Wahlwatching: Kretschmann in Konstanz

Grüner über Politik des „Gehört werdens“ – Schwabe wäre gern Ministerpräsident

Konstanz. Der Grüne Winfried Kretschmann macht in Konstanz Stimmung für Grün mit ein bisschen Rot und lässt ein Windchen des Wechsels über den Seerhein wehen. Kretschmann verspricht eine neue Politik des „Gehört werdens“, und er wirkt so viel glaubwürdiger als all die Politikkarrieristen.

Ein Ministerpräsident ist kein Friseur

Will Kretschmann wirklich Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden? Der Grüne stellt sich die Frage selbst und erst ganz zum Schluss. Er holt ein bisschen aus. Er sagt es in seinem breiten Schwäbisch etwa so: Wer Friseur werden möchte, kann Friseur werden. Er könne aber nicht einfach sagen, dass er Ministerpräsident werden wolle, weil er es gar nicht selbst entscheiden könne. Wenn sich die Wähler für ihn entscheiden sollten, würde er es aber gern annehmen.

Schalk blitzt in Rede auf

Kretschmann steht am Mikrofon und plaudert sich durch die Landespolitik. Kein bisschen arrogant wirkt er dabei. Wenn er gestikuliert, fuchtelt er nicht wild herum. Staatstragend und salbungsvoll kommt er auch nicht daher – eher bescheiden, bedächtig und ein bisschen behäbig. Kretschmann schmunzelt manchmal und dann müssen auch seine Zuhörer lachen. Er ist nicht giftig und auch nicht polemisch und seine Botschaften kommen gerade deswegen an. Kretschmanns Sätze sind meistens hintergründig und manchmal lässt er  in seiner Rede den  Schalk in ihm aufblitzen.

Er spricht schwäbisch

Aufgewachsen ist er in einem katholischen, liberalen Elternhaus auf der Schwäbischen Alb. In Oberschwaben ging er aufs Gymnasium. Zum Studium zog er, wie er es schildert, „hinab ins Unterland“. Die 68-er hat er in Hohenheim erlebt. Später hat er dann – so wie Landtagskandidat Siegfried Lehmann – die Grünen mitbegründet. 1980 zog Kretschmann mit fünf anderen Grünen in den baden-württembergischen Landtag ein. Zum ersten Mal gab es eine Grüne Fraktion in einem Flächenstaat. 2011 könnte er nun Grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden. Kretschmann wäre dann der erste in einem deutschen Bundesland. Und so ein bisschen sieht es danach aus, als ob sich Geschichte wiederholen könnte.

„Politik des Gehört werdens“

Ein Leitmotiv zieht sich durch die Rede Kretschmanns. Es geht ihm um eine „Politik des Gehört werdens“. Mappus sei einer, der schnelle Erfolge wolle, sagt Kretschmann. Den EnBW-Kauf habe er am Parlament vorbei getätigt. Ein Fünf-Milliarden-Geschäft sei es gewesen. „Hinterher stellt sich heraus, dass es ein schlechtes Geschäft war“, sagt Kretschmann. Der Grüne spricht von einer „Politik des Coups“.

Mit der Bürgerschaft verhandeln

„Wir werden Dinge bedacht und ernsthaft mit der Bürgerschaft verhandeln“, sagt der Spitzenkandidat der Grünen, dessen Partei in Umfragen mal klar vor und gelegentlich auch wenige Punkte hinter der SPD liegt. Er habe das Gefühl, dass sich die Gesellschaft immer stärker polarisiere. Der Grüne spricht vom Mut, einen Schritt weiter in die Bürgergesellschaft zu gehen.

Vorrang für Industrien der Zukunft

Kretschmann sieht kaum Hindernisse oder Widersprüche. Auch die Wirtschaft im Land würde seiner Meinung nach von einem Politikwechsel profitieren. „Die Betriebe gehen auf grüne Produkte“, sagt Kretschmann. Baden-Württemberg könne Ideen exportieren. Umwelttechnologien und regenerative Energien seien die Industrien der Zukunft. Der Spitzenkandidat vergleicht die Rolle der neuen Industrien mit der Bedeutung der Fahrzeugindustrie.

Kretschmann seziert Energiepolitik

57 Jahre sei die CDU an der Regierung, weil die Menschen mit der Partei Prosperität verbunden hätten. Die CDU habe aber den Anschluss nicht geschafft. „Man bevorzugt Altindustrien“, sagt Kretschmann. Alte Atommeiler sollen weiter laufen – die Zeche zahlen Stadtwerke und Wärmenahversorger. „Sie werden benachteiligt.“

Bildungsaufstieg unabhängig von der Herkunft

Dann kommt Kretschmann auf die Bildungspolitik zu sprechen. Bildungspolitik müsse sich am Kind und am Jugendlichen orientieren und nicht an der Wirtschaft. Aus Schülern sollten mündige Bürger werden, die selbst denken. „Das ist unser Maßstab“, sagt Kretschmann. Zugang zu Bildung müsse unabhängig von der Herkunft möglich sein. Bildungsaufstieg müsse von der Herkunft entkoppelt werden, sagt Kretschmann. „Das dreigliedrige Schulsystem ist überholt.“ Es stamme noch aus der Zeit des Ständesystems. Ach ja, und eine Ganztagsschule müsse auch eine echte Ganztagsschule sein. So ähnlich sagt das übrigens auch der Pädagoge, Autor und frühere Salemer Schulleiter Bernhard Bueb. Und Eltern sollten sich nicht mit Hausaufgaben ihrer Kinder abquälen müssen.

Akzent auf dem Naturschutz

Ganz zum Schluss wird Kretschmann dann noch ein bisschen persönlich. Er erzählt von Spaziergängen mit seiner Frau in der Natur. Er, der Biologielehrer, verspricht, den Naturschutz vom Rand ins Zentrum der Politik zu rücken.

Menschen haben die Wahl

Als Kretschmann endet, bleibt der Eindruck zurück, dass es bei der Landtagswahl dieses Mal tatsächlich um einen Politikwechsel und sogar um eine neue politische Kultur gehen könnte. Kretschmann redet von Werten und davon, dass sich die Menschen entscheiden müssten, ob sie das meiste Geld für gutes Essen oder für ein Auto ausgeben wollten. Die Zuhörer, die ins Restaurant „Seerhein“ gekommen sind, applaudieren – vielleicht haben sie an dem Abend dem neuen Ministerpräsidenten applaudiert, der gelegentlich ähnlich konservativ wie Mappus wirkt und doch ganz anders ist.

Foto: wak

12 Kommentare to “Wahlwatching: Kretschmann in Konstanz”

  1. Lothar Herzog
    1. März 2011 at 14:30 #

    Nett verpackt. Meiner Meinung nach ist das aber doch eine
    Mogelpackung.
    Die immensen Kosten der regenerativen Energiepolitik zahlen
    die Verbraucher. Und die Kosten gehen in die Milliarden. Es
    wurde kein KOnzept mit Strahlwirkung vorgelegt. Immer dieser
    Dunstkreis der Änderung. Aber nichts konkretes.
    Die Äußerung zu den „Altindustrieen“ ist eine Beleidigung für
    die innovative Industrie in Baden – Württemberg.
    Natürlich bleiben wir bei dem dreigliedrigen Schulsystem. Und
    unsere Kinder wollen wir auch mal zuhause haben.
    Nicht nur immer in der Schule.
    Guter Oppositionspolitiker. Und das wird er auch bleiben.

  2. db
    1. März 2011 at 16:02 #

    Sehr guter Bericht! Ich war auch bei der Veranstaltung und habe das genau so erlebt.

    @Lothar Herzog:
    – Die externen Kosten für den Atomstrom zahlen übrigens auch die Verbraucher (Steuererleichterungen, Endlagerung etc.). Zu den Kosten für Erneuerbare Energien: die werden durch die vermiedenen externen Kosten mehr als aufgewogen, wie beispielsweise das folgende Gutachten des CDU-geführten Bundesumweltministeriums zeigt: http://www.erneuerbare-energien.de/files/erneuerbare_energien/downloads/application/pdf/ee_kosten_stromerzeugung.pdf. Ganz nebenbei entstehen tausende Arbeitsplätze in Zukunftsbranchen.
    – Das überaus konkrete Grüne Energiekonzept finden Sie hier: http://www.gruene-bundestag.de/cms/beschluesse/dokbin/352/352663.energie_2050_sicher_erneuerbar.pdf – Sie sehen, von den Fakten ist man meist nur einen Klick oder eine Google-Suche entfernt. Wobei polemisieren zugegebenermaßen einfacher ist.
    – Mit „Altindustrien“ war die Atomindustrie gemeint. Die zu den innovativsten Unternehmen in Baden-Württemberg gehörenden Firmen der Erneuerbare-Energien-Branche sind doch genau diejenigen, die von der Politik der Grünen profitieren. Die Grünen als innovationsfeindlich darzustellen erscheint mir weit gefehlt.
    – Alternativen zum dreigliedrigen Schulsystem werden nicht nur von den Grünen gefordert, sondern auch von den Leuten, die tagtäglich mit der Unzulänglichkeit des Systems konfrontiert sind, nämlich den Schulleitern (Wortlaut hier: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,481826,00.html). Zahlreiche Gutachten legen darüber hinaus die Probleme des Systems dar, beispielsweise dass es schädlich es für die Entwicklung der Kinder ist, wenn sie nach nur vier gemeinsamen Schuljahren auf verschiedene Schultypen verteilt werden. Daher halte ich es nicht für „natürlich“, dass es beim dreigliedrigen Schulsystem bleibt; es ist ganz im Gegenteil zwingend, dass endlich der Weg frei gemacht wird für die Erprobung besserer Konzepte.

  3. Lothar Herzog
    1. März 2011 at 18:09 #

    Dann probieren Sie ihre Konzepte. Wenn ich dies schon wieder
    höre: polemisieren.
    Ich habe hier verschiedentlich gezeigt, das die Grünen respektive
    die Durchsetzung wie zum Beispiel Bio – Diesel umweltschädlich
    sind.
    Wenn Sie anderer Meinung sind akzeptiere ich dies. Ich behalte
    mal meinen Standpunkt.
    Auch bin ich der Meinung das wir unseren Kinder genügend
    Experiment zugemutet haben. Meine Tochter ist Lehrerin und
    berichtet mir wöchentlich von den Gesamtschulen in NRW. Das
    sind „Gewalterlebnisparks“.
    Lasst die Finger von unseren Kindern.

  4. Bolle Knallquist
    1. März 2011 at 18:26 #

    Flächendeckender Strommangel bei Windstille und Finsternis ist also eine „Zukunftsbranche“. Aha.

    Aber was will man von einem zwecks Ausübung politischer Ämter seit 30 Jahren beurlaubten Biologielehrer anderes erwarten, als grüne Traumtänzereien und grünen Wahlpopulismus.

  5. Lothar Herzog
    1. März 2011 at 18:45 #

    Nr. 2 db
    Die Grünen als innovationsfeindlich darzustellen ist weit gefehlt.
    Das ist der Brecher.
    Sie wollen uns hier doch nicht verkaufen das sie und Ihre Partei
    innovationsfreundlich sind. Die ganzen Solarmodule auf den
    Dächern kommen doch aus China.
    Mein Gott. Ich habe nicht gewusst auf was ich mich eingelassen
    habe als ich begonnen habe mit Grünen zu diskutieren?
    Diese Rechthaberei. Ich informiere mich sicherlich nicht im
    Spiegel. Ich habe andere Informationsquellen.

  6. Lothar Herzog
    1. März 2011 at 18:57 #

    Für den neuen Sprit E 10 werden in Brasilien riesige Felder mit
    Mais und anderen Industriepflanzen angebaut um anschließend
    als Zusatzmittel herzuhalten.
    Das ist meiner Meinung nach nicht vereinbar mit dem Gejammer
    ihrer Partei das in der Dritten Welt gehungert wird.
    Sind die Grünen zur Konferenz nach Cancun in Mexico mit dem
    Ruderboot hingerudert?
    Heuchler allemal.

  7. dk
    1. März 2011 at 22:16 #

    Eigentlich sollte die CDU freundlich um Amtshilfe bei der CSU in Bayern wegen eines MP-Kandidaten anfragen: ein Spitzen-Politiker ist plötzlich „frei“ geworden; der Abschied von „allen politischen Ämtern“ dürfte sich nur auf den Grossraum Berlin beziehen.

    Der Arbeitsort „Ländle“ dürfte genauso interessant und spannend sein wie Afghanistan; als ehem. Wirtschafts- und Verteidigungsminister ergeben sich optimale Eigenschaften im schwierigen Gelände und eine moderne Dynamik mit Management-Denken dürften in schwierigen Zeiten wichtiger sein als altbackene Titel und Jura. Man hat den leichten Eindruck, dass es nicht nur Berufskammern für RA, StB und WP gibt, sondern auch für Politiker.
    Ein wenig Licht bis tief hinunter in die Talsohle wäre nicht schlecht. Ob die Grünen soviele Strahlkraft haben haben? Manche Zeitgenossen benötigen einen Gesprächspartner aus den eigenen Reihen: mit „Links- und Grünradikalen“ sind sie einfach zu unterfordert. In der Zwischenzeit träumt man einfach mal weiter.

  8. Bruno Neidhart
    2. März 2011 at 09:07 #

    Die energetische Zukunft ist ohne Zweifel regenerativ mit innovativer Verbrauchseffizienz. Die Altlasten der Meiler werden zusammen mit der (sicheren?) Endlagerung die kommenden Generationen finanziell stark belasten. Je früher die Laufrichtung geändert wird, umso gezielter kann sich die (u.a. exportorientierte) Industrie volkswirtschaftlich am Prozess beteiligen. Da liegt Kretschmann schon richtig.

  9. Lothar Herzog
    2. März 2011 at 09:27 #

    Sehr geehrter Herr Neidhart. Das wir Energie brauchen steht
    auser Zweifel.
    Nun ist es ja so, das wir erneuerbare Energien haben die nicht
    immer das machen was wir wollen. Nehmen wir zum Beispiel
    mal die Windenergie.
    Hier zur Ihrer Lektüre. FAZ.NET: Der große Stromausfall kommt!
    Es gibt Energiearten die der Natur unterliegen. Und genau das
    ist der Punkt wo das gesalbte Grinsen unser Grünpolitiker nicht
    verstehe.
    Der Wind macht was er will. Und wenn er mal nicht blasen will
    dann tut er dies nicht. Dann haben Sie für eine hochmoderne
    Industrie keinen Strom. Und wenn sie ihn nicht brauchen, bläst
    er kräftig. Wie an manchen Wochenenden.
    Mehr Hirn ist erforderlich.
    Windstrom drosseln statt ausbauen.

  10. dk
    2. März 2011 at 09:59 #

    Nr. 8+9

    In ausländ. Medien gibt es immer wieder Artikel, dass „Ökologie und Energie“ keine politische Spinnerei ist, sondern ein weltweiter Zukunftsmarkt: gerade bei den Schwellenländern.
    Vor allem China soll sich ein besseres Image verschaffen wollen und vor allem auch bessere Luft in den Ballungsgebieten.

    Ein Umdenken scheint auch in den USA aufzukeimen, vielleicht auch um den Anschluss aufzuholen und die Forschung nicht ins Ausland zu verlieren; das KnowHow strahlt auch auf andere Branchen aus z.B. der Automobil-Industrie.

    Der Staat hat auch bei der Forschung von Schnellgeschwindigkeitszügen viel investiert, die scheinbar bei „modern werdenden Staaten“ gerne beachtet werden. Hierzulande wird immer wieder von Mängeln bei der Bahn berichtet; dafür werden gerade „Tiefenbahnhöfe“ modern. Vielleicht wird bald in China die Wüste untertunnelt, damit man sich die Klimaanlagen in den Zügen sparen kann.

    Sicher alles Märkte mit viel Finanzvolumen.

  11. Lothar Herzog
    2. März 2011 at 10:21 #

    Wenn es nach meiner Logik geht, dann müsste aber der Joschka
    Fischer Vorstand beim Ostdeutschen Windkombinat Blas und Dreh
    sein.
    Aber er ist bei der Planung der Ölpipeline „Nabucco“ dabei. Die
    Grünen sind für mich ein verlogener Haufen. Nur den eigenen
    Vorteil im Blickfeld.

  12. dk
    2. März 2011 at 13:52 #

    Da kann man nicht widersprechen – im allgemeinsten Sinne.

    Irgendwie ist man durch zu schnellen Zeitenwechsel selbst etwas „werberesistent“ geworden, kauft im voraus sehr gezielt überlegt bzw. kreist die Artikelgruppe ein; sog. Spontankäufe mit gefüllter Kreditkarte sind ausgeschlossen. Begriffe wie „Vertrauen“ und „Glaubwürdigkeit“ wirken dann allgemein etwas skurril und verwundern.

    Man erinnert sich an die 70er Jahre, wo Politiker lautstark regelmässig erklärt haben, dass auch sie nur genauso gut sind wie normale Menschen. Man wollte wohl nicht alles und jeden mit biblischen Maßstäben messen. Mir hat es gefallen, dass man vor Monaten die Suche nach Vorbildern anhand von KNer Strassennamen auf die Vergangenheit vor 1945 (meistens sogar vor 1900) beschränkt hat.

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