Überlinger Wohngebiet rebelliert

Bürgerinitiative WOGE ZaNeLi schlägt Wellen

Überlingen (wak) Mächtig Wellen macht die Überlinger Bürgerinitiative WOGE ZaNeLi vor der Gemeinderatssitzung am Mittwoch dieser Woche. Sie fühlen sich von der Stadt allein gelassen. Die Bewohner des neugebauten Überlinger Wohngebiets wehren sich bereits seit zwei Jahren dagegen, dass ihre Wohnstraße zu einer Hauptausfallstraße in Überlingen geworden ist. Die zwischen Krankenhaus und Aufkircher Tor im Vergleich zur Zahnstraße autogerechter ausgebaute Aufkricherstraße wurde dagegen entlastet. Jetzt sollen die Aufkircher- und die Wiestorstraße auch formal zur Stadtstraße herabgestuft werden. Die Anwohner der Zahnstraße wollen das nicht hinnehmen.

Von der Wohnstraße zur „Stadtautobahn“

Die Zahnstraße wurde im Bebauungsplan 1988 endgültig als reines Wohngebiet ausgewiesen, sagen die Anwohner. Rund 30 Jahre hatte sie nur eine Verteilerfunktion für die angrenzenden Wohnstraßen, dann wurde sie Anfang 2008, obwohl baulich dafür ungeeignet, zu einer stark befahrenen B 31 Hauptausfallstraße, ärgern sich die Anwohner. Sie sprechen von einer „Stadtautobahn“.

Alarm vor der Entscheidung des Gemeinderats

„Seit nunmehr zwei Jahren sind die Anwohner des reinen Wohngebiets, der Zahnstraße, Opfer einer katastrophalen Verkehrsplanung, sie sind dem daraus resultierenden Lärm, den Abgasen, Risiken und Umwegen täglich ausgesetzt“, heißt es in einer Mitteilung der Bürgerinitiative. In der vergangenen Woche hat die WOGE ZaNeLi im Amtsblatt der Stadt den Hinweis entdeckt, dass die Entscheidung, die ehemaligen Landesstraßen Aufkircher- und Wisenstraße zu Stadtstraßen herab zu stufen in der Gemeinderatssitzung am Mittwoch, 17. März, fallen soll.

WOGE ZaNeLi sieht weitere Ungerechtigkeit

„Damit soll die Übertragung von Funktionen der Landesstraße L200 auf die Zahnstraße noch vor der Stellungnahme des Petitionsausschusses endgültig besiegelt werden“, protestiert die Bürgerinitiative. „Die Landesstraße L200 hätte dann den gleichen Charakter, wie beispielsweise der Litscherweg, die Zahnstraße oder die Nellenbachstraße“, heißt es weiter. Nur einen Unterschied gebe es, behaupten die Bewohner des Neubaugebiet: Die Anwohner der Aufkircherstraße hätten keinerlei Erschließungskosten für die Straße bezahlen müssen. „Die Anwohner in den reinen Wohngebieten wurden hingegen voll zur Kasse gebeten und erhalten nun nachträglich eine Hauptverkehrsstraße analog einer Landesstraße bzw. einer Stadtautobahn“, schimpft die WOGE ZaNeLi weiter. Mitglieder der Bürgerinitiative empfinden auch das offenbar als zynisch.

Gesundheitsgefährdender Lärm

Während das Verkehrsaufkommen in der Zahnstraße vorher bei 1.500 Kfz pro Tag lag, stieg es in drei Planschritten auf bis zu 6.500 Kfz (aktueller Planfall 1 f) an, behauptet die Bürgerinitiative. „Das ist eine Steigerung um fast das Viereinhalbfache!“ Und weiter: „Zu gleicher Zeit erreichte die vom TÜV gemessene Schallimmission (mitten in einem Familien-Wohngebiet) mit 68 dB(A) einen Wert, der die rechtlich zulässige WR-Grenze (gesundheitsgefährdend!) um volle 35% überschritt!“

Aufkircherstraße spürbar entlastet

Parallel dazu sei der Verkehr in der etwa elf Meter breiten Haupt- und Landesstraße L 200, der Aufkircherstraße, um mehr als die Hälfte reduziert worden. „Die ebenfalls uralte, wichtige West/Ost-Handelsverbindung ,Friedhofstraße West‘ (siehe Merian-Stich 1630) wurde sogar noch stärker entlastet, um bis zu 90%, obwohl es sich dabei ,nur‘ um ein Wohn-Mischgebiet mit Industrieansiedlung handelt“, heißt es in der Mitteilung weiter.

WOGE ZaNeLi kritisiert neue Bürgerbeteiligung

Oberbürgermeisterin Sabine Becker werfen die Anwohner aus der Zahnstraße vor, die Stadtverwaltung spiele auf Zeit und wolle ihre Verantwortung an die Bürger abschieben. Damit meint die WOGE ZaNeLi offenbar die geplante Bürgerbeteiligung, bei der es einerseits um die Verringerung des Verkehrs in der Altstadt und andererseits um die Verteilung des Verkehrs auf Ein- und Ausfallstraße gehen wird. Oberbürgermeisterin Sabine Becker sagt, sie lehne Einzellösungen ab und wolle eine ganzheitliche Lösung des Verkehrsproblems in Überlingen. Zu einem Ergebnis kommen will die Stadt offenbar noch in diesem Jahr.

Neubaugebiet fühlt sich abgeschrieben

Die WOGE ZaNeLi behauptet nun: „Eine Verkehrsreduzierung in der Zahnstraße steht weiterhin nicht auf der Tagesordnung – vielmehr hat die Zahnstraße für die Stadtverwaltung keinerlei Bedeutung mehr. Eine vernünftige Innenstadtberuhigung wird vermutlich weder in den nächsten fünf Jahren realisierbar und noch weniger finanzierbar sein. Deshalb bleibt sicher alles erst einmal beim Alten.“ Ganz unrecht dürfte die WOGE ZaNeLi mit dieser Vermutung nicht haben: Dass schon 2011 oder 2012 zum Beispiel eine Begegnungszone in der Altstadt entsteht, dürfte unwahrscheinlich sein. Denn die klamme Stadt müsste ein paar Millionen Euro in die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt investieren – Geld, das sie vielleicht nicht hat.

Überlingen steht heißer Frühling bevor

„Viele Briefe an die Stadtverwaltung und Hunderte von Wider- und Einsprüche der Anlieger blieben einfach unbeantwortet“, behauptet die WOGE ZaNeLi und fragt: „Wo bleibt da die versprochene Bürgernähe?“ Weiter kündigt die WOGE ZaNeLi an: „Wir haben der neuen Stadtverwaltung eine angemessene Schonfrist eingeräumt. Diese Schonfrist ist nun abgelaufen!“ Überlingen steht wieder einmal ein heißer Frühling bevor: Wenn an Ostern die Saison beginnt und der Verkehr größer wird, dürfte sich der Streit weiter zuspitzen.

Die öffentliche Sitzung des Gemeinderats beginnt am Mittwoch,17. März, um 20 Uhr mit einer Bürgerfragestunde. Um die Abstufung der Aufkircher- und der Wiesenstraße geht es beim Tagesordnungspunkt 9.

Ein Kommentar to “Überlinger Wohngebiet rebelliert”

  1. Rüdiger von der Linde
    16. März 2010 at 10:49 #

    Wie schnell Glaubwürdigkeit verspielt werden kann

    Grund für diesen Brief ist die mehrfache Aussage unserer neuen Stadtverwal-
    tungsspitze, daß den Bürgern schon bald ein völlig neues Verkehrskonzept
    vorgestellt werden soll, bei dem „von Null“ an (also ohne Rücksicht auf die in
    den letzten zwei Jahren getroffene adhoc-Entscheide) neu geplant wird. Dem
    steht die offizielle Ankündigung in „Hallo Ü“ diametral gegenüber, daß schon
    am 17.03.10 der Gemeinderat die Abstufung der Aufkircher Straße (L200) zur
    Stadtstraße beschliessen wird.

    Damit werden – wie schon in 2008 und 2009 und trotz hunderter schriftlicher
    Wider-und Einsprüche – erneut Fakten ohne Bürgerbeteiligung geschaffen. Das
    steht in krassem Widerspruch zu den vielen medienwirksamen Absichtserklä-
    rungen der neuen Verwaltungsspitze in den letzten Monaten. Seit rund 1 1/2
    Jahren wird jegliche Verkehrsverbesserung für die an die Aufkircher Straße an-
    grenzenden Reinen Wohngebiete „still beerdigt“, obwohl die Zahnstraße heute
    (als „Stadtautobahn“) ein Verkehrsaufkommen von ca.6.500 Kfz hat (in 2008
    erst 1.500). Und die engen / engsten Wohnnebenstrassen werden inzwischen
    massiv von Schleichverkehr überflutet.

    Hier als Beispiel die Querverbindung Litscherweg W : Nur 2,50 m breit, ohne
    Bürgersteig, – ein Pkw und ein Fußgänger passen gerade mal nebeneinander
    — Ende ! Dagegen ist die uralte Querverbindung Friedhofstraße West an ihrer
    schmalsten Stelle doppelt so breit, plus Bürgersteig. Meinem Eindruck nach
    scheren sich die Verantwortlichen einen Teufel um Bürgermeinung und -nähe,
    – durch die für den 17.03.10 anvisierte Entscheidung wird die Lage einmal mehr
    zementiert und muß daher eher als menschenfeindlich denn als menschen-
    freundlich betrachtet werden !

    Bis zu der verbal angekündigten Bürgernähe bei Verkehrsfragen bzw. bis zur
    Herstellung einer echten Glaubwürdigkeit haben Verwaltung und Gemeinderat
    noch ein grosses Stück Weg vor sich. Hoffentlich finden sie den Weg gemein-
    sam auch ohne Navi.

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