SÜDKURIER-Mitarbeiter verteilten Streikzeitung auf Wochenmarkt

Regionalzeitung informiert Leser nicht über Ausstand und Hintergünde des Arbeitskampfes

Konstanz. Auf dem Freitagsmarkt auf dem Stephansplatz haben heute streikende Mitarbeiter des Medienhauses SÜDKURIER ihre Streikzeitung verteilt. Auf vier Seiten informierten Redakteure, Verlagsangestellte und Drucker über ihren Ausstand und ihre Motivation. Vordergründig geht es um die Bezahlung und einen Haustarifvertrag. In der Hauptsache aber machen Redakteure auf die sich dramatisch verschlechternden Arbeitsbedingungen in Redaktionen aufmerksam. Die Folge von Einsparungen machen es Redaktionen immer schwerer, eine qualitätsvolle Zeitung zu produzieren. Die meisten Leser ahnen noch nichts.

Streikende sprechen mit Lesern

Zwischen frischen Kräutern, knackigem Bodensee-Obst, reifen Tomaten, Bergkäse,  Grillsteaks und Würstchen verteilten Streikende auf dem Wochenmarkt an ihrem vorläufig letzten Streiktag die Streikzeitung, die in Stuttgart gedruckt worden ist. Wenigstens mit einigen Lesern kamen sie ins Gespräch. Die hätten sich durchaus interessiert gezeigt.

Kampf für einen Haustarifvertrag

SÜDKURIER-Mitarbeiter kämpfen aktuell für einen Haustarifvertrag. Die Geschäftsführung möchte aber noch nicht einmal mehr einen einheitlichen Haustarifvertrag, sondern statt dessen mit allen Mitarbeitern individuell aushandeln, wie der Verlag ihre Arbeit in Zukunft entlohnt. Am Mittwoch hatte es noch einmal eine Versammlung mit den Druckern gegeben. Sie sei aber ergebnislos verlaufen.

Rainer Wiesner unnachgiebig

Nach Aussage des Betriebsrats weigert sich die Geschäftsführung auch weiterhin, einen Haustarifvertrag zu unterschreiben. Für Außenstehende sieht es so aus, als ob Rainer Wiesner, Geschäftsführer der Südkurier GmbH, Fleißpünktchen sammeln und sich beim Holtzbrinck-Verlag lieb Kind machen möchte. Eine unabhängige und kritische Berichterstattung dürfte aufgrund sich verschlechternder Arbeitsbedingungen und der angespannten Situation in Zeitungshäusern immer schwieriger werden. Stellen werden abgebaut. Ein Beispiel hierfür ist auch die „Frankfurter Rundschau“, deren Mantel in Berlin produziert wird.

Dramatische Einschnitte

Die Gewerkschaft Verdi und der Deutsche Journalistenverband (DJV) haben Zahlen genannt und vorgerechnet, dass ein Redakteur in elften Berufsjahr 600 Euro monatlich weniger oder statt 4401 nur noch 3800 Euro verdienen soll. Darüber berichtet auch die Streikzeitung. Im STREIK-KURIER steht allerdings irrtümlich statt 600 Euro weniger „im Monat“ 600 Euro weniger „im Jahr“.

Vierte Gewalt in der Krise

In den Redaktionen ist in der Vergangenheit bereits massiv gespart worden. Viele Redakteure arbeiten nach eigenen Angaben bereits an der Grenze ihrer Belastbarkeit und sorgen sich um ihre Arbeitsplätze. Honoraretats für freie Mitarbeiter sind geschrumpft. Die Bedingungen, unter denen Zeitungen entstehen, sind oft nicht mehr so, dass Qualitätsjournalismus produziert werden könnte. Das sagen Redakteure. Die veröffentlichte Meinung und damit die vierte Gewalt sind in der Krise.

SÜDKURIER-Region der Ahnungslosen

Die Leser, die sich nur auf die SÜDKURIER-Berichterstattung verlassen und weder Blogs noch überregionale Medien lesen, ahnen nur wenig. Sie haben auch in dieser Woche mutmaßlich kaum gemerkt, dass Teile der SÜDKURIER-Belegschaft drei Tage lang – von Mittwoch bis Freitag – im Ausstand waren. Die Zeitung erschien mit Hilfe von Streikbrechern, die sich nicht solidarisch mit ihren Kollegen zeigten. Dank dieser Verweigerer, die möglicherweise Konsequenzen oder Nachteile fürchten, erschien der SÜDKURIER trotzdem. Jeden Morgen – und auch am Samstag – steckt er voraussichtlich in den Briefkästen. Nur Leser, die die Zeitung per Post zugestellt bekommen, gingen teilweise leer aus, weil die Zeitung wegen des Ausstands nicht rechtzeitig fertig geworden war. Das erklärten Streikende. Über Hintergründe wissen Leser nur wenig. Einige Leser sagten gegenüber Streikenden immerhin, dass sie den SÜDKURIER als „dünn“ empfunden hätten.

Arbeitskampf tot geschwiegen

Einzelne Leser, die mehrere Zeitungen abonniert haben, fühlen sich vom SÜDKURIER mittlerweile anscheinend regelrecht für dumm verkauft. Während die Süddeutsche Zeitung, die ebenfalls häufig bestreikt wird, die Leser ihrer Printausgabe umfassend über den Streik informiert, schweigt ihn der SÜDKURIER tot. Geschäftsführung und Chefredaktion enthalten den Lesern somit Informationen vor – so kommt die Nicht-Berichterstattung bei Lesern  an.

Streik zeitigte keine Ergebnisse

Am heutigen Freitag endet der Streik der SÜDKURIER-Belegschaft. Eine Annäherung der Positionen hat es noch nicht gegeben. Klein bei geben möchten wenigstens die Redakteure aber auch nicht. Es werde wohl noch weitere Streiktage geben müssen, sagte einer aus der Belegschaft.

Durchblick und Hintergründe des Streiks

Vielen Zeitungsverlagen laufen die Abonnenten davon und  Werbung wird immer öfter ins Internet verlagert. Das liegt daran, dass Unternehmen nicht mehr davon ausgehen können, dass sie ihre Zielgruppe mit Zeitungsanzeigen erreichen. Vor allem Jüngere lesen eher keine Zeitung mehr und informieren sich statt dessen im Web. Printwerbung ist zudem teuer. Die Gewinne von Zeitungen schrumpfen, wenn Werbetreibende ihr Geld immer öfter in Online-Werbung stecken und es verteilen oder es auch für Fernseh- oder Radiospots ausgeben. Da es die Verlage wegen der Kostenloskultur im Internet nicht schaffen, ihre Verluste auszugleichen, sparen sie Kosten. Redakteursstellen werden gestrichen und Redakteure werden schlechter bezahlt. Darunter leidet wiederum die Qualität der Berichterstattung. Die öffentliche Meinung ist bedroht. Die Politik scheint das Problem nicht wahrzunehmen. Auch die Diskussion über die Bezahlung von Inhalten von Online-Zeitungen kommt nicht voran. Diskutiert wird über Bezahlschranken oder freiwillige soziale Bezahlsysteme. Auch die Internetpartei Piratenpartei hat keine Antworten. Im Gegenteil, die  Bundes- und Landesvorsitzenden, Sebastian Nerz und André Martens, sagten im Gespräch mit See-Online, es sei nicht Aufgabe der Politik Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Geschäftsmodelle funktionieren. Nicht mehr funktionieren könnte in Zukunft aber auch unabhängige Berichterstattung. Die Pressefreiheit ist in Gefahr. Auch deswegen sind SÜDKURIER-Redakteure in dieser Woche im Ausstand.

Foto: wak

2 Kommentare to “SÜDKURIER-Mitarbeiter verteilten Streikzeitung auf Wochenmarkt”

  1. piratenpartei Wähler
    15. Juli 2011 at 12:54 #

    Die Leute sind im Internet eben kaum bereit die Bezahlangebote der Zeitungen wahrzunehmen. Wieso denn auch wenn sich die gleichen news auf tausenden Blogs oder direkt über die Agenturen abrufen lassen. Freiwillige Bezahlmodelle bzw Spenden können das ganz sicher nicht auffangen.

    Was fehlt ist die Qualität, ich abboniere z.B. einige Fachzeitschriften und die sind das Geld wirklich wert. Aber bei den alltäglichen news ist das anders. Das meiste sind nur abgeschriebene Agenturmeldungen usw, gut tiefsinnige Artikel werden seltener, das erhöht nicht gerade die Zahlungsmoral.

    Ich wüsste auch nicht wie die Politik etwas daran ändern könnte, Subventionierungen, Leistungsschutzrecht halte ich da für nicht angebracht. Viel mehr sehe ich das Problem darin das der Online Werbemarkt in Deutschland nicht voll entwickelt ist und es somit sehr schwer ist entsprechende Projekte durch Werbung zu finanzieren. Hinzu kommt die massive Konkurenz durch soziale Netzwerke, Blogs, Youtube usw bei dem Wettbewerb um die Werbeplätze. Da bleibt nicht mehr soviel für die Zeitungen übrig.

    Die Zeitungen haben das Internet verschlafen, einfach ein par Texte online zu stellen und Werbung daneben zu bauen reicht nicht. Man muss die Nutzer an die eigene Plattform binden und das geht nur wenn diese interessant gestaltet ist, d.h Diskussionsforen anbieten in denen die Nutzer ihre Zeit verbringen und sich somit länger im Einzugsbereich der Werbeanzeigen aufhalten und somit deren Einnahmepotential steigern. Viele Onlinemedien haben dadurch guten Erfolg, viele der klassischen Zeitungen verstehen das nur nicht.

  2. suchenwi
    15. Juli 2011 at 21:59 #

    Ich habe gerade auf Wikipedia nachgeschaut: „Die erste Tageszeitung der Welt kam 1650 in Leipzig heraus. Der Drucker Timotheus Ritzsch veröffentlichte im Juli 1650 erstmals die Einkommenden Zeitungen. Diese erschienen an sechs Tagen in der Woche. Ihren Höhepunkt erlebte die Zeitung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.“

    Jetzt sind wir in der 1. Hälfte des 21. Jh. Noch vor gut 10 Jahren war bei mir der gedruckte Südkurier vor der Haustür Standard zum Frühstück. Heute? Radio und vor allem Internet stillen jeden Infobedarf. 100 Jahre nach den Hufschmieden sind jetzt wohl die Print-Journalisten dran. Die Zeiten ändern sich.. In einigen Jahren sind Tageszeitungen vielleicht Museumsstücke, wie die Neuruppiner Bilderbögen?

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