Überzeugungstäter auf samstäglicher Wahlkampf-Tour

Konstanz zwei Wochen vor dem Bürgerentscheid: Kalte Füße und heiße Ohren

Konstanz (wak) Befürworter und Gegner des Konzert- und Kongresshauses auf dem Gelände Klein Venedig haben am Samstag Wahlkampf gemacht. Während Bürgermeister Kurt Werner zusammen mit den Stadträten Kurt Demmler (CDU) und Roland Wallisch (FGL) am Nachmittag am Modell drei Stunden lang im Lago mit Unentschlossenen diskutierten, zogen die Gegner des Konzerthauses mit einer spektakulären Kunstaktion in der Bodanstraße und in der Fußgängerzone die Blicke von Neugierigen auf sich. Im Schneesturm hielten sie gelbe Straßenschilder mit Aufschriften wie „Konstanz 21 Hier geht’s um mehr“ oder „Feinstauballee“ in die Höhe.

Befürworter machen Wahlkampf im Warmen

Während die Gegner im Schneesturm bibberten, hatten es die Befürworter in Lago mollig warm. Etwa 60 bis 80 Gespräche habe er geführt, sagte Bürgermeister Kurz Werner kurz nach 15 Uhr. Auch Roland Wallisch hatte unermüdlich argumentiert und sich mit Kurt Demmler die Füße drei Stunden lang platt getreten und die Stimme fast heißer geredet. Geduldig erklärte Kurt Werner Fragenden das Modell, in dem die Proportionen und die Flächenaufteilung zu sehen sind. Grundfläche KKH, Parkhaus und Hotel, Sealife und Eissporthalle, versiegelte Flächen und unversiegelte. Winzige 7 Prozent der Fläche von Klein Venedig würden mit dem Konzerthaus überbaut. Die Bürger interessierten sich dafür, was mit der Festwiese auf Klein Venedig passiert und für den Verkehr. Und immer wieder ging es in den Gesprächen um die Finanzen. 48 Millionen sagt die Stadt. Wird sich Konstanz trotz der Finanzkrise, die viele Kommunen deutschlandweit in eine dramatisch schlechte Position gebracht hat, das KKH leisten können? Ja, behauptet Roland Wallisch und redet von antizyklischem Verhalten. In der Krise investieren und hinterher etwas davon haben, argumentiert Wallisch. Der Bürgermeister ist ein geduldiger Zuhörer und ein guter Erklärer. Einige seien mit einer feststehenden Meinung gekommen, sagt Kurt Werner. Manche wollten nach dem Gespräch am Infostand im Lago nun noch einmal neu nachdenken.

Aktion der Gegner sorgt für Aufsehen

Plötzlich wurde der Stand auch noch Teil der Kunstaktion. Stadtrat Holger Reile (Linke) mischte sich hinter einer OB-Horst-Frank-Maske und mit Sammeldose bewaffnet unter die Diskutierenden. Zuvor hatte der „OB“ vor dem Lago mit Passanten diskutiert. Viele der Angesprochenen und zufällig Vorbeikommenden zeigten sich gut informiert. Offenbar stieß die Kunstaktion mit Schilderwald, die im Gegensatz zu einer Demonstration oder Kundgebung nicht angemeldet war, auf viel Sympathie bei den Samstagseinkäufern. Bewusst hatten die Gegner, denen Kreativität auf gar keinen Fall abgesprochen werden kann, eine Demonstrationsform gewählt, die trotz kalter Füße auch Spaß machte. Zu lesen waren Straßennamen wie „Stau-Avenue“, „Konkurs- und Regresshaus“, „Prestigetempel Horst Frank Südzubringer“ oder „Abgas-Promenade“. Schon heute würden Grenzwerte für Feinstaub und Abgas an Laube und Schnetztor überschritten, erklären die Gegner. Auch an die Finanzierbarkeit des Projekts glauben sie nicht. Konstanz veranschlage 300.000 Euro Betriebskostenzuschuss jährlich. Damit komme kein vergleichbares Konzerthaus in Deutschland aus. Auf dem Weg durch die Rosgartenstraße zum goldenen Container von Konzerthausbefürwortern auf der Marktstätte bekamen die Gegner viel verbale Unterstützung von Passanten.

Alles läuft aufs Thema Finanzierbarkeit zu

Das Thema Finanzen kristallisiert sich indes immer mehr zum vielleicht wichtigsten heraus. Auch der Stadtsportverband hatte sich entsprechend geäußert. (See-Online.info berichtet am Sonntag.) Mit Slogans wie „Noch fehlen Sporthallen – Nein zu Klein Venedig“ erreichen die Gegner offenbar auch die Sportler. Beunruhigt sind längst auch Eltern, die fürchten, dass Kinderbetreuungsangebote teurer werden könnten. Von einer Erhöhung der Grundsteuer wären alle Bürger – egal ob Immobilienbesitzer oder Mieter – gleichermaßen betroffen. Anfang der Woche erhält die Stadt Konstanz vom Regierungspräsidium in Freiburg den Genehmigungsbescheid zum aktuellen Nachtragshaushalt. Mit Spannung warten Befürworter und Gegner des Konzerthauses auf die Bewertung der aktuellen Finanzlage und der mittelfristigen Finanzplanung der Stadt durch das Regierungspräsidium. Dass der Haushalt genehmigungsfähig ist, steht außer Frage. In Zukunft aber könnte sich der Horizont verdüstern. „Schön wär’s schon“, sagte ein Bürger am Stand im Lago zum KKH-Entwurf. „Aber wer soll es bezahlen.“

Fotos: wak

3 Kommentare to “Überzeugungstäter auf samstäglicher Wahlkampf-Tour”

  1. Fenedig
    6. März 2010 at 20:11 #

    Die Auseinandersetzung um das KKH wird, wie man sieht und liest, neuerdings auch durch Folklore und Mummenschanz mit mehr oder weniger geglückten Einfällen garniert (Und wo Herr Reile auftaucht, wird es – wie erkennbar – meistens besonders anstrengend lustig). Das Sprücheklopfen und das Tafelbeschreiben gehört nun halt eher zu den Gegnern einer Vorlage. Das ist alles hoch demokratisch, auch wenn man sich ab und zu schon Gedanken macht über Sinn oder Unsinn. Aber das ist eine persönliche Frage. Über die Finanzierbarkeit des Projekts als ein Hauptelement der Auseinandersetzung lässt sich in den kommenden Tagen noch weiter trefflich streiten. Im Dunst immer neuer Argumente verliert sich daher nicht selten die Idee an sich, für die die Befürworter kämpfen. Diese Idee bedeutet für sie – und gemeint ist die Stadt! – einen Wert an sich. Dagegen wagen nicht mal die Gegner grundsätzlich etwas einwenden, um nicht als „Kulturbanausen“ in die Stadtgeschichte eingehen zu wollen. Deren Motive – die der Gegner – sind daher anders, oft multipel zusammengewürfelt, verkünden und „flyern“ jeden noch so unwichtigen Gedankensplitter, wenn er nur dem „Dagegen“ gerecht wird. „Für was“ man dann schliesslich genauer steht, wenn nicht gegen alles, „was da so von den Stadtoberen kommt“, bleibt oft unklar, da in der Regel kaum Einheitlichkeit herrscht in protestierenden Lagern. Dem „Prinzip Hoffnung“, dass die dereinst (eventuell!) nicht ausgegebenen Euros dann fliessend diesem oder jenem Projekt, dieser oder jener Organisation oder Institution zugeschlagen werden könnte, unterschätzt die Dynamik von Räten und deren Zusammensetzung, die bekanntlich jeden einzelnen Posten abzusegnen haben. Dieses Gedränge ist jeweils voller Überraschungen. Nun hat sich das zuständige Ratsgremium mit Mehrheit halt mal für einen ordentlichen „Ruck“ (Herzog) entschieden und geht da durchaus für einmal konform mit Keynes‘ Ansicht, „dass Sparsamkeit gesamtwirtschaftlich auch mal negative Folgen zeitigen kann“, erhofft sich mit der mutigen Entscheidung einen wesentlichen Schritt in die Zukunft und nichts weniger als „das notwendige i-Tüpfelchen“ für die Stadt, um konkurrenzfähig zu werden und zu bleiben. Davon – sind die Befürworter überzeugt – sollen möglichst alle Bürger profitieren, sei es direkt durch den Besuch von Veranstaltungen, oder indirekt durch eine sich auf breiterer Basis wirtschaftlich und kulturell positiv weiter entwickelnde Stadt.

  2. superstefan
    7. März 2010 at 12:48 #

    KKH ist nicht wirtschaftlich zu führen – Email-Zitat von Herrn Hilmar Wörnle: „Keiner der Befürworter –soweit mir bekannt- behauptet ein solches Haus sei in der Form wirtschaftlich zu führen,“

  3. Fenedig
    7. März 2010 at 15:07 #

    Es gibt zig-Institutionen in einer Stadt, die nicht wirtschaftlich zu führen sind, sehr geehrter (Herr?) „superstefan“. Insofern zitieren Sie Herrn Wörnle richtig. Man müsste von manch lieb gewonnen Erfahrungen Abschied nehmen, würde sich eine Stadt – also nicht alleine Konstanz! -nur darauf konzentrieren, alles auszusortieren, „was nicht rentiert“. Da würden einige staunen und in Erregung versetzt werden. Nicht mal Alternatives – etwa ein Kula oder ein K9 – lässt sich im Kerngeschäft erfolgsorientiert managen, wie man weiss. Eine Stadt hat gerade gegenüber dem Oberbegriff „Kultur“ eine immer währende Verpflichtung. Dieses kann nun aktuell bedeuten, dass man z.B. einer Philharmonie (nicht nur!) die Chance nicht verspielen möchte, zeitgemäss zu arbeiten, sich besser zu präsentieren, den Bürgern und auswärtigen Besuchern eine Lokalität anzubieten, die in der Konkurrenzsituation auch auf musikalischer Ebene Bestand hat. Das ist eine schöne Aufgabe. Und es darf nicht vergessen werden, dass zusammen mit der „Kongressidee“ die – vielzitierten – Synergien wirken werden, das heisst, die Besucher beleben u.a. neben der Hotellerie auch die Einkaufshäuser der Stadt, die Kneipen, die Restaurants, usw. Darüber hinaus generiert Klein-Venedig – sollte es eines Tages tatsächlich realisiert sein – 150 bis 200 neue Arbeitsplätze, zum guten Teil ganzjährige sogar. Auch das trägt letztlich zur allgemeinen Wirtschaftlichkeitsrechnung bei. Freundlicher Gruss.

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