Skandalös schlechtes DSL

Nach zwei Jahren noch immer kein Breitband im Gewerbegebiet

laptop(wak) Noch immer ist kein schnelles DSL im Überlinger Gewerbegebiet Nord verfügbar. Ein Skandal, sagen dort ansässige Unternehmer und Freiberufler. Es dürften um die hundert sein. Für den Standort Überlingen und die Überlinger Betriebe ist die miserable Versorgung mit breitbandigen Internetverbindungen ein Wettbewerbsnachteil. Unternehmen suchen sich entweder eigene teure Lösungen oder denken darüber nach abzuwandern. Von der Stadt fühlen sich die Firmen allein gelassen. Schuld sind aber auch die Deutsche Telekom und die Verpflichtung zur Ausschreibung. Die Stadt könnte gar nicht so einfach einen Auftrag erteilen. Seit zwei Jahren passierte auch deswegen nichts. Mitglieder der DSL-Initiative sind mittlerweile so frustriert, dass sie nicht einmal mehr Lust haben, über das Ärgernis zu sprechen.

Erster Brief vor zwei Jahren

Am 4. Dezember 2007 schrieb der damalige Oberbürgermeister Volkmar Weber einen freundlichen Brief an die Deutsche Telekom AG in Ravensburg. Das Problem ist seither noch immer dasselbe: Die aktuellen Bandbreite im Gewerbegebiet Nord reicht für die Internetnutzung nicht. Für innovative Firmen, die auf die Verfügbarkeit von breitbandigen Internetverbindungen angewiesen sind, ist das existenzgefährdend. „Tatsache ist, dass in den Wohngebieten in Überlingen mehr Bandbreite zur Verfügung steht als im Gewerbegebiet für die, die es wirklich benötigen“, erklärte schon vor zwei Jahren die DSL Initiative in der Heiligenbreite. Angeschlossen hatten sich der Initiative Firmen wie Dr. Pfau Fernwirktechnik, netcom7, Bommer, Bodan, Allweier, De Sanctis oder die OMC Group. Der Grund für die skandalös schlechte Internetverbindung lag schon damals in der großen Entfernung zur nächsten Verteilerstation – das ist heute immer noch so.

Initiative der Stadt vermisst

Mittlerweile hat die Deutsche Telekom AG längst ein Glasfaserkabel entlang der Lippertsreuterstraße zur MTU verlegt. Die Überlinger Unternehmen wissen, dass es möglich wäre, an dem Kabel einen Verteiler zu setzen, der auch das Gewerbegebiet Nord endlich mit einer vernünftigen Bandbreite versorgen würde. Das Setzen eines Verteilers müsste von der Stadt Überlingen nur initiiert werden, sagen sie.  Ganz so einfach ist das aber nicht: Denn die Telekom wollte sich ursprünglich 18 Monate Zeit ab Vertragsabschluss lassen, selbst wenn die Überlinger mit ihr einen Vertrag geschlossen hätten. Das hätte der Stadt zu lang gedauert. Beteiligt sind mittlerweile nun auch die Stadtwerke SWÜ. Bewegt hat sich aus Sicht der Betroffenen trotzdem nichts.

Betroffene sind nur noch genervt

Noch hängt das Gewerbegebiet an der Langgasse. Firmen, die sich jenseits der Bundesstraße angesiedelt haben, bleiben vom schnellen Datenverkehr abgehängt. Viele werfen der Stadt nach zwei Jahren Untätigkeit vor. „Ihr Fokus liegt auf anderen Themen“, sagt zum Beispiel Oliver Nies, dessen Firma netcom.7, online business solutions, im Gewerbegebiet Nord zehn Mitarbeiter beschäftigt und mittlerweile zu den Firmen gehört, die für sich eine individuelle Lösung gesucht haben. Was genau Stand der Dinge in Sachen DSL ist, vermag er nicht zu sagen und am liebsten redet er gar nicht mehr über das Thema. „Die letzte Information bekamen wir von Frau Becker bei einem Gespräch im Rathaus“, erinnert sich Nies. Mehr möchte er über den Verlauf des Gesprächs nicht erzählen. Ihm dauerte alles zu lang. „Wir haben jetzt eine eigene Lösung – das kostet Zeit, Geld und Nerven“, sagt der Gewerbetreibende. „Owingen und Markdorf hat’s ja auch hin bekommen.“ Nies erklärt, die Lage sei prekär. „Rufen Sie unbedingt noch Carsten Groh an“, sagt Nies. Groh war am Freitagnachmittag nicht mehr zu erreichen – dafür aber ein Freiberufler. Auch er reagierte eher genervt und will von dem Thema am liebsten gar nichts mehr hören.

DSL spätestens neun Monate nach Unterschrift

„Wir verhandeln seit Juli über einen Kooperationsvertrag“, stellte Udo Harbers, Pressesprecher der Region Süd der Deutschen Telekom, fest. Gespräche gebe es schon seit einem Jahr. Für ihn steht außer Frage, dass in einem Gewerbegebiet DSL 6000 aufwärts nötig sei. Eigentlich müssten die Betriebe mit DSL 16.000 versorgt sein. Ein Kunde dürfe maximal einen Kilometer weit von einem Knotenpunkt entfernt sein. Mittlerweile hat die Telekom der Stadt versprochen, dass es neun Monate nach der Vertragsunterzeichnung endlich eine breitbandige Internetverbindung geben würde. So lange betrage die Ausbauzeit. Hätte die Stadt also im Juli unterschrieben, könnten die Unternehmen im März online gehen und in angemessenem Tempo Daten verschicken und empfangen. Doch die Stadt konnte gar nicht unterschreiben – sie wäre verpflichtet auszuschreiben.

Weshalb kommt Vertrag nicht zustande?

Der Kooperationsvertrag in Sachen Gewerbegebiet ist übrigens nicht der einzige, bei dem es hakt. Auch Ernatsreute und Lippertsreute sind noch weiße Flecken auf der DSL-Landkarte. Peter Kienzle, der zuständige Mitarbeiter bei der Stadt, wollte am Telefon keine Auskunft über den Sachstand und die künftige Strategie der Stadt geben. Oberbürgermeisterin Sabine Becker, die sagen könnte, weshalb der Vertrag mit der Telekom nicht zustande kommt und welche Alternativen es gibt, war wegen Terminen am Freitag außer Haus und nicht zu sprechen. (Mehr zum Thema und alles über die Hintergründe lesen Sie am Dienstag.)

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