Wahren Helden ein Denkmal gesetzt

Anwürfe gegen Erich Schütz‘ Krimi „Judengold“

judengold coverÜberlingen/Singen (wak) Mit seinem Krimi „Judengold“ erzählt Erich Schütz ein Stück Zeitgeschichte. Der in Überlingen lebende Autor von Fernsehdokumentationen und bekennende Feinschmecker („Die Köche“) hat in seinem aktuellen Bodensee-Krimi ein Kapitel dunkelster Vergangenheit ans Licht des 21. Jahrhunderts gezerrt. Es geht um Verbrechen, die in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft an der Deutsch-Schweizer-Grenze begangen worden sind. Reinhild Kappes, Stadtarchivarin in Singen, hat den Krimi mit historische Fakten verglichen. Sie findet, dass Schütz Geschichte verzerrt dargestellt. Besonders stößt sie sich an der Figur des Singener Stadtpfarrers August Ruf, der auch im Roman so heißt. Die Darstellung des Pfarrers sei historisch nicht korrekt.

Jüdisches Fluchtgeld

Schütz lässt in seinem Roman – die Handlung ist frei erfunden – den freien Journalisten Leon Dold recherchieren. Der in Überlingen lebende Autor ist ein Überzeugungstäter. „Wer hinter die Kulissen blickt, entdeckt schnell kriminelle Machenschaften – aber wer will sie jeden Abend im Fernsehen sehen?“, fragt der Krimiautor. Einen Doku-Krimi hält Schütz für das passende Genre, um über Regionalgeschichte und auch tödliche Machenschaften zu berichten, die im Dritten Reich begangen wurden und bis in die Gegenwart wirken. In „Judengold“ geht es um Vermögen, um Fluchtgeld, das deutsche Juden heimlich über die deutsch-schweizerische Grenze brachten. „Die Bösen habe ich anonymisiert, die wahren Helden bewusst genannt“, sagt Schütz. Wer in Singen durch die August Ruf Straße gehe, solle sich erinnern, dass es damals auch engagierte Menschen gab.“ Schütz wollte einen politischen Krimi schreiben. Alles andere wäre ihm zu langweilig gewesen, sagt er. Noch immer lagere Fluchtgeld in der Schweiz, so Schütz.

Ein echter Krimi spielt an realem Schauplatz

Schütz‘ Krimi spielt aber nicht nur in der Vergangenheit. Eine der Hauptfiguren ist ein freier Journalist. Das Revier von Leon Dold, der Schütz’ Alter Ego ist, ist der Bodensee. Der mittlerweile zweite Roman, in dem der Autor seinen Helden ermitteln lässt, hat alles, was Krimileser erwarten und es geht auch nicht etwa nur um das Aufarbeiten von Geschichte: Die Handlung ist spannend, Schütz erzählt glaubhaft. Real ist der Schauplatz, an dem sich Geschichte ereignet hat. Ähnlichkeiten mit damals lebenden Persönlichkeiten, sind nicht zufällig. Dem Singener Stadtpfarrer August Ruf wollte der Autor ein Denkmal setzen.

Genussmensch Schütz setzt gern Denkmäler

Immer wieder begegnen den von Schütz geschaffenen Romanfiguren Menschen – er bevorzugt Köche aus Fleisch und Blut – denen Schütz ebenso gern kleine literarische Denkmäler setzt. So lädt der Kommissar den Journalisten zu selbst geangeltem Saiblingsfilet an Gurkengemüse zu sich nach Hause ein und Schütz’ Leon Dold bringt eine Flasche Müller-Thurgau vom Burgunderhof in Hagnau mit, den die real existierende Hagnauer Winzerfamilie tatsächlich keltert. Der fiktive Romanheld kehrt während seinen Ermittlungen bei Hubert Neidhart in Moos ein, für dessen Bodensee-Bouillabaisse Held und Autor schwärmen. Bei Isolde Pfaff in Altheim lässt sich der Rechercheur – so wie es Schütz selbst gern tut – mit Lammfilets in Portweinsößle verwöhnen. „Der Mensch lebt nicht nur vom Geist allein“, formuliert Schütz und sieht zwischen dem ernsten Stoff, den er aufgreift, und den Ausflügen ins Kulinarische in seinem Roman auch gar keinen Widerspruch.

Kein Krimi mit Fußnoten

„Das Vermischen von Fiktion und Wahrheit ist das Spannende“, sagt Schütz. Die Hauptfigur in Schütz‘ Krimi ist Joseph Stehle, ein Bahnschaffner aus Singen, der seine Bahnfahrten in die Schweizer Nachbarstadt Schaffhausen nutzt, um jüdisches Vermögen ins Ausland zu bringen aber das Geld aufs eigene Konto schafft, ist frei erfunden. In der Geschichte, die Schütz erzählt, kommt auch Pfarrer August Ruf vor, der tatsächlich in Singen lebte und sich als Fluchthelfer engagierte. Er wird im Roman von den Nazis ermordet. Tatsächlich wurde am 29. März 1944 von der Gestapo verhaftet und starb kurz darauf am 8. April an den Folgen der Haft und einer schweren Krankheit, an der er litt. Fiktion und Wahrheit dürfen sich vermischen, sonst hätte auch Dan Brown seine Romane kaum schreiben können. Einen Kriminalroman mit Fußnoten zu versehen, würde ihn unlesbar machen. Romane sind zum Glück keine wissenschaftlichen Arbeiten, die mit Quellenangaben daher kommen müssen. Schaden dürfte die Kritik dem Autor nicht. Für die Anwürfe sollte sich Erich Schütz bei Reinhild Kappes sogar bedanken. Die Auseinandersetzung übers Buch dürfte rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft noch einmal beste Werbung für den spannenden Krimi gewesen sein, der schon seit einigen Monaten auf den Verkaufstischen der Buchhandlungen ausliegt und gute Kritiken erhalten hat.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.