Seit 1926: Konstanzer Buchhändler-Familie Neser sagt adieu

Bücherstube am See Peter Neser schließt – Progressiv, liberal, weltoffen

Konstanz. Zum Jahresende schließen Peter und Gudrun Neser ihre 1926 gegründete Bücherstube am See. Die traditionsreiche Buchhandlung und das klassische Antiquariat sind auch ein Stück Konstanzer Zeitgeschichte. Die Inhaber Gudrun und Peter Neser blicken auf über 50 Arbeitsjahre zwischen guten Büchern, Erstausgaben, Suhrkamp-Bänden, wissenschaftlichen Büchernachlässen, alten Drucken, Raritäten, Autorenlesungen und Buchvorstellungen zurück.

Gedruckte Raritäten im Hinterhof

Die Bücherstube, die klassisches Antiquariat und traditionsreiche Buchhandlung ist, ist ein Ladengeschäft mit reichlich Platz für schöne Bücher. Dicke Bände stehen in den Regalen, die literarische Schätze enthalten. Wer hier her kommt, interessiert sich für alte Ausgaben, für literarisch bedeutsame moderne Literatur oder sucht das Gespräch über ein Werk. Laufkundschaft dürfte sich kaum hierher verirren. Denn seit 2009 findet sich die Bücherstube auch noch fast ein bisschen versteckt in einem Hinterhof in der Emmishofer Straße. Dort hin musste die Buchhandlung nach vielen Jahrzehnten umziehen, weil ihr Domizil, das Haus in der Kreuzlinger Straße verkauft worden war.

Schwarzweißfotografien erzählen Geschichten

Peter Neser legt einen Umschlag auf den Büchertisch. Alte Schwarzweißfotografien, auf denen das Ehepaar Neser zum Beispiel mit Peter Handke zu sehen ist, oder Postkarten von Martin Walser, Golo Mann oder Ernst Jünger oder auch eine kleine Schrift von 1976 im DINA 4 Format zum Jubiläum 50 Jahre Bücherstube am See fallen heraus. Peter Neser sagt, die Bücherstube am See sei auch früher nicht die einzige, aber immer die progressive Buchhandlung in Konstanz gewesen. Wenn er von anderen Konstanzer Buchhandlungen spricht, redet er über Homburger und Hepp, das Bücherschiff und vielleicht noch die Schwarze Geiss. Buch-Stores fallen ihm eher nicht ein.

Progressive Buchhandlung mit Suhrkamp-Bänden

In der Kreuzlinger Straße gab es in der Bücherstube am See vormals fast exklusiv die Bibliothek Suhrkamp oder die Suhrkamp Taschenbücher, die andere anfangs so nicht im Sortiment hatten. Peter Neser schmunzelt und erzählt eine kleine Anekdote. Einmal sei die Buchhandlung an einem Montag geschlossen geblieben, weil die Familie auf einer Almhütte weilte. Vor dem Laden hätte sich eine lange Schlange gebildet. Studenten standen sich die Füße in den Bauch. Sie wollten eine Neuerscheinung – vielleicht war es ein Adorno – erwerben. „Sie machten uns schwere Vorwürfe, weil die Buchhandlung geschlossen war“, erinnert sich Peter Neser. Heute wäre eine solche Szene undenkbar – die Studenten hätten wahrscheinlich online vorbestellt oder würden online lesen.

Buchladen musste 1936 Nazi-Zeitung Platz machen

Gegründet hatte die Bücherstube am See 1926 der Buchändler und Verleger Fritz Scheffelt auf der Marktstätte. Die Buchhandlung wurde bald zum Treffpunkt von Buchliebhabern, Künstlern und Literaten aus der Region. Daneben hab es damals in Konstanz bereits die Buchhandlungen Karl Gess und Ernst Ackermann. 1936 musste die Bücherstube aus politischen Gründen ihren ersten Standort an der Marktstätte 4 verlassen und in die Kreuzlinger Straße 11 umziehen. Peter Neser spricht von einem „Rauswurf“. Die Buchhandlung machte der nationalsozialistischen Tageszeitung „Bodensee-Rundschau“ Platz.

SA ließ „entartete“ Bücher abtransportieren

Zwei Jahre später fand ein Autodafé vor der Buchhandlung statt. Bücher wurden vor Bücherstube mit Benzin übergossen und verbrannt. Ein SA-Kommando drang in die Bücherstube ein und beschlagnahmte Bücher geächteter Autoren wie Heine, Thomas Mann, Barlach oder Klee. Zwei Lastwagen voll Bücher habe die SA damals abtransportieren lassen.

Fritz Scheffelt half Verfolgten

Fritz Scheffelt zählte viele Juden und Linke zu seinem Bekanntenkreis. Der Buchhändler half politisch Verfolgten in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft über die Grenze. „Er half jüdischen Flüchtlingen“, erzählt Peter Neser. Erich Bloch, der nach den Pogromen 1938 das Land verließ, konnte von seinen 1600 Büchern nur 600 bis 700 mitnehmen, den Rest überließ er dem Buchhändler in der Kreuzlinger Straße. Scheffelt schickte Bloch noch bis 1939 für jedes verkaufte Buch das Geld. Nachzulesen ist das bei Manfred Bosch „Bohème am Bodensee“, Literarisches Leben am Bodensee von 1900 bis 1950.

Peter und Gudrun Neser seit Anfang der 60er Jahre

Seit 1931 arbeitete Peter Nesers Vater Sepp in der Buchhandlung mit. 1936 wurde er wegen Arbeitsmangels entlassen und kehrte erst nach Ende des Krieges 1949 zurück. 1961 haben Peter und Gudrun Neser die Bücherstube übernommen. Vieles sei heute leichter. Früher, sagt Neser, musste er noch mit der Schreibmaschine Antiquariatslisten tippen und seine Angebote im Offsetdruck in einer Auflage von 500 bis 1000 Exemplaren sonntags drucken und zur Post bringen. Heute fällt dank PC und Internet diese manuelle Arbeit weg. Dafür kämpfen die Antiquariate nun mit Dumpingpreisen. Bücher unter 10 Euro verschicken die Nesers nicht. Die Inhaber der Bücherstube selbst haben nun keinen Nachfolger gefunden. Auch ihre Tochter wollte den Eltern nicht folgen – sie arbeitet in einem Verlag.

In den 50ern angeeckt mit Aufklärungsbüchern

Auch seit 1945/46 war die Bücherstube am See die Buchhandlung, in der Leser wieder beachtenswerte Neuerscheinungen und Zeitschriften in die Hand nehmen konnten. Das Konstanzer Theater machte sich zu dieser Zeit gerade einen guten Namen, als es Stücke von Brecht oder Zuckmayer uraufführte. Noch immer gab es aber Einschränkungen. In den 50er Jahren geriet die progressive Buchhandlung erneut in den Fokus der Ordnungsbehörde. Polizei-Sittenwächter suchten damals nach Aufklärungsbüchern und Romanen mit erotischem Inhalt. Konfisziert haben sie damals auch einen Balzac.

Bücherstube am See war Szene-Treff

Zu Gast in der Bücherstube am See waren seit jeher bekannte Künstler, Literaten und Kunstsammler wie René Schickele, Alfred Neumannn, Else Lasker Schüler, Hans Breinlinger, später Peter Handke, Martin Walser und Herbert Achternbusch. Im Salzbüchsle stellte die Malerin Ulrike Ottinger aus. Auftrieb hab der Buchhandlung die Eröffnung der Konstanzer Universität. Sowohl die Universitätsbibliothek als auch die Konstanzer Stadtbibliothek kaufen ihre Bücher auch in der Buchhandlung am See.

Trivialliteratur nicht im Sortiment

„Wir kaufen oder vermitteln wertvolle Einzelwerke, übernehmen für unser Lager wissenschaftliche Büchernachlässe, wir beraten, taxieren und bewerten alte Drucke, Raritäten, Erstausgaben und vieles mehr“, heißt es auf der Homepage der Bücherstube am See. Viele der Schätze im Laden stammen aus Haushaltsauflösungen, aus Privathand, von Professoren oder auch Doubletten aus der Wessenberg Bibliothek sind darunter. Was die Nesers nicht anbieten wollten, war Triviales. Bestseller finden sich hier nicht. „Wir haben immer versucht, ein gewisses Niveau zu halten“, sagt Gudrun Neser. Gudrun Neser glaubt auch fest daran, dass das gedruckte Buch eine Zukunft hat. Leser wünschten sich das Haptische und die Buchhändlerin schwärmt von der Ästhetik einer schönen Insel-Ausgabe.

Ab Januar nur noch Versandantiquariat

Auch wenn Gudrun und Peter Neser ihre Bücherstube am See in der Emmishofer Straße 3 nun zum Jahresende schließen, werden sie sich nicht ganz zurückziehen. Ein Antiquariats-Angebot im Internet (ZVAB) bleibt über das Jahresende hinaus bestehen. Neue Adresse und Firmierung ab 1. Januar 2011: Versandantiquariat Peter Neser (vormals Bücherstube am See), Gartenstraße 31, 78462 Konstanz, Tel. 07531/22176, info@buecherstube-neser.de

http://www.buecherstube-neser.de/katalog.html

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.