Unsterblich, Rock am See in Konstanz feierte 25. Geburtstag

Mehr als 23.000 Fans rockten am Samstag bei Stehparty im Bodenseestadion ab


Konstanz
(wak) Das Konstanzer Bodenseestadion so gut wie ausverkauft, gebrochene Finger eines Gitarristen, mehr als 23.000 glückliche Gesichter an einem Samstag im August und ein Wolkenbruch ganz zum Schluss. Mit der 25. Auflage hat sich das Open Air Festival Rock am See endgültig unsterblich gemacht. Dem großartigen Anlass angemessen zündete Hosen-Frontman Campino ein gigantisches Feuerwerk. Sieben Euro fünfzig. Am 25. Geburtstag des Open Air rockte er schon zum fünften Mal mit den Hosen Fans im Bodenseestadion ab. „Einer für alle, alle für einen, wenn einer fort ist, wer wird denn gleich weinen? Einmal trifft’s jeden, ärger dich nicht, so geht’s im Leben, du oder ich.“

Ausgerechnet State Radio vor nicht vollem Stadion

Aber alles von Anfang an. Nichts ist am Samstag so gewesen wie immer. Statt Sonnencreme hatten die Fans Outdoorklamotten in ihre Rucksäcke gepackt. Gebraucht hätten sie dann zwischendurch auch die Sonnenbrille. Ausgerechnet, als State Radio, die Band zum Chillen, auf die Bühne kam, war das Stadion gerade einmal zu einem knappen Drittel gefüllt. Gerade hatte es aufgehört zu tröpfeln. Auf den blauen Planen hatten sich knöcheltiefe Pfützen gebildet und alles war feucht. Nichts wurde es deshalb, mit sich lässig hin hocken, gar die Arme und Beine von sich zu strecken und in den Himmel über den Bodensee zu gucken.

Stehparty statt Chillen

Rock am See war bei seiner 25. Auflage eine Stehparty. Dabei hätte alles so gut gepasst. Die Songs von State Radio, eine Mixtur aus Reggae mit Rock war perfekt, um erst einmal ein bisschen zu chillen. Songwriter Chad Urmston transportierte seine politische Botschaften, aber immer schön melodiös ohne harte Beats und perfekt, um in ein Festival hinein zu trödeln. Dann stand Friska Viljor, die schwedische Band, auf der Bühne. Sie brachte Indie-Rock ins Stadion. Noch längst waren nicht alle da, die Fans wurden aber so langsam wach.

Glatzköpfige Amazone riss Publikum mit

Ein erster Höhepunkt war für viele Kate Nash mit ihrem Indie-Rock. Die Britin verausgabte sich stimmlich und hauchte ihre Songs ins Mikro. Nahaufnahme. Die Video Walls haben sich spätestens jetzt bewährt. Dann kam auch schon Skunk Anansie. Auf die Sängerin, die sich selbst als „schwarze, glatzköpfige, bisexuelle Amazone“bezeichnet, hatten noch viel mehr gewartet. Die Stimmung im Stadion wurde so richtig gut. Mächtig viel Beifall gab’s für die kahlköpfige Frontfrau Deborah Anne Dyer („Skin“) und ihre feministisch, antirassistischen Texte. Skunk Anansie macht Alternative Rock. Die Texte der Songs sind politisch. Es geht um Rassismus und Wohlstandsdenken auch auch um Lebensformen.

Statt The Kooks kam Luke Pritchard unplugged

In der Umbaupause drängten die Fans nach vorn. Wizo war angekündigt. Dann kam die Umstellung im Programm. The Kooks konnten nicht wie geplant vor den Hosen auftreten. Gitarrist Hugh Harris hatte die Finger gebrochen. So eine Umstellung kommt schon einmal vor bei einem Festival. Machte auch nichts. Die britische Indie-Rock-Band wollte ihren Auftritt im Bodenseestadion aber trotz Ausfall des Gitarristen nicht ganz absagen. Sänger Luke Pritchard stellte sich noch, bevor Wizo kam, allein auf der Bühne. Statt einen Mix aus Britpop, Reggae, Soul, Blues und Funk gab’s Luke Pritchard unplugged – nur der Sänger mit seiner Gitarre.

Große Punk-Party begann erst noch

Das Publikum war nicht böse. Wizo und die Toten Hosen warteten ja noch auf ihre Auftritte. Beide Bands durften ein bisschen länger spielen. Zuerst kam Wizo, die Punk-Band aus Sindelfingen. Axel Kurth und seine Mitstreiter stehen für Politpunk. Sie spielten am Samstag auch gegen Stuttgart 21 und sie trafen den Nerv ihrer Fans. Arme reckten sich in den Himmel. Plastikflaschen flogen. Die Party im Stadion begann von vorn.

Weniger spektakuläre Outfits als früher

Streng genommen warteten die meisten der mehr als 23.000, die in Konstanz abfeierten, aber immer noch auf die Toten Hosen. 1988 spielten die Hosen zum ersten Mal bei Rock an See. Seither ist viel passiert. Punks zeigten sich damals noch ein bisschen unversöhnlicher, nonkonformistischer und illusionsloser. Sie schmückten sich mit Piercings und gestochenen Nasenringen und trugen zerschlissene Anzüge mit Sicherheitsnadeln. Ihre Haare hatte sie auffällig bunt gefärbt und der Irokesenschnitt war ihr Erkennungszeichen. Seit damals ist einiges anders geworden. Die Fans und Campino sind älter und äußerlich ein bisschen angepasster geworden oder sie schickten am Samstag gleich ihre Kinder. Das Leben hat auch die Hosen Fans gezeichnet, mindestens aber verändert. Machte aber nichts. Zum Abrocken reichte es beim fünften Live-Auftritt der Hosen im Bodenseestadion immer noch.

Mit den Hosen Zurück zum Glück

Das Lebensgefühl ist tief drin dasselbe geblieben und die Erinnerungen kommen zurück, wenn die Toten Hosen ihre Fans „Zurück zum Glück“ mitnehmen. Campino ist ganz nah an seinen Fans gewesen. Noch mehr Hände gingen in den Nachthimmel. „Ich bin die Sehnsucht in Dir“, „Alles wird vorübergehen“, noch einmal „Bonnie und Clyde“, „Hier kommt Alex“, ein paar Zugaben, „Zehn kleine Jägermeister“, ein Ausflug nach Rottweil und – es könnte auch gar nicht anders sein – noch immer würden die Hosen nicht zum FC Bayern geh’n. Niemals. Alles war gut. Erst als das punkige Feuerwerk abgebrannt war und Campino sich endgültig von den mehr als 23.000 verabschiedet hatte, klatschten die erste dicken Tropfen auf die feiernden Fans. Ein Wolkenbruch ging über dem Stadion nieder. Noch mehr Pfützen. Machte aber auch gar nichts. In 25 Jahren kommen alle wieder.

Fotos: wak

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