Schwebt Privatisierungs-Geier über Konstanzer Klinikum?

Klinikum-Chef erzwingt Einsparungen – Wirtschaftsplan noch nicht genehmigt

Konstanz (wak) Das Konstanzer Klinikum behandelt jährlich rund 17.000 Patienten. 7000 Operationen finden statt. Doch es schreibt rote Zahlen. Rainer Ott, Geschäftsführer der Klinik, hat einen so genannten „Maßnahmen“-Katalog vorgelegt, um dem Regierungspräsidium doch noch einen genehmigungsfähigen Wirtschaftsplan für dieses Jahr vorlegen zu können. Am 22. Juli berät der Krankenhausausschuss nichtöffentlich und am 27. Juli der Gemeinderat in einer öffentlichen Sitzung über den Wirtschaftsplan. Der Ton im Klinikum ist rauer geworden. Mitarbeiter sind irritiert. Ein Mitglied des Gemeinderats sagte See-Online allerdings, dass eine Privatisierung nur verhindert werden könne, wenn es Einsparungen gibt.

Genehmigungsfähige Finanzplanung nötig

Walter Rügert, Pressesprecher der Stadt Konstanz, stellte am Donnerstag noch einmal klar, solange der Wirtschaftsplan nicht genehmigt ist, darf die Stadt keine Aufträge für den Klinikneubau vergeben. Auch die Fördermittel des Landes für den Klinikbau werden nur freigegeben, wenn es eine solide Finanzplanung gibt. Nachdem nun offenbar feststeht, dass das Defizit des Klinikums in diesem Jahr voraussichtlich bei drei Millionen Euro liegt, ist der Druck größer und der Ton zwischen Mitarbeitern und Geschäftsführung noch rauer geworden. Die Kommunikation sei schwierig, heißt es.

Mitarbeiter wehren sich gegen Stellenstreichungen

Ungläubig reagieren Mitarbeiter angesichts geplanter Einsparungen beim Personal. Von „massiven Personalstreichungen“ ist die Rede. Wenn eine Mitarbeiterin im Pflegedienst schwanger wird oder ein Pfleger kündigt, soll die Stelle nicht mehr besetzt werden. Der Personalrat kündigte an, um jede Stelle kämpfen zu wollen – auch wenn es im Konstanzer Klinikum nicht um betriebsbedingte Kündigungen geht. Auf den Stationen kommen Stelleneinsparungen schlecht an. Die Rede ist von „Überbelastungen“. Während sich Mitarbeiter fragen, ob die Klinik durch Kosteneinsparungen fit für eine Privatisierung gemacht werden solle, sagte ein Mitglied des Gemeinderats, dass es tatsächlich genau umgekehrt sei.

Stadt schießt nicht zu operativem Geschäft zu

In Konstanz seien die Personalkosten zu hoch. Das zeige das Benchmarking. http://de.wikipedia.org/wiki/Benchmark Offenbar geht es um 2,8 Millionen Euro im ärztlichen und pflegerischen Bereich. Dies sei eine entscheidende Größe, da die Personalkosten etwa 70 Prozent der Kosten insgesamt ausmachen. Dass 18 Stellen, ein bis zwei ärztliche und acht oder neun in der Pflege eingespart werden sollen, sei nicht zu verhindern. Hinzu komme, dass die Betten am Konstanzer Klinikum nur zu 70 Prozent ausgelastet sind – das baden-württembergische Sozialministerium fordere eine Auslastung von 82 Prozent. Das sagte das Gemeinderatsmitglied. Die Stadt springe zwar ein, wenn es um eine Investition wie den Neubau des Funktionstraktes gehe, beim operativen Geschäft könne sie aber kein Geld zuschießen. „Wenn wir jetzt nichts machen, sind wir in fünf Jahren Pleite“, so das Gemeinderatsmitglied.

Krankenhausalltag aus Pflegesicht

Das Personal am Klinikum schildert den Krankenhausalltag aus seiner Sicht und es hört sich dramatisch an. Die Rede ist da nicht mehr von Benchmarks, sondern zum Beispiel davon, ob Krankenhausmitarbeiter noch Zeit haben, das Wasser in einer Blumenvase zu tauschen oder wie oft die Nachttische der Patienten geputzt werden und wie häufig Pflegepersonal in diesem Sommer Patienten wäscht. Nur ein Beispiel: Die Anforderungen an das Reinigungspersonal seien um 60 Prozent nach oben geschraubt worden. Im Klinikum reinigen Klinikmitarbeiter und Mitarbeiter einer Fremdfirma Operationssäle, Zimmer, Bäder und Nachttischchen nebeneinander. Zeit, frisches Wasser für Blumen zu holen, habe niemand mehr, heißt es seitens des Pflegepersonals. Offenbar ist es so, dass Patienten nicht mehr täglich gewaschen werden. Das sei aber nicht nur in Konstanz so.

Helios Klinikum in Überlingen feiert sich

Ausgerechnet jetzt weist das Helios Klinikum in Überlingen auf seine Erfolge hin und schaltet großflächige Anzeigen. Fakt ist: Seit drei Jahren ist das Überlinger Krankenhaus privatisiert. Helios finanziert gerade den Neubau eines Facharztzentrums und präsentiert medizinische Erfolge, die im aktuellen Qualitätsbericht dokumentiert sind. Die Stadt Überlingen ist anders als die Städte Konstanz, Singen oder Radolfzell längst aus dem Spiel.

Ungewisse Zukunft der Kliniken im Kreis Konstanz

Wie es mit dem Konstanzer Klinikum und dem Hegau-Bodensee-Klinikum Singen weitergeht, ist derzeit noch ungewiss. Seit einigen Woche ein Gutachten der Pricewaterhouse-Coopers AG für die Kliniken im Kreis Konstanz vor http://www.aktuelles-bodensee.de/2010/06/pricewaterhouse-coopers-schock-nur-wenig-kann-bleiben-wie-es-ist/. Die führende Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft in Deutschland behauptet, die Krankenhäuser im Kreis Konstanz könnten in öffentlicher Trägerschaft nur dann überleben, wenn die Kliniken zusammenarbeiten und Synergien nutzen. Ob es soweit kommt ist aber noch unklar. So plant zum Beispiel Konstanz – unabhängig von möglichen Kooperationen und der Aufgabe einzelner Abteilungen – weiterhin einen großzügigen Neubau und die Verlegung des Vincentius Krankenhauses von der Laube an den Standort des Klinikums und nicht etwa nach Radolfzell, so wie es Pricewaterhouse-Coopers vorschlägt.

Fotos: Holger Bär PIXELIO/wak/Vincentiuskrankenhaus

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