Reiles Brandrede zum Konziljubiläum

Linker Stadtrat wetterte gegen fünf Jahre dauerndes Kostümfest – Appell Konzilfeierlichkeiten nicht zu übertreiben

Im historischen Ratssaal hielt Reile seine BrandredeKonstanz. Die Fraktion der Linken Liste Konstanz hat der Stadt eine Debatte über die Konzilfeierlichkeiten beschert. Den Anstoss gab eine an den OB adressierte Brandrede. Stadtrat Holger Reile hatte sie bereits im Juni gehalten und gefordert, es mit dem Konziljubiläum nicht zu übertreiben.

Anstössige Rede des Stadtrats im Wortlaut

Stadtrat Holger Reile hatte sich vor der Sommerpause und mitten in der Spardebatte  in seiner Rede vor dem Gemeinderat weit aus dem Fenster gelehnt. Einige seiner Ratskollegen waren schon damals der Meinung, dass der Stadtrat mit seiner Brandrede den Bogen überspannt hätte. Eine Konsequenz: Einige wollen die Linken nun ins Abseits stellen. Sie sollen bei den Planungen der Konzilfeierlichkeiten draußen bleiben.

Hier noch einmal die Rede, die Anstoss für Streitgespräche war:

„Herr Oberbürgermeister, Kolleginnen und Kollegen

Das sogenannte Konziljubiläum wirft seine Schatten voraus. Dazu auch von unserer Seite einige Anmerkungen

Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man an ein Ereignis erinnert, dass hier vor knapp 600 Jahren stattgefunden hat und das aus unterschiedlichen Gründen durchaus von Wichtigkeit war. Die Frage allerdings ist: Wie erinnern wir? In welchem Umfang? Und mit welchem Aufwand?

Uns ist schon sehr daran gelegen, dass das Jubiläum auch kritisch beleuchtet wird. Denn einer Mehrheit der Bevölkerung war damals sicher nicht zum Feiern zumute – stand sie doch überwiegend unter der Fuchtel von weltlichen und geistlichen Menschenschindern, deren Tagesgeschäft weitgehend darin bestand, das gemeine Volk zu knechten und auszubeuten.

Wir gehen mal davon aus, dass diese Tatsache vor Ort ab 2014 nicht unter den Tisch fällt, sondern bei der historischen Betrachtung breiten Raum einnimmt.

Wenn nun die Landesregierung Gelder für die Ausstellung im Konzil bereit stellt, ist das erfreulich. Ob es sich die Stadt Konstanz aber leisten kann, dafür 500 000 Euro zuzuschießen, ist doch sehr fraglich. Wie wir alle wissen, werden wir uns die kommenden Jahre damit abfinden müssen, dass es kaum mehr finanziellen Spielraum gibt. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, das Notwendigste für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt aufrecht zu erhalten – für finanzielle Abenteuer und sonstige Träumereien wird es keinerlei Spielraum geben.

Bleiben wir doch bitteschön auf dem Teppich und beschränken uns auf das Nötigste und auch Sinnvollste: Eine Landesausstellung im ersten Halbjahr 2014 scheint eventuell machbar, ebenso die angedachte Ausstellungskooperation des Rosgartenmuseums und des Archäologischen Landesmuseums zum Thema „Lebenswelten zur Konzilzeit“.

Bei anderen sogenannten Projektideen drängt sich für mich der Verdacht auf, dass hier einige der Meinung sind, man könne über den Zeitraum von immerhin fünf Jahren ein Kostümfest rund um die Uhr veranstalten, quasi als verlängerte Fasnacht.

Das geplante Belehnungsfest beispielsweise wird jetzt schon vollmundig als – Zitat – „Ein Projekt Konstanzer Bürger“ – bezeichnet, das regelmäßig auf dem Obermarkt aufzuführen sei – und – ebenfalls Zitat: „alle Bürgerinnen und Bürger einbinden soll, um sie für die Konzilidee zu begeistern“. Ich plädiere nachdrücklich dafür, realistisch zu bleiben und das gesamte Wunschprogramm gehörig abzuspecken, auf den inhaltlichen Prüfstand zu stellen und finanziell durchzukalkulieren.

Nichts gegen Ideenvielfalt, aber es geistert vieles durch den Raum, was schlichtweg nicht machbar sein wird, außer man findet Sponsoren, die das Geld säckeweise nach Konstanz schleppen : Brauchen wir tatsächlich den Nachbau eines alten Lastenseglers oder die Einrichtung eines Handwerkerdorfes ?– um nur einige Vorschläge herauszupicken.

Nochmal: Spätestens nächstes Jahr bricht aufgrund der Finanzlage auch bei uns ein sehr großes Zähneklappern aus – also fahren wir doch die Ansprüche für das Konziljubiläum herunter und vermeiden es, bereits jetzt unangemessen abzuheben, Begehrlichkeiten zu wecken und Wolkenkuckucksheime zusammen zu schustern.

Zwei Punkte noch: Mehrmals wurde der Wunsch geäußert, zum Thema Konziljubiläum noch vor der Sommerpause eine Arbeitsgruppe zu bilden, in der auch Vertreter aller Gemeinderatsfraktionen vertreten sein sollen. Ich gehe mal davon aus, dass in dieser Arbeitsgruppe auch Platz ist für uns und die beiden Einzelkämpfer hier. Diesbezüglich erwarten wir ein klares Signal.

Zum Schluß eine Bemerkung Richtung Papstbesuch. Wenn das tatsächlich eine Projektidee sein sollte, dann bitte ich um sofortige Streichung dieses Vorschlags. Wir zumindest legen keinerlei Wert auf den Besuch Herrn Ratzingers und die überwiegende Mehrheit der Konstanzer wohl auch nicht. Warum sollten wir einen ungeheuren, auch finanziellen Aufwand betreiben, um einen rückwärtsgewandten Kirchenfürsten und Hardliner hierher zu locken, der mit den Holocaustleugnern der Pius-Bruderschaft sympathisiert und dessen

Glaubensgemeinschaft ethisch und moralisch so ziemlich am Ende ist.

Vorschlag: Das sparen wir uns und verweisen auf den erfreulichen Umstand, dass ein papstähnlicher Gnom bereits im Konstanzer Bahnhof sitzt und sich dort offensichtlich auch recht wohl fühlt. Da nun die Landeszuschüsse für die Ausstellung zugesagt wurden, können sich die Aufsichtsratsmitglieder der Tourist-Information nächsten Mittwoch also getrost für den Verbleib der Lenk-Figur einsetzen.“

4 Kommentare to “Reiles Brandrede zum Konziljubiläum”

  1. Bruno Neidhart
    10. November 2010 at 17:43 #

    Herr Reile von den Linken ist sicher nicht der richtige Ansprechpartner, wenn es um ein historisches Ereignis geht (600 Jahrfeier Konstanzer Kirchenkonzil), welches die Stadt im Spätmittelalter (1414-18) weltweit bekannt machte, und von dem die Stadt noch heute auf religiöser/zeitgeschichtlicher/baugeschichtlicher Ebene lexikalisch – und nicht zuletzt touristisch! – stark profitiert (Auch im heutigen, sachsen-anhaltinischen Wittenberg würde Herr Reile, so ist anzunehmen, wohl auch gegen das 2017 anstehende 5oo-jährige Reformationsjubiläum – Luther – entsprechend poltern!). Mit seinem Reden und Schreiben zitiert er also grundsätzlich seine persönliche Abneigung gegen Vieles, was mit dem Begriff „Religion“ verbunden ist, vermischt Dinge, die miteinander nur „billig provokativ“ zu vermischen sind und disqualifiziert sich entsprechend selbst. Was er moniert, ist historisch längst eindrücklich recherchiert und aufgearbeitet. Er hat sich also nicht zu wundern, wenn ihm da einige Ratskollegen aufgrund seiner vor geprägten Grundeinstellung zur Sache „Konstanzer Konzilsjubiläum“ skeptisch entgegen treten und an einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit ihm so ihre Bedenken haben, halt keineswegs sein „linkes Minimalprogramm“ als für einen solch historischen Anlass mit weltweiter Bedeutung als zielführend erachten – ganz abgesehen von persönlichen, vor geprägten Diffamierungen. Dass Herr Reile dann sehr rasch mit dem Begriff „undemokratisch“ um sich schlägt, wenn Widerstand entsteht, ist stadtbekannt. Möchte er „dabei sein“, muss er sich der tatsächlichen historischen Bedeutung des kommenden Anlasses wohl erst noch näher bewusst werden.

  2. carlo
    10. November 2010 at 19:48 #

    Selten so einen flachen Kommentar gelesen, lieber Vorredner. Sind Ihre Beiträge doch zumeist so geistfrei wie überflüssig, zeigt sich in Ihrer Haltung zum Konziljubiläum im Allgemeinen wie zu den Kritikern desselben im Besonderen, wohin Ihre Reise zu gehen gedenkt. Nämlich ins finsterste Mittelalter. Wo leben Sie denn, dass Sie glauben, das Konziljubiläum interessiere die Mehrheit der -durchaus reflektiert denken könnenden- Bürger? Ist Ihnen bewusst, dass Konstanz, wie fast alle Städte und Kommunen und der Staat sowieso, pleite ist und nur durch eisernes Sparen das endgültige Aus noch ein paar Jahre hinauszögern kann? Mit welcher Berechtigung meinen Sie beurteilen zu können, wer hier mitzureden hat? Ich erachte es als dreiste Dumm- wie Frechheit, hier nur Leute entscheiden lassen zu wollen, die ihre Selbstsucht und Arroganz bereits bei der versuchten Durchpeitschung eines finanziell wie projektorganisatorisch desaströsen KKH bewiesen haben.
    Sie beweisen mit Ihrem Kommentar wahrhaft eindrücklich, dass Sie weder für die politische noch die intellektuelle Dimension dieses Themas als Ratgeber geeignet sind.

  3. Bruno Neidhart
    11. November 2010 at 10:12 #

    Lieber „carlo“! – das ist aber eine vernichtende Niederlage für mich. Oder doch nicht? Auf jeden Fall gehen Sie so ziemlich am eigentlichen Thema vorbei, vermischen – wie der erst Angesprochene – das Ganze resolut mit anderen Themen, outen sich entsprechend gruppenspezifisch. Mich fordern Sie damit nicht heraus. Eine Stadt, die sich ihrer Historie wenig bewusst werden möchte und sich gleichzeitig dem Neuen verschliesst, verliert an Identifikation, dümpelt vor sich hin. Das bewusste Hindeuten auf die Vergangenheit bei gleichzeitigem Blick auf die Moderne verhindert diesen Stillstand. Das kann man natürlich auch anders sehen! Mit „Selbstsucht und Arroganz“ hat das aber noch lange nichts zu tun, mit „Ihrem Mittelalter“ schon gar nicht, lieber „carlo“.

  4. carlo
    11. November 2010 at 18:45 #

    Lieber „Bruno“! Sehen Sie doch bitte ein, dass die Zeit der „Tonangeber“ endgültig vorüber ist. Wir werden kein KKH in Konstanz bauen und wir werden auch nicht für viel Geld das Mittelalter rocken, nur um die Moderne zu preisen. Fahren Sie doch einfach mit Pferdewagen im Lendenschurz nach Rom, wenn Sie Sehnsucht nach Pipapstpo haben. Im Übrigen möchte ich Ihnen empfehlen, sich nicht allzu ernst zu nehmen, lieber „Bruno“.

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