Wahlkampf in Überlingen: „Piraten, das hört sich böse an“

Piraten im Wahlkreis Bodensee sammelten bis Samstag 76 Unterschriften plus X

Überlingen. Er kommt langsam, aber gewaltig. Der Wahlkampf vor der Landtagswahl 2011 hat in diesem Spätsommer ungewohnt früh begonnen. Landtagsabgeordnete und Kandidaten zeigen sich. Nur einer ist noch nicht ganz soweit: Stephan Hestermann, Landtagskandidat der Piratenpartei für den Wahlkreis Bodensee, besucht noch keine Feste, er sammelt erst einmal Unterschriften.

Perfekter Tag für Wahlkampf in Überlingen

Der vergangene Samstag, ein sonniger Spätsommertag, ist wie gemacht für Wahlkampf. 150 Unterschriften von Wahlberechtigten eines jeden Wahlkreises braucht eine Partei, die noch nicht im Parlament vertreten ist, um bei der Landtagswahl überhaupt antreten zu können. Seit 8 Uhr am Morgen steht Stephan Hestermann, Landtagskandidat der Piratenpartei im Wahlkreis Bodensee, in der Überlinger Münsterstraße. Seine persönliche Bierbankgarnitur hat er mitgebracht. Den Schirmständer, in dem der Piratensonnenschirm steckt, hat er sich bei den Segelfliegern ausgeliehen. Die Flaggen hat Andreas Larisch gebracht. Wahlkampf ist harte Arbeit und ohne persönlichen Einsatz geht es nicht. „Hätten Sie einen Augenblick Zeit für mich?“, spricht der Wahlkreiskandidat Passanten an. Er lächelt. Viele bleiben stehen.

Unterstützerunterschrift, ja bitte

Wie Wahlkampf geht, braucht dem Landtagskandidaten der Piratenpartei am Samstagmorgen in Überlingen niemand zu erzählen. Er hat schon drei Wahlkämpfe aktiv mitgemacht. Damals war er noch Mitglied der CDU. Timo Armbruster , IT-Systemelektroniker, und Andreas Larisch, der Hubschrauberpilot werden möchte, helfen dem Familienvater aus Markdorf. Es ist kurz vor 11 Uhr. 21 Unterschriften haben die Piraten wenige Schritte vom Überlinger Wochenmarkt entfernt, an diesem Morgen schon gesammelt. Insgesamt sind es zu diesem Zeitpunkt 76. „Stand Samstag 11 Uhr“, sagt Armbruster, der den dicken Ordner mit den Unterschriften wie seinen Augapfel hütet. Timo Armbruster, der Mitte 2009 zu den Piraten kam, steckt die Formulare nach Wahlkreisen geordnet fein säuberlich in Klarsichthüllen. Sogar zwei Unterschriften für Reutlingen haben die Piraten in Überlingen bekommen. „Wir haben Formblätter für jeden Wahlkreis dabei“, sagen die Piraten.

„Wir haben kein Internet“

„Wo kommen Sie her?“, fragt eine Frau den Wahlkämpfer. Das Gespräch dreht sich um Bürgerrechte. „Wir haben kein Internet“, sagt die Frau. Stephan Hestermann ist nicht überrascht. Überlingen ist eine alternde Stadt mit einem hohen Bevölkerungsanteil Älterer und die Affinität zum Internet nicht ganz so groß wie in Universitätsstädten. Der Kandidat lässt sich auf viele Gespräche ein. Er hört zu. Stuttgart 21 ist ein Thema, das an diesem Vormittag viele bewegt. Jetzt diskutiert Hestermann mit einem Mann. Der sagt, er sehe keine Partei, die er wählen könne. „Grüne und SPD nicht“, sagt der Mann und zuckt mit den Schultern. Stephan Hestermann sagt: „Wir sind für einen transparenten Staat.“ Der Mann unterschreibt. Die offene Art des Kandidaten kommt an.

Politische Karrieren gehen schnell

Timo Armbruster hätte vielleicht gesagt, dass er wegen der Internetsperren zu den Piraten kam. Im Gemeinschaftskundeunterricht in der Schule hatten sie darüber diskutiert, wer bei Wahlen antritt. Armbruster ist über den Namen „Piraten“ gestolpert. Bei Andreas Laurisch war es noch einmal anders: Er ärgerte sich, dass alle, die Videospiele machen, im vergangenen Jahr beinahe unter Generalverdacht standen, möglicherweise eines Tages Amok zu laufen. „Das ist nicht belegt“, sagt er. „Heute weiß ich natürlich, dass die Piraten mehr und wichtigere Themen haben.“ Inzwischen ist er stellvertretender Kreisvorsitzender im Kreisverband Ravensburg-Bodenseekreis. Politische Karrieren gehen in der jungen Partei noch schnell.

Die Hälfte haben schon von Piraten gehört

Viele, sagt er, kennen die Piraten noch nicht. Hestermann glaubt nicht, dass die Debatte über Stuttgart 21 den Piraten schadet und alle, die einen Regierungswechsel wollen, jetzt lieber Rot oder Grün wählen. Hestermann redet über direkte Demokratie. Die Piraten hätten doch ein Thema. Es müsse kein Internetthema sein. Etwa 15 Prozent, die zum Stand kommen, kennen die Piraten. Etwa die Hälfte habe zumindest schon einmal etwas von der Partei gehört. Viele verbinden mit der Partei den Namen von Jörg Tauss, der wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt worden ist und Pirat war. Dass der ehemalige SPD Politiker inzwischen kein Pirat mehr ist, wissen viele nicht. Hestermann geht das Thema offensiv an. Verheimlichen bringt nichts. Auch das hat er sicher in früheren Wahlkämpfen gelernt.

Piraten zufällig auch weiblich

„Piraten, das hört sich böse an“, sagt eine Dame. Nein, die Partei müsse sich dringend einen neuen Namen überlegen. Hestermann setzt seinen ganzen Charme ein. Der Name komme aus Schweden. Ach ja, sagt die Frau. Die Unterstützerunterschrift verweigert sie nicht – wie es fast keiner der Passanten macht, die sich auf ein Gespräch mit Hestermann eingelassen haben. Eine junge Frau interessiert sich sogar noch ein bisschen intensiver. Sie sucht den persönlichen Kontakt. Wann und wo die Stammtische sind. Ob es keine Frauen gibt. Hestermann erzählt, von der Landtagskandidatin in Konstanz. Sie sei eine Frau.

Sonstige liegen in Umfragen bei 7 Prozent

Hestermann sagt, die junge Partei habe kein Geld. Er geht davon aus, dass er einen Satz Plakate bekommt, die er dann mit seinem persönlichen Kleister klebt. Der Rest ist improvisieren und Einsatz. Sonstige Parteien kämen laut Umfrage in Baden-Württemberg derzeit auf 7 Prozent. Wie viele Prozentpunkte auf die Piratenpartei entfallen, ist nicht bekannt.

Wer noch eine Unterstützerunterschrift für die Piraten im Bodenseekreis leisten will, kann sich das Formular mit Dienstsiegel unter www.piraten-rvfn.de im Internet herunterladen, es ausfüllen und unterschrieben per Post zurückschicken.

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