Überlinger Innenstadt stöhnt unterm Verkehr

Brief an Oberbürgermeisterin: Zeit des Vertröstens ist vorbei

Überlingen (wak) Schluss mit dem Stop + Go durch die vom Verkehr belasteten mittelalterlichen Straßen der Überlinger Altstadt. Das haben 50 Unterzeichner eines Briefes an die Oberbürgermeisterin der Stadt gefordert. Initiator des Protest ist Josef Fuchs, Besitzer der Überlinger Stadtapotheke. Weder Anwohner noch Geschäftsinhaber wollen sich weiterhin von der Oberbürgermeisterin vertrösten lassen. Josef Fuchs fordert eine „Entschleunigung des Verkehrs“. Während andere Städte längst nach Schweizer Vorbild mit Anwohnern Shared Spaces oder Begegnungszonen planen, ist aus dem Überlinger Rathaus dazu bisher noch keine zündende Idee gekommen. Oberbürgermeisterin Sabine Becker sei seit ihrer Wahl merkwürdig stumm geblieben. Seit ihrem Amtsantritt vor einem Jahr habe sich in der Überlinger Innenstadt nichts bewegt.

Nachbarn sammelten Unterschriften

Eigentlich wollte Josef Fuchs, vor dessen Apotheke in der Franziskanerstraße der Autos und Busse unablässig und schier ohne Unterbrechung vorbei rollen, in Sachen Verkehrsbelastung der Innenstadt nur als Betroffener einen Brief an die Oberbürgermeisterin schreiben. Dann überlegte sich Fuchs, dass sein Schreiben möglicherweise im Rathaus mehr Beachtung finden könnte, wenn ihn mehrere unterschreiben würden. „Es wurde ein Selbstläufer“, erzählt Fuchs. Er sprach nur wenige Anwohner und Ladeninhaber an. Viele von ihnen sammelten darauf hin auf eigene Faust selbst Unterschriften in der Nachbarschaft. „Es war, wie einen Stein ins Wasser zu werfen“, sagt Fuchs. 50 Unterschriften seien zusammen gekommen. Dabei hätten die Initiatoren der Aktion noch nicht einmal konsequent alle Geschäftsinhaber angesprochen.

Gefühlt noch immer zu viele Busse

„Die Meinungen gehen auseinander“, sagt Fuchs. Nicht alle Betroffenen verstehen unter dem Stichwort „Verkehrsberuhigung der Innenstadt“ dasselbe. In einigen wesentlichen Punkten aber seien sich alle einig: Die Belastung durch Busse sei zu hoch und Leerfahrten vom Landungsplatz durch die Marktstraße und weiter durch die Franziskanerstraße sehen viele als Ärgernis an. „95 Prozent der Busse fahren leer zur Zimmerwiese“, sagt Fuchs. Belegen könnte der Apotheker diese Aussage wohl eher nicht. Ob die Zahl stimmt, ist aus Sicht der Betroffenen aber wahrscheinlich auch gar nicht so wichtig. Gefühlt ist es auf alle Fälle so.

Entschleunigung des Verkehrs

Fuchs und seine Mitstreiter fordern einen „entschleunigten Verkehr“. Eine Begegnungszone mit einer einzigen Verkehrsfläche ohne antiquierte und sowieso viel zu schmale Trottoirs, auf der alle Verkehrsteilnehmer, Autos, Fußgänger und Fahrradfahrer gleichberechtigt wären, könnte eine Lösung sein. Josef Fuchs sagt: Ein „schönes Modell“. In Konstanz entsteht demnächst eine solche Zone grob gesagt in der Konzilstraße zwischen Fischmarkt und Lago. Auch Kurzzeitstellplätze sind in der Tempo-20-Zone beim Konstanzer Bahnhof vorgesehen und selbstverständlich dürfen auch Busse in den Bereich einfahren. „Eine Begegnungszone wäre optimal“, sagt Josef Fuchs spontan. Denn so wie es momentan in der Überlinger Innenstadt zugehe, seien alle nur noch genervt.

Innenstadt nicht für Fußgänger geeignet

„Alles für den Verkehr, nichts für die Menschen“, entscheidet der Apotheker. Er skizziert das, was er jeden Tag sieht und riecht, wenn er seine Türe öffnet: Verkehr und Abgase. Da sei das kaputte Trottoir an der Bushaltestelle in der Christophstraße, das nicht für so schwere Busse gemacht sei, sagt er. Bevor die Stadt den Gehweg repariere, solle sie aber lieber überlegen, ob sie die Zone nicht umgestalten könnte. Ein bisschen umgestalten müsse schon sein, meint der Apotheker. Fuchs spart nicht an Kritik und es ist die schlimmst mögliche einer Einkaufsstadt: Aus seiner Sicht sei Überlingen eine nicht für Fußgänger geeignete Stadt. „Fußgänger haben sich an den Straßenrändern aufzuhalten und müssen sich an den Häuserwänden vorbei drücken.“ Die Aufenthaltsqualität geht da gegen null.

2010 endlich Aufenthaltsqualität verbessern

Die Unterzeichner des Briefes an die Oberbürgermeisterin fordern, dass 2010 endlich auf Versprechen auch Taten folgen. Bei der Oberbürgermeisterwahl 2008 sei das Thema Verkehr eines der bedeutendsten gewesen. Die Überlinger Innenstadt habe so langsam keine Geduld mehr: „Erst sich nicht einigen können und dann ist kein Geld mehr da“, kritisiert Fuchs. Noch ein weiteres Jahr Debatte möchten die Betroffenen nicht mehr hinnehmen. „Wo setzt die Stadt ihre Prioritäten?“, fragt Fuchs stellvertretend für 49 andere Unterzeichner des Briefes. Für Fuchs steht felsenfest fest: Die verkehrsberuhigte Innenstadt hätte ein ganz anderes Lebensgefühl in der Stadt zur Folge. Die Frequenz der Passanten würde sich erhöhen, sagt Fuchs, und auch für die Kunden wäre sie attraktiver. Profitieren würde so wohl auch die Geschäftswelt.

Fotos: wak

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