Solarunternehmen centrotherm photovoltaics AG bald raus aus Insolvenzverfahren

Blaubeuren/Konstanz. Die Sanierung und Rekapitalisierung der centrotherm photovoltaics AG hat am Dienstag eine entscheidende Hürde genommen. Gläubiger und Aktionäre stimmten dem Insolvenzplan zu. Das teilte das Unternehmen mit. Weiter heißt es: „centrotherm kann mit neuer Struktur führende Marktposition behaupten und bereits 2014 wieder Gewinne erzielen.“ Dias Unternehmen hat auch eine Niederlassung in Konstanz. Was die Rettung für den Standort Konstanz bedeutet, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Die Forschungsabteilung wird aber aufgelöst, so dass in jedem Fall Arbeitsplätze verloren gehen.

Raus aus dem Insolvenzverfahren

Gläubiger und Aktionäre haben bei dem vom Amtsgericht Ulm anberaumten Erörterungs- und Abstimmungstermin dem vorgelegten Insolvenzplan mit großer Mehrheit zugestimmt. Nach Bestätigung durch das Gericht und Erfüllung letzter formaler Bedingungen kann damit das Insolvenzverfahren in Kürze aufgehoben werden.

Neuausrichtung des Unternehmens

„Gläubiger und Aktionäre haben mit ihrer Entscheidung den Weg frei gemacht, damit centrotherm die Neuausrichtung erfolgreich abschließen kann und wieder eine positive Zukunftsperspektive hat. Wenn wir den Plan wie vorgesehen umsetzen können, dann ist dies ein für Aktionäre, Arbeitnehmer und Gläubiger gleichermaßen vorteilhaftes Ergebnis. Für die Aktionäre bleiben Millionenwerte, die Börsennotierung und Wertsteigerungspotenziale ihrer Anteile erhalten. Die Gläubiger haben eine gute Chance, 100 Prozent ihrer Forderungen oder sogar mehr zu realisieren und schließlich können so auch alle derzeit rund 1.000 Arbeitsplätze in der centrotherm Gruppe erhalten werden“, fasste Tobias Hoefer, der für den Insolvenzplan und die Sanierung in Eigenverwaltung zuständige Vorstand, das Ergebnis zusammen.

So geht’s

Hoefer hatte den rund 100 zum Abstimmungstermin im Ulmer „Haus der Begegnung“ erschienenen Gläubigern und Aktionären die wesentlichen Inhalte des Sanierungsplans erläutert. Dieser sieht vor, dass die Gesellschaft unter Beibehaltung der Börsennotierung fortgeführt und ihre Kapitalstruktur durch eine Umwandlung der Forderungen der ungesicherten Gläubiger in Aktien der Gesellschaft gestärkt wird. Dazu treten die Gläubiger 70 Prozent ihrer unbedingt und ohne Beschränkung festgestellten Forderungen an eine unabhängige und weisungsfreie Verwaltungsgesellschaft ab. Diese wird die an sie abgetretenen Forderungen in die centrotherm photovoltaics AG einbringen und so Aktionärin der Schuldnerin werden. Die eingebrachten Insolvenzforderungen erlöschen, das heißt die centrotherm photovoltaics AG wird maßgeblich entschuldet. Als Gegenleistung für die Einbringung erwirbt die Verwaltungsgesellschaft Aktien der Schuldnerin. Dies geschieht im Rahmen einer kombinierten Kapitalherabsetzung und -erhöhung.

Kapitalschnitt

Im ersten Schritt werde das Grundkapital der Gesellschaft durch Zusammenlegung der Aktien im Verhältnis von fünf zu eins um EUR 16.929.904 auf EUR 4.232.476 herabgesetzt (Kapitalschnitt). In einem sich unmittelbar anschließenden Schritt folge dann im Wege einer Sachkapitalerhöhung durch die Einbringung der Gläubigerforderungen wieder eine Erhöhung des Grundkapitals auf EUR 21.162.380 (Debt to Equity-Swap).

Gläubiger bekommen ihr Geld

Damit wird künftig die Verwaltungsgesellschaft sozusagen als Treuhänder für die Gläubiger 80 Prozent der Aktien der centrotherm photovoltaics AG halten, die restlichen 20 Prozent verbleiben den Altaktionären. Die Verwaltungsgesellschaft ist gegenüber den Insolvenzgläubigern verpflichtet, die Aktien bestmöglich zu verwerten und aus dem Verwertungserlös zu befriedigen. Je nach erzieltem Verwertungserlös können die Insolvenzgläubiger so möglicherweise eine Befriedigung von 100 Prozent ihrer ursprünglichen Insolvenzforderung oder sogar mehr erhalten.

Gläubiger und Aktionäre nicht schlechter gestellt

„Gegenüber einer alternativen Abwicklung bietet der Insolvenzplan für alle Verfahrensbeteiligten Vorteile. In jedem Fall wird kein Gläubiger und auch kein Aktionär schlechter gestellt, als er im Falle der Verwertung des Vermögens in einer Regelabwicklung stünde“, betonte Hoefer.

Präzendenzfall

„Ein Interessenausgleich, wie er mit diesem Plan erfolgt, ist beispielhaft für die Sanierung eines Unternehmens, wie sie der Gesetzgeber mit dem ESUG (Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen) fördern wollte. Es ist damit innerhalb von wenigen Monaten gelungen, einen weltweit tätigen, börsennotierten Konzern wieder fit für die Zukunft zu machen und dabei einen fairen Interessenausgleich zu schaffen“, so die Einschätzung von Sachwalter Prof. Dr. Martin Hörmann. „Das ist in dieser Größenordnung bislang in Deutschland ein einzigartiger Präzedenzfall.“

Darniederliegender Markt für Photovoltaikprodukte

„Das ist das Ergebnis der harten und engagierten Arbeit von Management und Mitarbeitern in den vergangenen Monaten seit Beantragung des Schutzschirmverfahrens im Juli 2012. Wir sind mit der strategischen, strukturellen und operativen Neuausrichtung der centrotherm-Gruppe so sehr gut und besser vorangekommen, als dies unter den Umständen eines darniederliegenden Marktes für Photovoltaik-Produkte zu erwarten war“, hob der Vorstandsvorsitzende Jan von Schuckmann hervor. „Das Unternehmen ist mittelfristig sicher finanziert und damit ein verlässlicher Partner für Kunden sowie Lieferanten. In einem schwierigen Branchenumfeld haben wir unsere Hausaufgaben gemacht.“

Ziele des Unternehmens

Eine Mitwirkung der Mitarbeiter in der „neuen centrotherm“ wird künftig auch durch den vor wenigen Tagen mit Unterstützung des Vorstands konstituierten Betriebsrat gewährleistet. Die neue strategische Ausrichtung der centrotherm-Gruppe sieht eine Konzentration auf das Kerngeschäft Produktionstechnik für thermische Oberflächenprozesse in der Photovoltaikindustrie mit dem Fokus auf Solarzellen vor. Als zweites Standbein soll der Halbleiterbereich mit einem langfristigen Umsatzpotenzial von 100-150 Mio. Euro weiter auf- und ausgebaut werden. Hier verfügt die centrotherm bereits über eine etablierte Marktposition mit wettbewerbsfähigen Produkten.

Schlanker geworden

Auch die Struktur der Gruppe konnte durch die Konzentration von Kompetenzen in der centrotherm photovoltaics AG am Standort Blaubeuren wesentlich schlanker, kostengünstiger und effektiver organisiert werden. „Wir sind in allen Bereichen schlagkräftiger geworden und haben damit sehr gute Voraussetzungen für den Neustart. Dabei ist die Kompetenz unserer Mitarbeiter unser wertvollstes Gut“, so von Schuckmann.

Köpfe wechseln

Auch die bereits angekündigten Veränderungen auf Vorstandsebene werden mit der Zustimmung zum Insolvenzplan Ende Januar wirksam. Dr. Dirk Stenkamp, bislang als COO der centrotherm photovoltaics AG für den Aufgabenbereich Operations und das Großprojekt Katar verantwortlich, wird das Unternehmen verlassen, um sich neuen beruflichen Herausforderungen zu widmen. Dr. Peter Fath sowie Dr. Thomas Riegler werden ebenfalls zum 31. Januar 2013 aus dem Vorstand der centrotherm photovoltaics AG ausscheiden. Der bisherige Technologievorstand Dr. Fath wird dem Unternehmen mit seiner Technologieexpertise und seinem exzellenten Netzwerk zu internationalen Forschungseinrichtungen in anderer Funktion verbunden bleiben und unter anderem die Aktivitäten in der MENA-Region sowie die Vertragsverhandlungen im Großprojekt Algerien weiter unterstützen und vorantreiben. Bis zum erfolgreichen Abschluss wichtiger Restrukturierungsprojekte wie beispielsweise die Vorbereitung des Debt-to-Equity-Swaps, die Geschäftsprozessoptimierung sowie die SAP-Einführung wird Dr. Riegler, bisher Finanzvorstand der centrotherm photovoltaics AG, das Unternehmen weiter als Berater begleiten.

Über centrotherm photovoltaics AG

Die centrotherm photovoltaics AG mit Sitz in Blaubeuren ist ein weltweit führender Technologie- und Equipmentanbieter der Photovoltaikbranche. Das Unternehmen stattet namhafte Solarunternehmen und Branchen-Neueinsteiger mit schlüsselfertigen („Turnkey“) Produktionslinien und Einzelanlagen für die Herstellung von Silizium, kristallinen Solarzellen und -modulen aus. Damit verfügt der Konzern über eine breite und fundierte Technologiebasis sowie Schlüsselequipment auf nahezu allen Stufen der photovoltaischen Wertschöpfungskette. Die centrotherm photovoltaics AG ist derzeit im Prime Standard an der Frankfurter Wertpapierbörse gelistet, wird jedoch zum 1. März in den General Standard des geregelten Marktes wechseln.

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