Vorsicht vor freilaufenden Büchern in Konstanz!

Nachgefragt bei Timmo Strohm – The New York Times „Wenn Du Deine Bücher liebst – lass sie frei“

Konstanz. „Ein unglaubliches globales gesellschaftliches Experiment“, schrieb das Book Magazine. Die New York Times appellierte an Bücherfreunde „Wenn Du Deine Bücher liebst – lass sie frei.“ In Deutschland soll es knapp 60.000 BookCrosser geben. Am ersten Oktoberwochenende kommen sie in Konstanz zu einem ihrer Convents zusammen. Die Schirmherrschaft hat Oberbürgermeister Horst Frank übernommen, und zum Beispiel auch der Konstanzer Buchhändler Daniel Widmaier unterstützt das Event. Dass Schnitzel von artgerecht gehaltenen Tieren besser schmecken, wissen wir längst. Macht etwa auch das Lesen freigelassener Bücher mehr Spaß?

Interview

See-Online: Bringen wir uns zuerst auf den selbem Wissenstand. BookCrossing ist eine weltweite Bewegung, die Büchern meistens an unbekannte Personen weitergibt. Über eine zentrale Datenbank auf der Website  können die Wege eines freigelassenen Buches von allen vorherigen Besitzern verfolgt werden. Wie viele Bücher haben Sie schon freigelassen?

Timmo Strohm: ein paar Hundert, und zwar auf einen Schlag. Ich musste umzugsbedingt viele Bücher loswerden, die in meinem Herz, nicht aber in meiner neuen Wohnung Platz hatten. Man verwies mich an eine Frau namens „ParadizeApple“ – die Chefin des Ravensburg-Weingartener BookCrossings. Diese knallharte Buch-Fanatikerin lehrte mich dann, äh, die Weisheit des Buchfreilassens.

See-Online: Wo lassen Sie Bücher am liebsten frei?

Timmo Strohm: Bücher lässt man am besten dort frei, wo sie hingehören: zum Beispiel „Die Apothekerin“ in einer Apotheke. Man kann auch den Philosophenweg entlang gehen und sie in Bäumen aufhängen. Wichtig ist nur, dass man dabei nichts kaputtmacht (schon gar nicht das Buch) und niemand verärgert (auch das schadet dem Buch).

See-Online: Wie oft kommt es vor, dass Sie ein freigelassenes Buch finden? Wo haben Sie das letzte gefunden?

Timmo Strohm: Hm, unregelmäßig. Ich fand neulich den genialen Krimi „Der gerahmte Sonnenuntergang“ von Joan Aiken in einem Baumarkt.

See-Online: Warum lassen Menschen Bücher frei? Wenn es nur darum ginge, alte Bücher loszuwerden, könnten BookCrosser ihre Bücher auf einem der vielen Online-Portale verkaufen. Wer „alte Bücher verkaufen“ googelt, erhält sehr viele Suchergebnisse, darunter www.rebuy.de, www.regalfrei.de/ oder www.momox.de/. Warum also ausgerechnet BookCrossing?

Timmo Strohm: weil ein Buch, das begeistert, seine Gruppe bildet. Ganz automatisch. Wir wollen uns darüber austauschen, und wir wollen andere mit dieser Begeisterung anstecken. Wir brauchen das. Für uns ist das Buch kein Medium. Das Buch ist für uns Rohstoff. Medium ist für uns das Internet.

See-Online: Welche Bücher lassen Buchfreunde denn bevorzugt frei? Gebundene Bücher, Taschenbücher, Klassiker, Romane, Gedichte, Thriller, Science Fiction oder Sachbücher? Könnte es passieren, dass wir einen ganzen Lexikonband finden?

Timmo Strohm: Die Fangquote bei Simmels und Konsaliks ist extrem hoch… diese Bücher werden also oft freigelassen. Wir wissen nicht, ob das so ist, weil sie besonders viel gelesen werden oder ob es daran liegt, dass jemand, der sie geschenkt bekommt, sie schnellstmöglich loswerden will… aber buchstäblich jede Sorte Buch wird „released“, vom Paperback-Kitsch bis zum gebundenen Fachbuch.

See-Online: Wir haben Werbebanner von Buchhändlern auf ihrer Website zur Convention in Konstzanz gesehen http://www.suedseecrossing.de/slam/ ? Kaufen BookCrosser gelegentlich auch Bücher im Buchhandel?

Timmo Strohm: Untersuchungen zeigen, dass BookCrossing den Buch-Konsum enorm anheizt. Wir sind wandelnde Buch-Reklamen; und wir kaufen auch selbst dauernd Bücher. Sagen Sie selbst, wenn ein neues Buch herauskommt, und man hat es nicht sofort – wäre das nicht furchtbar? Dann kann man ja gar nicht mitreden. Oder mitlästern. Wir kaufen und verschenken sehr viele Bücher.

See-Online: Haben Sie persönlich alle ihre Bücher freigelassen oder besitzen sie noch eines?

Timmo Strohm: Meine Regale sind zweireihig vollgestellt… viele Bücher sind für mich einfach lebenswichtig. Außerdem komm ich regelmäßig mit doppelt so viel Büchern vom Release-Regal zurück, wie ich hingebracht habe…

See-Online: Lassen BookCrosser auch Ihr Lieblingsbuch frei?

Timmo Strohm: Gerade das Lieblingsbuch. Es ist ja Thema für mich, Teil meiner Innenwelt, das wichtigste, was ich teilen will. Aber das hat man dann natürlich nochmal im Regal.

See-Online: Welches Buch, an das Sie sich spontan erinnern, war am längsten unterwegs? Was hat es erlebt? Tauschen sich die Finder und Leser aus?

Timmo Strohm: Ich erinnere mich an die Stories von Urlaubern, die z.B. in Neuseeland gleich vor Ort deutsche Reiseführer im BC-Regal fanden; und an die Erzählung von einem Griechenland-Urlauber, der Anti-Souvenirs hat: er bringt Bücher nach Griechenland und lässt sie dort frei. Themenbezogen natürlich, „Alexis Sorbas“ hat er in Kreta am Strand gelassen. Toll ist dann, wenn ein anderer Tourist es findet, liest und online kommentiert. Es macht die Bücher sehr lebendig.

See-Online: Um Literatur und freigelassene Bücher dreht sich alles bei der Convention am ersten Oktoberwochenende in Konstanz. Zu Gast sind „BookCrossing“-Fans. Zusammen kommen sie im Restaurant Seerhein. Mit wie vielen BookCrossern rechnen sie? Sind Gäste willkommen?

Timmo Strohm: Wir haben über 80 feste Anmeldungen von BookCrossern. Die Autorenlesungen sind öffentlich. Der Poetry Slam (DANKE nochmal für die Ankündigung) im K9 ist eine ganz normale Programmveranstaltung, also auch für alle Konstanzer offen. Nur die Stadtrallye ist allein für die auswärtigen BookCrosser, schließlich sollen die Konstanz kennen lernen.

See-Online: Werden wir in Konstanz ab Samstag viele neu freigelassene Bücher finden?

Timmo Strohm: Ab Montag. Wir begehen den Feiertag mit ritueller Buch-Freilassung. Dabei werden dann auch brandneue Titel sein, weil wir von manchen Sponsoren Neubücher gespendet bekamen. Mit dem expliziten Auftrag: „Freilassen!“

See-Online: Vielen Dank fürs Gespräch – wir freuen uns auf viele freigelassene Bücher.

Die BookCrossing Convention 2011 findet vom 1. bis 3. Oktober 2011 in Konstanz statt. Sie ist ein Treffen von Menschen, die BookCrossing praktizieren. Zusammen kommen die BookCrosser im Restaurant Seerhein. Geplant sind Lesungen, Stadt-Rallyes, Vorträge und ein Poetry Slam am Sonntag, 2. Oktober, um 20 Uhr im K9.

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