Vier Regisseure, vier Helden in einer WG

Heroes@Home oder theatrales Experiment in Altstadtwohnung

theater ausblick P1020796Konstanz (wak) Das Konstanzer Stadttheater lädt zu einem außergewöhnlichen Experiment ein. Zuschauer begegnen in einer Konstanzer Altbauwohnung wahren Helden, die sich Schiller, Brecht, Camus und Büchner einst so erdachten. Das Publikum erlebt, was passiert, wenn klassische Figuren aus ihren Stücken heraustreten und durch Küche und Bad schlurfen. Verlieren die „Heroes@Home“ etwa ihren Glamour? Die 20 Zuschauer – statt der 400 im Großen Haus – sitzen während der einstündigen Vorstellung lässig auf dem Sofa oder auf Stühlen. Live zu sehen ist die Premiere der dramatische Hausbesetzung Heroes@Home über Webcam auch im Internet.

Holztreppen zu Heroes@Home

Pssst! Nein, eine Adresse gibt es nicht. Wo die experimentierfreudigen Regisseure Wulf Twiehaus, Andreas Bauer, Stefan Leibold und Susi Saussenthaler sowie Dramaturgin Kerstin Daiber die vier Helden auftreten lassen, bleibt erst einmal geheim. Alle Akteure, die in ihrer Freizeit und neben dem normalen Spielbetrieb das theatrale Experiment wagen, sind sich in diesem Punkt einig. Die gemütliche Altstadtwohnung hat Kerstin Daiber über eine Annonce gefunden. Nur so viel verrät sie: Sie liegt mitten im linksrheinischen Konstanz. Etwa 80 Stufen geht es auf schmalen Holztreppen in ein oberes Stockwerk. Wer aus dem Fenster guckt, sieht Konstanzer Dächer und den Münsterturm.

Sie waren Schillers, Brechts, Camus und Büchners Heroes

theater regisseure P1020789In der Wohnung haust eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft: Es sind die Helden von Schiller, Brecht, Camus und Büchner. Das Publikum begegnet ihnen ausnahmsweise nicht auf einer großen Bühne, sondern, wenn die Heroes durchs Bad schlurfen oder etwas auf dem Herd brutzeln. Erinnern sie dann womöglich eher an die Spiegeleier bratende Mutter Beimer aus der Lindenstraße als an große literarische Figuren? Wie wirken die Jahrhunderte alten Monologe in der fremden Umgebung und in einer fremden Zeit? Die Schauspieler wissen es selbst noch nicht so ganz genau. Haben die Texte in der heutigen Welt überhaupt noch einen Platz? Was lösen sie bei den Zuschauern aus? Fest steht nur: In ihrem theatralen Experiment lassen Regisseure und Protagonisten die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen.

Eine gewagte Figuren-Installation

Als Mitbewohner in der WG mit dabei sind Jana Alexia Rödiger, Georg Melich, Johannes Merz und für die erkrankte Sabrina Strehl Puppenspielerin Rahel Wohlgensinger („Frau Meier, die Amsel“). Die Akteure bringen, so verspricht es das Konstanzer Stadttheater, eine aufregende Figuren-Installation auf die nicht vorhandene Bühne, die mit gängigen Sehgewohnheiten bricht und klassische Texte hinterfragt. Die zur Spielstätte umfunktionierte recht gemütliche Wohnung ist übrigens nur knapp 40 Quadratmeter groß. Es gibt eine Kochnische, Dusche und WC und einen Holzfußboden und warme Teppiche.

Ungewohnte Nähe in Konstanzer Altstadtwohnung

Theater in der Altstadtwohnung ist anders als auf einer Bühne. Als einen Hauptunterschied hat Wulf Twiehaus die Distanzlosigkeit ausgemacht. „Es gibt keine Rampe, keine vierte Wand“, so der Schauspielleiter des Stadttheaters. Die Schauspieler agieren vielleicht nur 20 Zentimeter entfernt vom Publikum. Der Regisseur beruhigt die Theaterbesucher aber schon einmal: Mitspielen müssen sie, was viele Theaterbesucher sowieso nicht mögen, bei der Figuren-Installation trotz der Nähe nicht. Nur einmal sind sie gefordert: Treffpunkt ist nämlich nicht etwa die Altstadtwohnung, sondern das Foyer des Stadttheaters. Dort bekommen die Besucher einen kleinen Stadtplan in die Hand gedrückt und dürfen in die Wohnung vorgehen. An der Haustüre müssen sie klingeln, so Kerstin Daiber. Wer sich trotz Wegbeschreibung nicht traut, auf eigene Faust loszumarschieren, kann notfalls zusammen mit den Schauspielern zur Spielstätte gehen.

Zusammenleben mit den Helden ausgeschlossen

Dramaturgin Kerstin Daiber schwärmt davon, dass das Publikum die vier Figuren ganz neu verorten kann. Eigentlich ist ja alles ganz einfach: Viermal eine Viertelstunde, vier Figuren, vier Schauspieler und vier Regisseure. Letztere nehmen sich einer der Theaterfiguren an. Die vier Helden begegnen sich – was sicher auch seinen Reiz hätte – nicht wirklich. Alle werden nacheinander ihre Monologe vortragen. Die Zuhörer erwartet Prosa, ein klassischer Monolog, ein Monolog mit modernen Texten verschnitten und eine Collage aus Liedern und Monologen eines Stückes. Ach ja und die Helden natürlich: „Ich könnte mit keiner der vier Figuren zusammenleben“, gesteht Dramaturgin Kerstin Daiber. Als Mitbewohner in ihrer WG kämen die Helden nicht in Frage, sagt sie.

Link zur Webcam

Premiere von Heroes@Home, einer dramatischen Hausbesetzung, ist am 7. Januar um 20.30 Uhr in einer Konstanzer Wohnung (siehe oben). Treffpunkt ist um 20.15 Uhr im Foyer des Stadttheaters. Weitere Termine sind am 13., 14., und 19. Januar sowie am 4., 5., 10. und 27. Februar. Die Vorstellungen am 14. Januar und am 27. Februar beginnen später, erst um 22 Uhr. Wenn das theatrale Expermiment beim Publikum ankommt, könnte es noch weitere Aufführungen im März geben. Karten sind noch für alle Abende, außer für die Premiere, unter theaterkasse@stadt.konstanz.de zu bekommen. Den Link zur Webcam, die die Premiere live zeigt, gibt es leider erst kurz vor der Premiere auf der Homepage des Stadttheaters.

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