Redakteure zwischen Schockstarre und Trotzreaktionen

Zum überstürzten Abgang Thomas Satinskys

Konstanz (gro) Eine Hausmitteilung bestätigt das Gerücht: Chefredakteur Thomas Satinsky, so heisst es im neuesten Rundbrief des Medienhauses Südkurier, werde zum Ende Monats seinen Spitzenplatz räumen, um am 1. Februar als Geschäftsführender Verleger bei der „Pforzheimer Zeitung“ seine Arbeit aufzunehmen. So flott hat noch kein Chefredakteur dem „Südkurier“ den Rücken gekehrt. Satinsky lässt an der Max-Stromeyer-Strasse Kollegen zurück, die sich „in einem Zustand zwischen Schockstarre und Trotzreaktionen“ befinden, wie es ein mehr oder weniger deprimierter Zeitungsmacher am Dienstagabend formuliert. Nicht nur er sieht in dem überstürzten Abgang Satinskys eine Reaktion auf die Ankündigung des Verlages, den Mantel, den allgemeinen Teil der Heimatzeitung, möglicherweise anderswo vorbereiten und ausarbeiten und in Konstanz nur noch drucken zu lassen.

Eine Schlankheitskur scheint unausweichlich

Die 20 Redakteure, die bisher für die aktuelle Berichterstattung aus Politik, Wirtschaft, Sport, TV, Glamour, Kunst, Oper, Reise und Theater sowie Wissenschaft und Literatur zu sorgen haben, würden nach und nach überflüssig, dazu Sekretäre und Sekretärinnen und andere angeschlossene Mitarbeiter. Insgesamt, so sehen es Fachleute, stünden am Ende des Abstossungsprozesses rund 40 Arbeitsplätze zur Disposition. Sinkende Auflage, wegbrechende Anzeigenerlöse und anhaltend hohe Kosten lassen eine Schlankheitskur als unausweichlich erscheinen, um die bisher stets gewinnträchtige Tochter der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck als solche zu erhalten. Zumindest das hat Rainer Wiesner, 45, der Redaktion in einer Betriebsversammlung und in einem zusätzlichen Gespräch kurz vor Weihnachten einigermassen überzeugend klar machen können. Aber ist das tatsächlich der richtige Weg für das Medienhaus, um weiter Schwarze Zahlen zu schreiben?

Thomas Satinsky: „Nicht mit mir“

Thomas Satinsky, 50, der weder der Betriebsversammlung noch dem Gespräch mit Rainer Wiesner hatte beiwohnen können, versicherte den Kollegen der Zentralredaktion wenige Tage später, eine Auslagerung der redaktionellen Herstellung des Mantels für den „Südkurier“ sei „mit mir nicht zu machen“. Diese Versicherung beruhigte zunächst, wurde aber sogleich wieder skeptisch gesehen, nachdem bekannt geworden war, dass der Chefredakteur der „Pforzheimer Zeitung“ seinen Dienst quittiert habe. Schliesslich war Satinsky, der 2005 beim „Südkurier“ als Chefredakteur antrat, damals als ebensolcher aus Pforzheim gekommen. Würde Satinsky seinen alten Chefposten wieder einnehmen?

Stefan Lutz: „Würde mich freuen“

Weniger ablehnend gegenüber den Spar-und Umstrukturierungsplänen der Geschäftsleitung habe sich Satinskys Stellvertreter Stefan Lutz gezeigt, hört man im „Südkurier“. Den 38-jährigen Mann hatte der Holtzbrinck-Verlag im hohen Norden abgeworben. Lutz war da in leitenden Funktionen für „Bild“ und „Hamburger Abendblatt“ tätig. Er hatte sich zuletzt im online-Bereich organisatorisch hervorgetan. Die Absicht der Stuttgarter Holtzbrinck-Konzernmutter, die redaktionelle Arbeit des „Südkurier“ künftig aufs Regionale zu konzentrieren, findet Lutz in Ordnung. Er könne sich sehr wohl vorstellen, den neu strukturierten Laden zu leiten. Er würde sich jedenfalls „auf die vielen neuen Kollegen freuen“. Was einen gestandenen Konstanzer Redakteur zu der Bemerkung veranlasste: „Der eine Chef verlässt das sinkende Boot, der andere freut sich schon darauf, uns in den Untergang zu begleiten.“

Vor allem Lutz auf der vorläufigen Kommandobrücke

Rainer Wiesner hat es mit einem neuen Chefradakteur für den „Südkurier“ jedoch nicht eilig. In der von ihm und Personalchef Klaus-Dieter Müller unterzeichneten Hausmitteilung heisst es, Stefan Lutz werde „die Aufgaben“ Satinskys übernehmen. Zur Seite stünden ihm, Lutz, dabei Dieter Löffler, Chef des Politik-Ressorts, und Günter Ackermann, der aus Friedrichshafen zugewanderte Chef vom Dienst. In der heutigen Mittwochausgabe des „Südkurier“, in der über den bevorstehenden Weggang Satinskys informiert wird, ist zwar von der kommissarischen Übernahme der Redaktionsleitung die Rede, nicht aber von Politikchef Löffler, obwohl der ja nun eigentlich so etwas wie der designierte Stellvertretende Chefredakteur des „Südkurier“ geworden ist.

Löffler, der Mann für die anstehende Aufhübschung

Dass auf einen Löffler in führender Position nicht verzichtet werden kann, liegt für Eingeweihte auf der Hand. Schliesslich startet anfangs März wieder einmal ein „neuer“ Südkurier, gedruckt auf der Millionen-teuren, allerneuesten Riesenrotationsmaschine, vor allem aber grafisch überarbeitet von Mario Garcia, dem aus Kuba stammenden, nicht nur in den USA führenden Designer für Tageszeitungen. Und Löffler war schon immer Garcias einfühlsamer Zuarbeiter und Partner bei „Südkurier“-Auffrischungen.

Wen kümmert Relaunch und neues Format?

Die unauffällige, aber wirkungsvolle Erneuerung der Heimatzeitung, die im März in einem etwas kleineren Format herauskommt, ist seit Monaten Hauptthema in den Redaktionen des „Südkurier“. Umso mehr verstörte die Ankündigung, die Zentralredaktion stehe zur Disposition. „Hier mischt sich dann auf nicht abgeklärte, verhängnisvolle Weise die Position aller möglichen ,Politiker‘ mit den alltäglichen Zwängen und Ärgernissen der ,Lokalen‘, sagte ein altgedienter Regionalredakteur in diesen Tagen. „Hauptsache” sei aber nach wie vor “doch nichts Anderes, als dass sich das geldbringende Karussell weiter dreht.“

Foto: pixelio.de/Ernst Rose

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