Totale Sicherheit gibt es an der Konstanzer Campus-Uni nicht

Drei Fälle von Übergriffen in vier Wochen und Schläge im Omnibus

Konstanz (wak) Eine Mängelliste haben Frauen an der Konstanzer Universität jetzt aufgestellt. Sicherheit dürfe keine Frage der Kosten sein. Bei einer Infoveranstaltung, bei der es am Montag auch um sexuell motivierte Übergriffe auf Frauen ging, stellten Uniangehörige mehrere Forderungen auf, die sie gern erfüllt sehen würden. Oben auf der Liste stehen eine verbesserte Beleuchtung im Hockgraben, ein sicherer beleuchteter Fahrradweg in Richtung Schwaketengebiet und Kameras in Bussen.

Übergriffe auf Frauen

Die AG Sicherheit hatte zusammen mit der Polizei am Montagmittag in einen Hörsaal im naturwissenschaftlichen Trakt gebeten, um über Angsträume auf dem Campus und auch den Stand von polizeilichen Ermittlungen zu berichten. Mehr als 160 Zuhörer, überwiegend Frauen, nahmen an der Veranstaltung teil. Die Ermittlungsergebnisse der Polizei, die die Beamten schilderten,  sind durchaus vorzeigbar: Die Polizei fasste schnell den Vergewaltiger und Taximörder von Singen und Hagnau, der Frauen nicht nur an der Konstanzer Hochschule in Angst und Schrecken versetzt hatte, und sie nahm zuletzt auch einen Exhibitionisten fest, der im Konstanzer Stadtgebiet aufgefallen war. Noch immer ungeklärt sind aber zwei Fälle von Vergewaltigungen und ein Fall einer versuchten Vergewaltigung, die im vergangenen Jahr in Konstanz passierten. Mindestens genauso sehr beunruhigen Frauen an der Campus-Uni aber drei Fälle von wahrscheinlich sexuell motivierten Übergriffen auf Frauen in diesem Sommer sowie ein Fall, bei dem ein Mann eine Frau im Bus geschlagen hat. Die Wahrscheinlich, dass eine Studentin oder eine Unimitarbeiterin Opfer eines Verbrechens wird, ist dennoch klein. Das stellte Kerstin Melzer vom Gleichstellungsreferat der Universität am Montag noch einmal klar.

Subjektives Sicherheitsgefühl leidet

Wie sehr das subjektive Sicherheitsgefühl leidet, zeigte aber die Diskussion im Hörsaal. Wenn eine Frau Opfer einer Vergewaltigung werde, habe sie damit ein Leben lang zu tun, sagte eine Frau. Sie schlug vor Notrufbuttons zu installieren. Für ihre Feststellung, dass die Sicherheit der Frauen Belangen des Naturschutzes im Hockgraben nicht untergeordnet werden dürften, erhielt sie spontanen Beifall. Eine Frau berichtete wie eine Kommilitonin in einem Bus angegriffen worden ist. Nur ein Mann im Bus habe ihr geholfen. Die Frau forderte Kameras auf der Unilinie und sagte, Kameras in Bussen dürften keine Preisfrage sein. Eine andere Frau wünschte sich mehr Busse und eine höhere Taktdichte in den Abendstunden. Die Frage nach Sammeltaxis wurde gestellt.

Frauen auf den Fahrrad nicht sicherer

Zumindest für Studentinnen, die in Wollmatingen wohnen, ist das Fahrrad abends keine Alternative. Heftige Kritik kam an dem unbeleuchteten Fahrradweg. Einhellig waren die Frauen im Hörsaal der Meinung, dass der Hockgraben gefährlich ist. Zumindest in den Abendstunden scheinen viele Frauen den Hockgraben für einen Angstraum zu halten. Die letzten Vorfälle geschahen aber am hellichten Tag. Wer Richtung Allmannsdorf möchte, nimmt offenbar einen Umweg über den Sonnenbühl und den Tannenhof in Kauf. Radfahrerinnen seien genauso gefährdet wie Fußgänger, stellte einer der Polizeibeamten klar. Mehr Licht und das Wegschneiden von Gebüsch könnte helfen. Für den Hockgraben zuständig ist aber das Land und nicht die Stadt Konstanz. Das Gelände ist zudem FFH-Gebiet, was Eingriffe in die Natur schwierig macht. Seitens der Stadt war zu hören, dass die Beleuchtung im Hockgraben veraltet sei. Offenbar gibt es heute modernere Lichtsysteme, bei denen sich Belange des Naturschutzes und mehr Helligkeit in Einklang bringen ließen.

Trillerpfeifen sollen abschrecken

Mehrere Frauen sprachen sich für eine „Mitgeh-Zentrale“ aus. Uniangehörige könnten sich übers Internet oder Microblogsystem verabreden. Doch Kerstin Melzer warnt: Sie sagte, erst einmal müsste sicher gestellt sein, dass sich potentielle Täter nicht etwa mit ihren Opfern verabreden. Frauen kritisierten, dass der Frauen-Treffpunkt viel zu wenig im Bewusstsein sei. Vielleicht brauche es wieder ein paar Flugblätter. Kerstin Melzer setzt momentan auf die Aktion „Save Way“, bei der sich Frauen von Kommilitonen oder Unimitarbeitern begleiten lassen könnten. Ob es einen Täter abschrecken könnte, wenn eine Frau am Handy telefoniere, fragte eine der Zuhörerinnen. Ein Polizeibeamter zuckte mit den Schultern. Er wisse es nicht, sagte er. Ja, Trillerpfeifen wären gut. Selbstverteidigungskurse auch. Signalgeräte können sich Studentinnen und Wissenschaftlerinnen auch an der Ausleihe an der Unibibliothek leihen. Auch in der Bibliothek gibt es abgelegene Ecken. Die Tagesschicht an der Verbuchung wusste von den Signalgeräten aber nichts.

Polizeinotruf 110 wählen

Auf alle Fälle sollten Frauen, sobald sie sich verfolgt oder bedroht fühlen, nicht zögern den Polizeinotruf, die 110, zu wählen. Uniintern von einem Haustelefon ist der rund um die Uhr besetzte I-Punkt unter 2222 zu erreichen. Wer vom Handy aus den I-Punkt erreichen will, muss die Konstanzer Vorwahl und die 88-2699 wählen. Auch Mitarbeiterinnen fühlten sich in ihren abgelegenen Büros an Tagesrandzeiten manchmal unwohl. Kerstin Melzer sagte, bitte nach jedem Vorfall unbedingt die Uni informieren. „Verdächtige melden.“ Ansprechpartner ist das Gleichstellungsreferat. „Es gibt noch viel zu tun“, so Kerstin Melzer. Sie zählte noch einmal auf, was Unsicherheitsräume kleiner machen könnte: Mehr Licht im Hockgraben und Büsche zurückschneiden, eine von der Fahrbahn abmarkierte Fahrradstrecke nach Wollmatingen, bessere Busverbindungen in den Abendstunden und Kameras in den Bussen und vielleicht auch ein bisschen mehr Hilfe und Zivilcourage. Eine Erkenntnis aber bleibt auch nach der Infoveranstaltung: Totale Sicherheit gibt es für Frauen an der Campus-Uni – und auch im ganzen Konstanzer Stadtgebiet nicht.

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Foto wak/Fahrgäste im Linienbus der Uni-Linie 9.

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