OB-Wahl Konstanz: Kandidaten-Casting mit Schmidt-Degenhard

Fernsehmoderator Meinhard Schmidt-Degenhard nicht ohne Sicherheitsleine – Einer für alle – alle für einen

Konstanz. Er wird angeblich von vielen Freien Wählern und von Teilen der FDP umworben. Seine Bewerbung in den Rathausbriefkasten eingeworfen hat er noch nicht. Der Fernsehmoderator Meinhard Schmidt-Degenhard, der Ressortleiter Gesellschaft, Religion, Ethik beim Hessischen Rundfunk ist, will sich für die OB-Wahl am 1. Juli nur bewerben, wenn die bürgerlichen Fraktionen und Gruppen geschlossen hinter ihm stehen. Meinhard Schmidt-Degenhard möchte als „der“ Kandidat der Bürgerlichen antreten, um die Grüne Sabine Seeliger zu verhindern. Das ist sein Wahlziel. Das sagte er so bei einer öffentlichen Fraktionssitzung der FDP am Montagabend. Dafür ist es aber wohl schon zu spät: Die Stimmen werden sich mutmaßlich splitten. Denn Sabine Reiser hat ihre Kandidatur bereits erklärt und die SPD kündigte an, sie wolle nicht ohne eigenen Bewerber in den Wahlkampf ziehen. Fünf Bewerber, darunter zwei oder drei ernsthafte, haben bereits angegeben.

Eloquenter Moderator

Meinhard Schmidt-Degenhard, der auf der Konstanzer Theaterbühne in der vergangenen Spielzeit noch eine Talkrunde, den „Fight Club“ moderierte, ist eloquent. Sein größtes Kapital: Er kann gut reden. Wenn es um Konstanz geht, bleibt er dagegen vage. Er formuliert Ziele so allgemein, so dass ihm wahrscheinlich auch die beiden Bewerberinnen Sabine Seeliger und Sabine Reiser an vielen Punkten zustimmen könnten. Auf die Frage, was er denn als Oberbürgermeister zur Chefsache machen würde, antwortete Meinhard Schmidt-Degenhard dagegen eher spärlich nur, dass es im Rathaus einen Jour Fix geben würde und er vor Gemeinderatssitzungen Gespräche führen würde, in denen sich die Fraktionen abstimmen. Ein bisschen hörte sich das fast nach nichtöffentlicher Mauschelrunde an.

Stadortvorteil „Willkommenskultur“

Meinhard Schmidt-Degenhard ist 56 Jahre alt. Er glaubt, dass er ein sehr guter Oberbürgermeister für die Stadt wäre. Er sei überparteilich und deswegen der richtige OB für Konstanz, meint er. Eine handvoll Themen aufzuzählen, die ein OB in den kommenden acht Jahren auf seine Agenda schreiben müsste, gehört nicht sehr viel. Meinhard Schmidt-Degenhard nannte die Ökonomie, sozialdemografische Herausforderungen, Ökologie, Kultur und das, was er seine Agenda 2020 nennt. Unternehmen möchte er vor allem mit einer „Willkommenskultur“ nach Konstanz ziehen. Vertrauen sei wichtig.

Anleihe bei Mackie Messer

Der noch unentschlossene Kandidat rührte fast zu Tränen, als er von der freundlichen Verkäuferin im Konstanzer Einzelhandel sprach, die sich angeblich so sehnlich wünsche, mit ihre Familie ein Eis in einem Eiscafé auf der Marktstätte zu essen, es sich aber nicht leisten könne. Der Autor und Journalist zitierte aus Brechts Moritat von Mackie Messer („Und man siehet die im Lichte. Die im Dunkeln sieht man nicht.“) Er sagte nur „Sonne“ statt „Licht“. Die Jobs der Zukunft sieht Schmidt-Degenhard im Dienstleistungssektor, auch im Pflegebereich. Schließlich ziehen ja viele Ruheständler in die Stadt.

Balance beim Thema Verkehr

Das Verkehrsproblem will er lösen und dabei die Interessen des Handels genauso berücksichtigen wie die Ökologie. Schmidt-Degenhard sprach von Balance. Es brauche „pragmatische Lösungen“. Das wird wohl jeder Bewerber und jede Bewerberin für das Amt im Rathaus so oder so ähnlich sagen.

Wer ist Schmidt-Degenhard?

Ansonsten meinte Schmidt-Degenhard, die Stadt müsse sich neu positionieren. Er fragte: Wer sind wir? Wie wollen wir uns aufstellen? Das Konziljubiläum sei ganz wichtig – in Schmidt-Degenhards Welt mindestens genauso wichtig wie, dass sich die Einkäufer aus der Schweiz in der Stadt willkommen fühlen. Bei der Kultur müsse man wohl Prioritäten setzen, sagte der mögliche Kandidat, der beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen arbeitet und als Talkmaster im öffentlich subventionierten Stadttheater auf der Bühne moderierte.

Grüne Gefahr namens Sabine Seeliger

Mit „Haut und Haaren“ wolle er, der parteipolitische nicht gebundene Moderator für die Stadt da sein. „Ich mit meiner Persönlichkeit“, sagte Schmidt-Degenhard. Die Fragen lauten: Welches Konstanz wollen wir – welches Konstanz würde Schmidt-Degenhard wollen, wenn er kandidieren würde? 16 Jahre Horst Frank seien nicht die „verkehrtesten“ für die Stadt gewesen, sagt der Moderator. Jetzt sieht der noch unentschlossene Schmidt-Degenhard die Stadt aber in Gefahr. Schmidt-Degenhard sagte wörtlich: „Wir müssen verhindern, dass Konstanz in eine dunkelgrüne, miefige Provinzialität abrutscht.“ So formulierte es Schmidt-Degenhard. Die Stadt müsse deswegen entscheiden, wer oben stehe. Seine Bedingung: Die Bürgerlichen müssten einheitlich auftreten, um die Stadt vor der grünen Gefahr zu retten. Der Retter aus Hessen wenigstens wäre bereit.

Auf „Menschenführung“ komme es an

Auf dem Spiel stehe für Konstanz so einiges. Da hat der mögliche Kandidat wohl Recht, der seine Verwaltungserfahrung aus seiner Anstellung beim Hessischen Rundfunk mitbringt. Führungs- und Verwaltungserfahrung habe er, wenn er sie auch nicht in einem Rathaus gesammelt habe. Mit Mitarbeitergesprächen kenne er sich zum Beispiel aus. Personalführung, besser „Menschenführung“ – das sei der schönere Begriff – sei entscheidend. Wer von den anderen Bewerbern wollte ihm da widersprechen und wer würde der Aussage nicht zustimmen, dass es schlimm ist, wenn der Fisch vom Kopf stinkt? Den Parteien hat der „Überparteiliche“ Versagen bei der Kandidatenfindung vorgeworfen. Der Autor warf noch das Wort „Politikverdrossenheit“ in die Runde.

Alle für einen – einer für alle

Schmidt-Degenhard warb und warb und wirbt und wirbt und wirbt um Vertrauen. In Konstanz antreten will er aber nur, wenn ihn die bürgerlichen Parteien und Gruppen an die Sicherheitsleine nehmen. Ein Kandidat für alle, heißt sein Slogan – einer für alle, alle für einen. Er will einen Lagerwahlkampf provozieren. Die Entscheidung, ob er antrete, falle in den kommenden Tagen, auf alle Fälle nicht erst, wenn die Bewerbungsfrist am 4. Juni endet.

Ein Kommentar to “OB-Wahl Konstanz: Kandidaten-Casting mit Schmidt-Degenhard”

  1. dk
    1. Mai 2012 at 15:33 #

    Stadortvorteil „Willkommenskultur“

    Diese Kultur besteht zumindest bereits im regionalen Gesundheitswesen: die Mitarbeiter in Klinikum und Pflegedienst sind aus meiner engen Sicht bereits international und hinterlassen nicht nur fachlich einen optimalen Eindruck.
    Einige hatte ich als sog. Ossis eingestuft, weil sie fliessend deutsch sprechen (bis eine Kollegin einen Vornamen genannt hatte). Heute früh kam Irina mit einer neuen Kollegin Tatjana zum Einarbeiten vorbei. Die betreute über 80-Jährige war später noch hell begeistert: an der Betonung konnte sie die Osteuropäerin feststellen (geschätzt wurde Polen oder Russland). Sie meinte nur erfreut „eine richtige junge Babuschka“; sogar die ersten sehr schweren Jahre in der DDR schienen vergessen. Nun will ich mir den Eurovision Song Contest in Baku doch noch anschauen: wegen den singenden uralten Babuschkas aus Russland, wobei ich mir sie um mind. 50 Jahre verjüngt vorstellen werde.

    Natürlich hoffe auch ich, dass Frau Dr. Seeliger nicht die Europastrasse von der Neuen Rheinbrücke bis zum Gemeinschaftszoll nicht zur Begegnungszone erklärt bzw. von 4- auf 2-Spuren für eine Fahrrad- und Fussgänger-Meile zurückbauen lässt. Beim Rest setze ich eher den Internet-Handel mit Zufuhr: nicht nur aus Höflichkeit und Verständnis gegenüber den CH-Kunden.

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