Pirat Stephan Hestermann setzt Segel zwischen Sipplingen und Kressbronn

Sieben Monate vor der Landtagswahl fängt auch im Bodenseekreis der piratige Wahlkampf an

Bodenseekreis (wak) Im Wahlkreis Bodensee tritt Stephan Hestermann als Direktkandidat für die Piratenpartei an. Hestermann wohnt in Markdorf und ist 51 Jahre alt. Der Landtagskandidat der Piratenpartei aus dem Bodenseekreis ist verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet als  Konstrukteur/Simulationsanwender. Der Teetrinker, der in seiner Freizeit gern mit einem Segel- oder Ultraleichtflugzeug abhebt, ist zu den Piraten gekommen, weil ihn der „galoppierende Abbau bürgerlicher Rechte und Freiheiten“ beunruhigt hat. So steht es im Piratenwiki. Wir haben bei dem Familienvater einmal genauer nachgefragt.

Im Bodenseekreis gibt es drei Landtagsabgeordnete, Ulrich Müller (CDU), Norbert Zeller (SPD), Hans-Peter Wetzel (FDP) und für Bündnis 90/Die Grünen tritt der Überlinger Biobauer Martin Hahn an. Alle vier rechnen sich Chancen aus, dem nächsten Landtag anzugehören. Was möchten Sie mir Ihrer Kandidatur erreichen?

Zuvorderst möchte ich mit meiner Kandidatur natürlich helfen, der Piratenpartei ein möglichst gutes Wahlergebnis zu verschaffen. Ob ich persönlich den Sprung in den Landtag schaffe, darüber möchte ich nicht spekulieren.

Glauben Sie, dass die junge Partei, die ihre Wahlergebnisse bei jeder Wahl deutlich verbessert hat, eine echte Chance hat, in den Landtag einzuziehen?

Ja!

Wenn Sie einen Tag an Stelle von Stephan Mappus Ministerpräsident wären, was würden Sie als Pirat tun?

Für ein Moratorium in Sachen „Stuttgart21“ bräuchte ich nur 5 Minuten, aber ich denke, in unserem Land liegt so vieles im Argen, daß ich vermutlich schon diesen ganzen Tag bräuchte, um auch nur die schlimmsten Versäumnisse von jahrzehntelanger CDU-Herrschaft benennen zu können. Gelegentlicher Wechsel hat noch nie geschadet, und in unserem Land ist er bitter nötig.

Von Stuttgart trotzdem wieder zurück an den Bodensee und hinein in den verregneten Sommer 2010. Piraten müssen ja, wie wir wissen, erst einmal ein paar Hürden überspringen, die andere Parteien, die schon im Parlament sind, nicht mehr nehmen müssen. Haben Sie im Wahlkreis Bodensee eigentlich schon mit dem Sammeln der 150 Unterstützerunterschriften angefangen, die Sie benötigen, um überhaupt antreten zu können?

Selbstverständlich habe ich sofort nach Erhalt des Formulars begonnen; Stand vor meinem Urlaub vor 4 Wochen war 35, jetzt geht’s ungebremst weiter. Ich schaffe das.

Was sagen Sie, wenn Sie Wahlkampf machen und Ihnen Menschen auf der Straße vorhalten, die Piratenpartei sei eine Ein-Themen-Partei?

Dann kläre ich diese Wähler, so sie es wünschen, über die Ergebnisse von zwei Landesparteitagen auf, an denen ich selbst teilgenommen habe und die fast ausschließlich mit den landespolitischen Themen in unserem Parteiprogramm befaßt waren. Was soll denn das „eine“ Thema sein, für das wir angeblich stehen sollen? Man kann nicht alles, was mit dem Internet zu tun hat, auf ein Thema reduzieren, und unser Programm zeigt eine Fülle von Themen, die überhaupt nichts mit Internet oder IT im weiteren Sinne zu tun haben.

Wie wird denn der Wahlkampf der Piratenpartei im Bodenseekreis aussehen? Unterscheidet er sich von den Wahlkämpfen mit Luftballons, Flyern, Wahlkampfständen, Wanderungen mit Wählern, Firmenbesuchen und großflächigen Plakaten wie wir sie von den anderen Parteien kennen?

Wahlkampfstände und Flyer haben mit Sicherheit noch nicht ihre Bedeutung im Wahlkampf verloren, kleinen Kindern Fähnchen und Luftballons anzudrehen fand ich schon vor über dreißig Jahren widerlich, als ich drei Wahlkämpfe aktiv mitgefochten habe, damals für die CDU. Das nenne ich heute meine Jugendsünden. Doch diese klassischen Mittel sollten heute hauptsächlich Anreger und Wegweiser sein, sich im Internet genauer zu informieren.

Sie sind aktiver Reservist und StUffz.d.R.. Bisher haben wir bei den Piraten, zum Beispiel beim Landesparteitag in Konstanz, ein paar piratige Hacker und IT-ler kennengelernt. Ihre Biografie sieht ein bisschen anders aus. Seit wann sind Sie Mitglied der Piratenpartei? Und was hat sie zu den Piraten getrieben?

Die Piraten sind IT-lastig, da gibt’s kein vertun. Aber die meisten Piraten wird wohl, so wie mich, die Sorge um die Bürgerrechte zur Piratenpartei getrieben haben, nur daß sie durch ihre tägliche Arbeit als IT-Spezialisten sehen, wie leicht man diese Rechte mithilfe moderner Datenmanipulation unterlaufen kann. Um das zu erkennen, muß man kein piratiger Hacker sein. Ich selbst bin seit 31.03.2010 Mitglied bei den Piraten.

Auch andere Parteien, die FDP oder die Grünen, sehen sich als Bürgerrechtsparteien. Weshalb braucht es daneben noch die Piratenpartei?

Wenn ich mir das Abstimmungsverhalten dieser Parteien (ja, leider auch manchmal der Grünen) bei jüngsten „Sicherheitsgesetzen“ anschaue, zeugt es von Wähleraugenwischerei, wenn diese sich „Bürgerrechtsparteien“ nennen. Dabei fällt mir nur noch ein ehemaliger Bundesinnenminister Schäuble ein, der sich selbst „Verfassungsminister“ zu nennen liebte. Was ihm die Verfassung wert ist, hat er mehr als einmal gezeigt.

Nennen Sie doch bitte einmal Ihre zwei, drei wichtigsten politischen Ziele?

Stärkung der Rechte des Bürgers gegenüber der Verwaltung und anderen Exekutivorganen, Bekämpfung des ausufernden Lobbyismus sowie des Mißbrauchs des Urheber- und des Patentrechts, Wiedereinführung der sozialen Marktwirtschaft mit dem Grundgedanken des verpflichtenden Eigentums.

Sie selbst gehören nicht zur Generation der Digital Natives, also jenen, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Was glauben Sie, welche Rolle spielen das Internet und die sozialen Netzwerke beim Landtagswahlkampf und besonders beim Wahlkampf der Piraten?

Wir arbeiten uns z.Zt. die Finger wund, um auch für den nicht so Internet erfahrenen Wähler die Präsentation unserer Kandidaten und unserer politischen Ziele einfach auffindbar und verständlich zu machen.

Woher sollen die Stimmen kommen, die die Piratenpartei bräuchte, um die 5-Prozent-Hürde zu überspringen? Wo vermuten Sie im Bodenseekreis Ihre Wähler?

Sie kommen aus dem Heer der Nichtwähler, die seit Jahren enttäuscht von den etablierten Parteien den Gang zur Urne scheuen. Ich hoffe, daß ich viele Nichtwähler dazu ermutigen kann, von ihrem Recht, für das vor ihnen (und in anderen Ländern auch heute) viele gelitten haben oder gestorben sind, endlich wieder Gebrauch zu machen. Niemand sollte dieses Recht leichtfertig geringachten, und mir kommt es dabei noch nicht einmal so sehr darauf an, daß sie mich wählen. Aber vielleicht ist dann auch der eine oder andere dabei, den ich so ansprechen konnte, daß er sich von mir vertreten sehen will.

Der Kreisverband Ravenburg-Bodensee, dem sie ja angehören, lädt regelmäßig zu Stammtischen nach Friedrichshafen und Ravensburg ein. Wieso gibt es eigentlich noch keinen Stammtisch im westlichen Bodenseekreis? Sind die Überlinger weniger piratig als die Schwaben?

Das glaube ich nicht von den Überlingern, aber die Nähe zu Konstanz saugt hier schon gewaltig. Aber was noch nicht ist, wird sicherlich noch werden, spätestens dann, wenn unser Wahlkampf auch dort neue Piraten geschaffen hat, die aktive Parteiarbeit nicht scheuen.

Sagen Sie uns doch bitte noch, was ihnen zum Stichwort Netzneutralität einfällt?

Das Internet hat mittlerweile eine so große Bedeutung für die breite Öffentlichkeit erreicht, daß es unter allen Umständen offen und frei zugänglich gehalten werden muß – für jedermann. Es gilt daher zu verhindern, daß über kurz oder lang Wenige die Macht über dieses Medium erhalten, sei es um Geld damit zu machen zum eigenen Wohle oder Inhalte zu bestimmen bis hin zur Zensur.

Ein Aufreger ist in Deutschland momentan Google Street View. Gesichter und Autokennzeichen sollen unkenntlich gemacht werden, sagt Google. Hätten Sie etwas dagegen, wenn das Haus, in dem Sie mit Ihrer Familie wohnen, bei Google Street View zu sehen wäre?

Mir persönlich wäre es einigermaßen egal, mein Haus im Internet zu sehen, wenn es denn endlich ein schöneres Balkongeländer hätte – aber nichts hält so lange wie ein Provisorium. Meine Frau ist da schon anderer Meinung (nicht was das Geländer angeht). Prinzipiell kann ich jeden verstehen, der sein Haus nicht veröffentlicht sehen will, und ich sehe diesen Dienst als nicht unproblematisch an, wobei sich mir der tiefere Sinn verschließt. Ich persönlich brauche ihn wie Bauchweh.

Wer sich mit den Piraten in der Region Bodensee-Oberschwaben treffen möchte, könnte einfach einmal bei einem Ihrer Stammtische vorbei kommen. Wo und wann finden die Treffen statt?

Und schon wieder kommt das Internet in’s Spiel: Die Termine sind stets aktuell zu erfahren unter http://wiki.piratenpartei.de/Stammtisch_Bodensee-Oberschwaben oder http://www.piraten-rvfn.de . Oder um es einfach zu sagen: In FN an jedem 2. Montag eines Monats im K42, in RV an jedem letzten Mittwoch eines Monats im Ochsen. Jeder ist dazu jederzeit herzlich eingeladen, es wird weder shanghait noch kielgeholt.

Die Fragen stellte Waltraud Kässer. Auf Wunsch des Kandidaten haben wir in seinen Antworten die alte Rechtschreibung beibehalten. Er mag die neuen Schreibweisen nicht.

Bereits erschienen sind Interviews mit den Wahlkreiskandidaten in Konstanz und Ravensburg, Ute Hauth und Richard Holderied.

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