Schnäppchen aus Holland: Ein Kilo Kokain für 32 000 Euro

Dealer vor dem Landgericht Ravensburg

Ravensburg/Friedrichshafen (sig) Keine Tulpen aus Amsterdam, sondern kiloweise Kokain in Rotterdam sollen drei Männer aus dem Bodenseeraum bestellt und abgeholt haben. Das wirft ihnen seit gestern die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Ravensburg vor. Geordert wurde der Schnee aus Friedrichshafen.

Krachend voller Schwurgerichtssaal

Das gibt’s im Ravensburger Landgericht selten: Einen krachend vollen Schwurgerichtssaal, in dem sich der geballte Anhang der Angeklagten versammelt hat. Nur mit Verspätung konnte die Vorsitzende Richterin Martina Hirsch gestern früh den Vorwurf des „bandenmäßigen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln“ aufrufen, weil sowohl der Saal als auch jeder einzelne Zuhörer vor Betreten von Polizeibeamten überprüft wurden, Sicherheits-Schleuse inklusive.

Beschuldigte haben sechs Anwälte

Der Prozess ist auf sechs Tage anberaumt und soll bis in den Juli hinein dauern. Allein sechs Anwälte kümmern sich um die Verteidigung der Beschuldigten. Wobei der Auftakt schnell zeigte, dass sich die jeweils zwei Verteidiger nicht einig sind, was die Zuordnung der Straftaten an die Adresse ihrer jeweiligen Mandanten angeht. Elf Zeugen sollen den Drogensumpf erhellen.

Kokain aus Holland

Alle drei Angeklagten sollen im vergangenen Jahr in Holland Kokain bestellt haben, um es im Raum Friedrichshafen zu veräußern. Dabei, so die Staatsanwaltschaft, arbeitete die Gruppe „professionell“. Telefonische Absprachen gab es mit Mittelsmännern bis ins Kosovo. Dass eine erste Lieferung gescheitert war, weil der Fahrer auf der Autobahn A3 in Höhe Nürnberg mit 2,5 Kilogramm Kokain festgenommen wurde, hinderte die Bande nicht daran, einem neuen Versuch zu unternehmen. Der klappte. Bei der Wiedereinreise von Holland nach Deutschland war beim dritten Transport einer des angeklagten Trios festgenommen worden. Der Mann hatte 1,068 kg Kokain bei sich.

Ein Beschuldigter äußerte sich

Geäußert hat sich gestern der 38-Jährige, der freilich nur die Kontakte hergestellt haben will. Der jugoslawische Staatsangehörige war 1992 nach Deutschland gekommen, erhielt kein Asyl und verfügt lediglich über ein Visum bis September dieses Jahres. Der geschiedene Maschinenbautechniker und Vater zweier Kinder berichtete der Kammer, vom 40-jährigen Mitangeklagten wiederholt angesprochen worden zu sein, er solle seine einschlägigen Kontakte nach Holland beleben und ihm dort Stoff besorgen.

Schon früher verurteilt

Weil er schon früher wegen Drogenhandels zu zwei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt wurde, zwei Drittel der Strafe erst verbüßt hat und nur auf Bewährung draußen ist, wollte er, wie er sagte, nicht mitmachen. Letztlich habe er wegen des Drängens des 40-Jährigen doch zugestimmt. Vereinbart wurde mit dem Kontaktmann in Holland eine Lieferung von einem Kilo Kokain. Dieser Deal schlug fehl, nachdem der Lieferant „in Urlaub“ gegangen sei, wie eine Verhaftung in einschlägigen Kreisen genannt wird.

Selbstabholer

Die Suche nach einem Ersatz-Transporteur klappte nicht, bis sich der 40-Jährige anbot, das „Material“ selbst in Holland zu holen. Für ein Kilogramm waren 32 000 Euro vereinbart. Weil er der Kunde bei der Ankunft in Holland nur 23 000 Euro bei sich hatte, gab es zunächst einige Irritationen, die der 38-Jährige allerdings telefonisch bei seinem alten Freund aus Kindertagen ausgeräumt haben will. Mit Verspätung waren die restlich 9000 Euro zehn Tage später im Briefkasten des Kontakters.

Das Team

Der 38-Jährige spielte einst Fußball beim SV Oberteuringen. Erst in Vorbereitung zu seiner Entlassung aus der Haft hatte er den 40-Jährigen kennen gelernt, wobei er sich wunderte, dass der über seine Dealer-Vergangenheit wusste und ihm eine Wohnung anbot. Offensichtlich war dem 40-Jährigen an den Drogen-Kontakten des eben Entlassenen gelegen. Als man einmal in einem Cafe in der Häfler Charlottenstraße saß und über eine Kokain-Lieferung aus Holland sprach, sei am Rande der 43jährige Mitangeklagte dazugekommen, den der 40-Jährige als Fahrer engagieren wollte.

Nicht bei Barara Salesch

„Ich weiß, was ich getan habe“, sagte der 38-Jährige, der deshalb keine Akten über die Vorwürfe lesen wollte. Die richtigen Namen seiner Kontaktleute im Kosovo und in Holland nennt er nicht. Aus dem Drogen-Spiel wolle er raus sein, über nächste Geschäfte habe er nie gesprochen, behauptete er, obwohl Anwälte der Mitangeklagten ihm Texte aus seinen Handy-Gesprächen (in Albanisch) und SMS vorhielten, die anderes suggerierten. „Wir sind nicht bei Barbara Salesch“, drohte Richterin Martina Hirsch Zwischenrufern, sie aus dem Saal zu verweisen, sofern sie nicht umgehend ruhig seien. Der Prozess wird am 6. Juni fortgesetzt.

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