OB-Wahl: Der Abend, an dem sich die Spreu vom Weizen trennte

Kandidatinnen und Kandidaten hatten nur 60 Sekunden Zeit – Schwäbischer Verlag punktete mit Format

Konstanz. Beim OB-Wahlkampf in Konstanz gab es einen ersten Gewinner. Es war nicht Uli Burchardt, nicht Sylvia Grossmann, nicht Thomas Linz, nicht Martin Luithle, nicht Mykola Neumann, nicht Sabine Reiser oder Sabine Seeliger, nicht Klaus Springer, nicht Henning Tartsch und auch nicht Sven Zylla, sondern es war das Format. Die Veranstalter des zweiten Podiumsgesprächs zur OB-Wahl, der Treffpunkt Konstanz, der Konstanzer Wirtekreis, die Dehoga Konstanz, die Wirtschaftsjunioren Konstanz-Hegau, der Konstanzer Tourismusförderverein und der Einzelhandelsverband Südbaden, haben mit ihren Medienpartnern Magazin E1NS, akzent, Radio 7 und Regio TV am Dienstagabend ein Zeichen gesetzt und die Messlatte für alle folgende Veranstaltungen hoch gelegt. Zum ersten Mal trennte sich die Spreu vom Weizen. Das sagten wenigstens viele, die am Abend ins Konzil gekommen waren.

Die Zeit läuft – 60 Sekunden zum Reden

Nur jeweils 60 Sekunden Zeit hatten die Bewerberinnen und Bewerber, um ihre Aussagen zu unterschiedlichen Themen zu machen. Diese knappe Zeit reichte einigen Bewerberinnen und Bewerbern, um sich zu profilieren, anderen, um sich zu blamieren. Die erste Frage lautete schlicht: „Warum möchten Sie Oberbürgermeister(in) in Konstanz werden?“ Zehn von 13 Kandidatinnen und Kandidaten stellten sich vor. Wer in der ersten Reihe saß, schaute den Frauen und Männern auf der Bühne direkt in die Augen. Wer weiter hinten im Saal einen Platz gefunden hatte, sah nicht weniger und blickte entspannt auf einen der vielen Flachbildschirme im Oberen Konzilsaal. Keine Mimik und kein Blinzeln entging dem aufmerksamen Publikum.

Manche Kandidaten denken groß

Der erste Trailer lief. Das Thema Nummer eins war der Verkehr. Sabine Seeliger sagte, dass sie gegen Denkverbote sei und für mehr (!) Parkplätze bei der Schänzlebrücke und am Zollhof. Sabine Reiser nannte das Stichwort P+R, zeigte sich gut informiert und erklärte, sie würde gleich mal den Baugrund auf dem Döbele untersuchen. Uli Burchardt mühte sich und führte aus, die Parkhäuser seien voll. Es brauche P+R. Sven Zylla möchte – die Anderen hatten das Andere ja schon gesagt – Buslinien von Kreuzlingen nach Konstanz fahren lassen und den Seehas nutzen. Henning Tartsch sagte, Konstanz mit seinen 80.000 Einwohnern habe großstädtischen Verkehr. Martin Luithle möchte ein mobiles Parkhaus aufs Döbele bauen, was auch keine ganz neue Idee ist, und Thomas Linz will einen Rundverkehr um die Stadt. Klaus Springer möchte wie Boris Palmer den fahrscheinlosen Bus und Sylvia Grossmann will Schweizer mit dem Shuttlebus nach Konstanz bringen und keine zusätzlichen Parkplätze in der Stadt. Immerhin, sie ist Stadtführerin (!) und kennt sich aus – sicherlich viel besser als zum Beispiel die Juristin Sabine Reiser und der Verwaltungswissenschaftler Sven Zylla, die zwar beide Regierungsdirektoren sind, aber von auswärts kommen und Sylvia Grossmann wahrscheinlich schon deshalb das Wasser nicht reichen können (Vorsicht Ironie!). Mykola Neumann glaubt nicht, dass Konstanz das Verkehrsproblem ohne Kreuzlingen lösen kann. Auf die Statements folgten kurze Fragen, die die Kandidierenden nur mit einem Ja oder Nein beantworten sollten – und zum Zeichen mussten sie Farbe bekennen und eine grüne oder rote Karte hochhalten. Es hat geklappt. Sie haben kaum gespickt.

Weiße Schimmel und tote Hose

Zum Thema Handel fiel Thomas Linz ein, dass sich viele Geschäfte in Konstanz nur ein Jahr halten können. Die Mietpreise müssten niedriger sein. Martin Luithle sagte, ein OB könne nur an bestimmten Stellschrauben drehen. Sabine Reiser würde auf gar keinen Fall ein weiteres Lago aufs Döbele bauen, denn der Handel profitiere sehr vom Kurs des Schweizer Franken und der könnte auch wieder einmal fallen. Henning Tartsch würde den Bahnhofsboulevard aufmotzen und Sven Zylla findet das Zentrenkonzept richtig, weil verödete Innenstädte anderswo recht abschreckende Beispiele sind. Uli Burchardt sang ein Loblied auf inhabergeführte Geschäfte und forderte „kreative Ideen“. Sylvia Grossmann überraschte die geneigte Zuhörerschaft mit der Aussage: „In der Zollernstraße ist tote Hose“. Sie lamentierte noch ein bisschen über die Stellplatzablöse. Ihren Laden habe sie untervermietet. Sabine Seeliger sagte: „Konstanz kann nicht billig.“ Sie wolle ein Märktekonzept – günstige Möbel gibt es anderswo, wo mehr Platz ist. Sabine Seeliger tat sich schwer. Es sollte kein Abend mit grünen Themen werden.

Kandidat hinter Säulen

Moderator Markus Hotz, ein alter Moderatoren-Hase, fragte sich geschickt durch den Abend. Die Trailer machten anschaulich, wo der Schuh in Konstanz drückt. Streng genommen reichten 60 Sekunden aus, um zu hören, wer etwas, wer mehr und wer weniger zu sagen hatte oder wer gar vom Blatt ablas. Zu Streitgesprächen kam es so nicht. Uli Burchard holte sich zwischendurch einen Sonderapplaus, als er um die Säulen im Konzil tänzelte.

Von Gewinnern und Verlierern

Eine kurze Fragerunde folgte noch ganz zum Schluss und nach nicht einmal zwei Stunden war das informative, kurzweilige Podiumsgespräch auch schon zu Ende. Besser kann es Maischberger auch nicht. Hinterher standen die zehn Kandidatinnen und Kandidaten im Foyer an Bistrotischen noch in persönlichen Gesprächen Rede und Antwort. Der Narr und der Pirat, Andreas Kaltenbach und Benno Buchczyk, hatten sich zu spät beworben, um noch eingeladen zu werden.  Sie bestrafte das Leben. Auch Roman Urban fehlte. Sie haben eine Chance verpasst: Denn zu hören war von vielen Seiten, dass es am Abend Gewinner und Verlierer gegeben habe.

Kandidatinnen und Kandidaten kennenlernen

Wer sich eine Meinung bilden möchte, könnte einen Augen- und Ohrenzeugen fragen, der oder die am Dienstagabend im Konzil mit dabei gewesen ist. Oder noch besser: Die Auftritte der Kandidierenden im Real Life und in der virtuellen Welt einfach einmal anschauen. Besonders empfehlenswert sind persönliche Gespräche. Die meisten Kandidatinnen und Kandidaten müssten in den kommenden Wochen zum Beispiel auf Wochenmärkten anzutreffen sein. Außerdem folgen noch viele weitere Podiumsdiskussionen sowie die offizielle Kandidatenvorstellung der Stadt Konstanz, die am Dienstag, 19. Juni, im Konzil stattfindet. Die Uhrzeit steht noch nicht fest. Fragen sind an dem Abend nicht zugelassen.

5 Kommentare to “OB-Wahl: Der Abend, an dem sich die Spreu vom Weizen trennte”

  1. Hans Paul Lichtwald
    6. Juni 2012 at 10:58 #

    Ein „zu spät“ kann es ja für die zugelassenen Kandidaten nicht geben, nur für den Veranstalter. Dass 13 Kandidaten kein Zuckerschlecken für eine Podiumsvorstellung sind, ist keine Frage. Ob da irgendwo eine Vorauswahl für das Publikum möglich ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Interessanter wäre für den Leser, wieviele Leute denn überhaupt bei der Veranstaltung waren?

    • wak
      6. Juni 2012 at 11:16 #

      @ Hans Paul Lichtwald Es war locker bestuhlt, ich denke mehrere Hundert waren es im Oberen Konzilsaal sicher. Bin mir aber nicht sicher und habe die Zahl deshalb weggelassen.

  2. Ekkehard Greis
    6. Juni 2012 at 12:59 #

    Es waren rund 600 Personen.

    Ekkehard Greis
    1. Vorsitzender Treffpunkt Konstanz.de

  3. Stefan Kühlein
    6. Juni 2012 at 13:15 #

    Als Medienpartner war ich auch vor Ort und habe 650 Besucher geschätzt.

    Bei uns im Programm von Regio TV bringen wir die komplette Podiumsdiskussion am Fronleichnamsdonnerstag 07. Juni ab 18 Uhr – wie gewohnt auf Satellit und im Kabel.

    Viele Grüße

    Stefan Kühlein
    Programmchef &
    Marketingleiter Regio TV

  4. Wo.Becker
    8. Juni 2012 at 07:42 #

    Der Südkurier schätze ca 800.

    Es steht im Beitrag „Den rund 800 Gästen entgeht keine Regung der Kandidaten“

    In keinem der bisher gelesenen Beiträge steht, dass einige Kandidaten nicht mal in der Lage waren gestellten die Fragen zu beantworten.
    Sie Beantworteten wohl ihre eigenen, aber nicht gestellten Fragen.

    Das Publikum war sehr aufmerksam und still und lies selten Bewertungen freien lauf.

    Eine wirklich gelungene Veranstaltung.

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