Viele Sextäter wollen keine Hilfe

Justizministerium beantwortet Wetzels Anfrage nach Therapieplätzen

Bodenseekreis (red) Wie verhindert man, dass Sexualstraftäter wieder rückfällig werden? Dafür hat auch das Land Baden-Württemberg keine Patentlösung, dafür aber gleich mehrere Lösungsansätze, „ die nicht nur in eine Richtung laufen.“ So lautet die Analyse des FDP-Landtagsabgeordneten Hans-Peter Wetzel.

Wetzel beeindruckt von Aktivitäten des Landes

Wetzel, der auch Strafvollzugsbeauftragter und Rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion ist, hatte bei der Landesregierung nachgehakt, wie es mit den Therapieplätzen für Sexualstraftäter stehe. See-Online.info berichtete. Von der differenzierten Antwort aus dem Justizministerium zeigt sich Wetzel nun beeindruckt. Die Zuständigen zeigten, dass „viel unternommen wird, um Rückfälle zu vermeiden, etwa durch den Aufbau von Netzwerken aller Beteiligten.“

Tötungsdelikte fehlen in Statistik

Einen Punkt findet Wetzel allerdings bedenklich: In der Statistik der Sexualstraftaten sind keine Tötungsdelikte erfasst und können laut Justizministerium „auch nicht auf anderem Weg ermittelt werden.“ Wetzel: „Ich fände es aber gerade wichtig, dass man diese schwersten aller Sexualstraftaten extra ausweist.“

Die Hälfte der Sexualstraftäter in Therapie

Im Frühjahr 2009 verbüßten 404 männliche Gefangene in Baden-Württemberg eine Strafe „wegen einer Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung.“ Diese Gruppierung machte 7,1 Prozent aller männlichen Strafgefangenen aus. „Zuverlässigen Schätzungen zufolge dürfte die Hälfte von ihnen in Therapie sein“, so das Justizministerium. Eine Statistik darüber gebe es nicht. Soweit dem Ministerium bekannt sei, müsse man keine Anträge auf Therapie aus Kapazitätsgründen ablehnen. Derzeit gebe es in Baden-Württemberg insgesamt 973 Behandlungsplätze im Maßregelvollzug, also in den regulären Gefängnissen, sowie 367 sozialtherapeutische Haftplätze. Letztere habe man erst im Juli 2009 um 60 Plätze in der Justizvollzugsanstalt Offenburg erweitert. Für diese Plätze habe es Ende 2009 zwar eine Warteliste gegeben, diese habe aber nur acht Sexualstraftäter und 16 andere Straftäter enthalten. Die Liste werde nun in der JVA Offenburg „zügig abgearbeitet.“

Viele Sextäter haben keine Lust auf anstrengende Therapie

Es sei nicht angebracht, jedem Sexualstraftäter einen Therapieplatz anzubieten, so das Justizministerium weiter. Denn zum einen gebe es Täter, die zwar „Sexualstraftaten mit hohem Schuldgehalt verübt haben, aber nicht therapiebedürftig sind“, weil sie zum Beispiel im Affekt gehandelt hätten. Bei anderen Täter fehle die Therapiefähigkeit, weil sie etwa nicht die deutsche Sprache verständen. Das größte Problem sei jedoch die fehlende Motivation: „Man muss im Regelfall davon ausgehen, dass Sexualstraftäter kein Interesse an einer Rückfall verhindernden Sozialtherapie haben, sondern versuchen, auch ohne eine solche Therapie ihre Freiheitsstrafe zu verbüßen.“ Dabei spiele vor allem eine Rolle, „dass solche Therapien persönlichkeitsfordernd und sehr anstrengend sind.“

„Forensischen Ambulanzen“betreuen Rückfallgefährdete

Es gebe auch keine Studien „zur Qualität von Therapieangeboten, die international geltenden wissenschaftlichen Ansprüchen entsprechen.“ Denn Letztere würden ein so genanntes „Kontrollgruppendesign“ voraussetzen. Man müsste also zum Beispiel 100 geeignete Probanden auswählen. Die eine Hälfte würde die Therapie bekommen, die andere, die Kontrollgruppe, nicht. Gegen solche Studien gebe es aber unter anderem ethische Bedenken. Denn man müsste Gefangenen, die eine Therapie brauchten, diese aus forschungsmethodischen Gründen versagen.

Man überlasse aber in Baden-Württemberg rückfallgefährdete Sexualstraftäter auch nach ihrer Entlassung nicht einfach sich selbst. Im Jahr 2007 habe man im Gesetz erweiterte Therapiemöglichkeiten verankert. So können Straftäter nach ihrer Entlassung während der so genannten „Führungsaufsicht“ in „Forensischen Ambulanzen“ betreut werden. Das Gericht könne Verurteilte anweisen, sich in bestimmten Abständen bei einem Therapeuten oder in einer forensischen Ambulanz zu melden.

Sextäter müssen Behandlung auch selbst wollen

Parallel dazu laufe das Projekt KURS an (Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern). „Innen- und Justizministerium planen dabei eine Risikoeinschätzung von rückfallgefährdeten Sexualstraftätern in der Führungsaufsicht. Außerdem soll mit polizeilichen und therapeutischen Mitteln auf die Klienten eingewirkt werden.“ Ferner arbeite man daran, die Zusammenarbeit von Anstaltspsychologen, den forensischen Ambulanzen und freien Psychotherapeuten in einem Netzwerk zu verbessern, dass derzeit die Bewährungshilfe Stuttgart aufbaue. Auf längere Sicht könne man auch an die Schaffung einer so genannten „Longstayeinrichtung“ denken. „In ihr sollten gerade nicht therapiewillige Gewalt- und Sexualstraftäter untergebracht werden.“ Dennoch bestünde in so einer Einrichtung kein „Therapie oder Behandlungsdruck“ für die Insassen. Man könne aber hoffen, „dass die hier untergebrachten Gefangenen im Laufe der Zeit doch eine ausreichende Behandlungsmotivation entwickeln. 20 bis 30 Plätze dürften im baden-württembergischen Justizvollzug ausreichen“, so das Justizministerium.

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