Vom Wald in die Stadt

Uli Burchardt, Sohn des renommierten Historikers Prof. Dr. Lothar Burchardt, der Mitautor des Helmle-Gutachtens war, ist gelernter Landwirt. Er war Förster und kam zu Manufactum, wo er Mitglied der Geschäftsführung wurde. 150 bis 200 Mitarbeiter gab es damals. 2005 machte er sich dann selbständig. Seither arbeitet er als Unternehmensberater. Im Zuge der Finanzkrise musste er auf Mitarbeiter verzichten – jetzt gibt es noch einen Festangestellten und freie Mitarbeiter. So sagt es Burchardt.

Keine 0-8-15-Stadtpolitik

Mit dem Gedanke, in Konstanz zu kandidieren, habe er sich schon länger beschäftigt. Jetzt sei sein Buch fertig und sechs Wochen für den Wahlkampf hält er für ausreichend. Drei politische Ziele nennt er: Nachhaltigkeit, Dialog und Integration. Behutsam und langfristig wolle er die Stadt entwickeln. Burchardt redet von den großen und kleinen Unternehmen in der Stadt und von den vielen Branchen. Der Handel ist wichtig, sagt er. Wohnen und Verkehr sind weitere Themen. Bessere Angebote wolle er machen, sagt Burchardt und wirft ein Wassertaxi, eine Fähre, einen Wasserbus in die Runde. Vielleicht einen Rundbus um die Altstadt – auf alle Fälle aber keine 0-8-15-Stadtpolitik. Er sei gegen Fracking – wer ist das nicht? Und Windräder auf dem Bodanrück will er auch nicht. Bei der Bürgerbeteiligung gebe es gute Ansätze in Konstanz. Er möchte einen Jugendgemeinderat mit einem Budget und mehr Studierende sollen das Theater und die Philharmonie besuchen. Burchardt spricht von seinem „Bekenntnis zur Hochkultur“. Die Stadt brauche ein Veranstaltungshaus.

Ältestenrat zu Rate ziehen

Er würde in Konstanz gern einen Ältestenrat mit Weisen einrichten. Ob sie aus dem Gemeinderat kommen sollen, lässt er offen. Wir sehen schon Wolfgang Müller-Fehrenbach dort Ratschläge geben. Andererseits will er mehr junge Leute für den Gemeinderat gewinnen – oder besser gesagt, er reflektiert, warum dort so viele Alte sitzen. Ob Konstanz weiter wachsen soll, möchte er mit der Bevölkerung diskutieren und dann die Bürger in einem Bürgerentscheid über die Frage abstimmen lassen.

Déja Vue

Manches was Burchardt sagt, wirkt wie ein Déja Vue. Sabine Reiser, die andere bürgerlich Kandidatin, hat das mit den Wasserbussen auch schon so gesagt und auch, dass sie Angebote machen möchte und Zwangsmaßnahmen eher ablehnt. Burchardt reagiert – darauf angesprochen – sichtlich irritiert und erstaunt. Der Denker kupfert nicht ab. Solche Ideen bringt Burchardt ohne fremde Hilfe hervor. Das glauben wir ihm gern.

Wer ist der/die Grünste in der Stadt?

Trotzdem dürfte sich in den kommenden Wochen auch die Frage stellen, wer ist das Original und wer die Kopie? Wer denkt tatsächlich nachhaltig und grün und wer kann seine grünen Ideen am Ende auch umsetzen? Braucht es tatsächlich gar keine Verwaltungserfahrung? Immerhin zehn Kandidierende werben um die Gunst der Konstanzer Wählerinnen und Wähler. Antworten gibt es am 1. Juli.

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