Wie will die SPD junge Menschen in Konstanz begeistern?

Nachgefragt beim neuen Konstanzer Juso-Vorsitzenden Gyrel Herrmann

Konstanz. Gyrel Herrmann ist neuer Juso-Vorsitzender in Konstanz. Theresa Gaßmann und Bastian Zwissler sind Stellvertreter. Kommunalpolitisch wollen sich die Jusos um Themen wie „Jugend im öffentlichen Raum“, konkret um den Kampf gegen das Glasflaschenverbot, kümmern und haben ein „Verkehrskonzept für die Konstanzer Innenstadt“ auf der Agenda. Vorgenommen haben sich die Jusos außerdem, an den innerparteilichen Reformbemühungen der SPD mitzuwirken sowie die Arbeit der baden-württembergischen Landesregierung kritisch und konstruktiv zu begleiten. Wir fragten bei Gyrel Herrmann einmal genauer nach.

 See-Online: Erst einmal Glückwunsch! Verraten Sie uns, wie viele Mitglieder die Jusos in Konstanz haben? Wie viele sind aktiv?

Gyrel Herrmann: Vielen Dank. Mit unserem Vorstand, dem übrigens noch Arne Pankratz und Tanja Schweinberger als Beisitzer angehören, sind wir gut aufgestellt für das kommende Arbeitsjahr. Momentan haben wir über 100 offizielle Mitglieder und eine große Zahl Sympathisanten, die nicht offiziell bei uns Mitglied sind. Ständig aktiv in der Juso-AG Konstanz und der Juso-Hochschulgruppe sind davon ca. 40. In Wahlkampfphasen oder wenn besondere Aktion und Veranstaltungen anstehen sind es jedoch deutlich mehr.

See-Online: Wie hoch ist der Anteil der Studenten, der Schüler, der Auszubildenden und jungen Berufstätigen?

Gyrel Herrmann: Der Anteil der Studenten ist enorm hoch. Ich würde schätzen bei ca. 80%. Der Anteil der Auszubildenden und jungen Berufstätigen ist dahingegen eher gering. Wir bedauern das sehr und haben in der Vergangenheit schon öfter versucht, gerade diese Gruppe anzusprechen. Leider bisher nur mit geringem Erfolg. Dies ist zwar ein Problem, welches alle politischen Organisationen beklagen, gerade für den Nachwuchs einer Arbeiterpartei jedoch besonders problematisch. Ich kann auf diesem Wege auch nur alle Auszubildenden und junge Arbeitnehmer ermutigen, sich uns anzuschließen und ihre Themen auf unsere Tagesordnung zu bringen.

Wir möchten aber genauso gerne den Anteil junger Frauen, junger Menschen mit Migrationshintergrund etc. weiter erhöhen. Gerne würden wir die Gesellschaft repräsentativ abbilden.

See-Online: Zu welcher Gruppe gehören Sie?

Gyrel Herrmann: Ich studiere Chemie an der Universität Konstanz. Das bedeutet aber nicht, dass mir die Lebenssituation junger Berufstätiger nicht bewusst ist.

See-Online: Nach der Wahl habt Ihr gesagt, dass Ihr gegen das Glasverbot in Konstanz kämpfen wollt. Bei seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause hat der Gemeinderat eine neue Polizeiverordnung beschlossen. Auch die SPD stimmte dafür. Was haben die Jusos jetzt vor?

Gyrel Herrmann: Wir kämpfen mit allem, was wir haben, da können sich die jungen Menschen in Konstanz drauf verlassen.

Zunächst haben wir es in den letzten Monaten geschafft, eine breite Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Nicht nur durch unsere Initiative „Junges Konstant gegen Alkoholverbot“, die bereits über 800 Unterstützer hat, auch durch Pressemitteilungen und Engagement direkt vor Ort im Herosépark.

Keine Frage, uns hat das Votum des Gemeinderats sehr geärgert, insbesondere das Abstimmungsverhalten der SPD-Gemeinderatsmitglieder. Ich kann jedoch insofern von einem politischen Erfolg berichten, dass wir es geschafft haben, auf der SPD-Mitgliederversammlung am Dienstag einen Initiativantrag verabschiedet zu haben, wonach sich die SPD gegen solche Verordnungen ausspricht. Wir haben diesen Antrag gegen den vehementen Widerstand der Gemeinderäte durchgesetzt und sind stolz darauf.

Das weitere Vorgehen müssen wir jetzt intern besprechen. Möglicherweise werden wir eine Demo organisieren oder ähnliches. Wir hoffen aber natürlich darauf, dass auch der Nachwuchs der anderen politischen Parteien Druck auf ihre Gemeinderatsfraktionen ausübt.

See-Online: Die Jusos möchten mitreden, wenn es um ein neues Verkehrskonzept für die Konstanzer Innenstadt geht. Welches Verkehrsmittel benutzen Sie persönlich am häufigsten?

Gyrel Herrmann: Bus, Fahrrad und Seehas.

See-Online: Wie stellen Sie sich eine Innenstadt vor, die nicht wie in diesem Sommer wieder nur noch im Stau steht und stöhnt?

Gyrel Herrmann: Ein Konzept wollen wir erst noch erarbeiten. Grundsätzlich geht es aber selbstverständlich darum, die alltäglichen Blechlawinen aus der Innenstadt zu verbannen. Uns beschäftigen Fragen wie: warum nutzt niemand die park-and-ride-Angebote? Wie kann man es für Besucher attraktiver machen, das Auto außerhalb der Innenstadt abzustellen?

See-Online: Wie sollen wir uns das vorstellen, marschieren die Jusos mit ihren Ideen zur Gemeinderatsfraktion und sagen, bitte schlagt das so vor?

Gyrel Herrmann: Nein, selbstverständlich nicht. Wir wollen ein Konzept erarbeiten und dann unsere Partei davon überzeugen. Im besten Fall werden unsere Vorschläge von der SPD-Gemeinderatsfraktion aufgenommen und im Gemeinderat diskutiert.

See-Online: Ein Städtevergleich nach der letzten Landtagswahl zeigte, dass die SPD in Konstanz 21,7 Prozent der Stimmen holte und damit weniger als die SPD in anderen Unistädten wie Heidelberg, Tübingen oder Freiburg. Woran hat das schlechte Abschneiden der SPD Ihrer Meinung nach gelegen?

Gyrel Herrmann: Wenn ich das in einem Satz beantworten könnte, wäre ich ein gefragter Mann in unserer Partei und wir wären einen ganzen Schritt weiter. Sicherlich wird ein Grund für die geringe Akzeptanz der SPD an der Zusammensetzung der sozio-ökonomischen Verhältnisse in Konstanz liegen. Während die klassischen Arbeitnehmer hier deutlich unterrepräsentiert sind, lebt in Konstanz doch ein enormer Anteil gutsituierter Menschen, die sich wohl eher von den Grünen begeistern lassen. Ich sehe das zwar mit gemischten Gefühlen, jedoch ist es mir lieber wenn ein Grüner das Direktmandat in Konstanz gewinnt als wenn es die CDU gewinnt und dafür der Anteil der SPD bei 25 % liegt.

See-Online: Die Wahlanalyse des Statistischen Landesamtes zeigt, dass die SPD in allen Altersgruppen – außer bei den über 60-Jährigen – verloren hat. Wie hat den Ihr Freundeskreis so gewählt und warum?

Gyrel Herrmann: Aus guten Gründen sind Wahlen geheim. Die meisten, meiner Freunde und Bekannten haben mir nicht mitgeteilt, wen sie gewählt haben und warum. Ich würde aber vermuten, dass sie zu einem großen Teil grün gewählt haben. Momentan ist das einfach „hip“. Leider beobachte ich gerade auch unter meinen Bekannten, das kaum aus inhaltlichen Überzeugungen gewählt wird, sondern eher aus einer Art Bauchgefühl oder aktuellen Laune heraus. Frei nach dem Motto: Ich esse bei McDonald´s, schmeiße meinen Müll auf die Straße und werfe die Waschmaschine auch mal wegen einer Hose an. Mein ökologisches Gewissen ist jedoch rein, ich wähl ja die Grünen.

See-Online: Warum sollten junge Menschen ausgerechnet in der SPD mitarbeiten?

Gyrel Herrmann: Weil es sich lohnt. Die Jusos haben einen großen Einfluss in der SPD und wir haben in der Vergangenheit schon öfters bewiesen, dass man auch als einfaches Mitglied der SPD in Konstanz, große Steine ins Rollen bringen kann. Es klingt vielleicht abenteuerlich aber letztlich ist die Neupositionierung der SPD im Bund zum Thema Internetsperren auf einen Antrag der Juso-AG Konstanz beim örtlichen SPD-Verband im Jahr 2009 zurückzuführen.

See-Online: Die SPD wirkt manchmal wie eine alte Tante, die sich Kopfhörer in die Ohren steckt und zu Pitbull „Give Me Everything“ mitgrölt, obwohl sie viel lieber „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ singen würde. Hat die SPD eigentlich noch politische Ziele und Themen, mit denen sie junge Menschen begeistern kann?

Gyrel Herrmann: Hat sie immer gehabt und wird sie immer haben. Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Vielfalt sind doch keine Themen, die vom Alter abhängen.

Gerade junge Menschen leiden doch z.B. daran, dass der Leistungsbegriff heute völlig absurd definiert wird. Wir sollen immer mehr leisten, immer länger arbeiten und werden wohl nicht mal mehr eine Rente erhalten. Nicht nur in unserer Gesellschaft ist einiges ins Ungleichgewicht gekraten. Das geht doch gerade die Menschen etwas an, die noch vorhaben 50-60 Jahre auf dieser Welt zu leben.

See-Online: Bürgerbeteiligung und Atomausstieg sind Themen der Grünen, Internetkompetenz haben sich die Piraten auf ihre Flagge gedruckt. Wofür steht die SPD?

Gyrel Herrmann: Für all diese Themen und viele, viele mehr. Immer mit einem besonderen Augenmerk auf soziale Gerechtigkeit.

See-Online: Was versprechen Sie sich von innerparteilichen Reformbemühungen der SPD? Warum sollte jemand noch einer Partei beitreten, wenn den Kanzlerkandidaten eines Tages womöglich auch Nicht-Mitglieder mit wählen dürfen?

Gyrel Herrmann: Die Mitgliedschaft in der SPD reduziert sich weiß Gott nicht auf die Kür eines/r Kanzlerkandidaten/in. Wir beobachten die Reformbemühungen aufmerksam und haben selbst in unserer AG ein sehr kontroverses Meinungsbild dazu. Noch sind detaillierte Informationen zur Reform sehr spärlich. Wir werden dies zu gegebener Zeit kommentieren.

See-Online: Was wünschen sich die Jusos von der grün-roten Regierung in Stuttgart? Habt Ihr den Wind der Veränderung schon gespürt?

Gyrel Herrmann: Wir wünschen uns die konsequente Umsetzung des Koalitionsvertrages. Ich kann Ihnen diesen gerne als Lektüre empfehlen. Er ist erstaunlich klar und einfach geschrieben, sodass jede/r sich ein Bild davon machen kann, was dieses Land in den nächsten Jahren erwartet. Uns liegen natürlich die u.a. Themen Bildung, Integration, Netzpolitik und Jugend im öffentlichen Raum besonders am Herzen.

See-Online: Vielen Dank fürs Gespräch.

Ein Kommentar to “Wie will die SPD junge Menschen in Konstanz begeistern?”

  1. dk
    30. Juli 2011 at 16:04 #

    Im politischen und medialen Umfeld scheinen Kampf und Streit als Zeichen für Lebendigkeit, Erfolg und Ansehen zu gelten, womit man bei Jugendlichen punkten will. Selbstverständlich sollen dabei keine Aggressionen ausgelöst und vor allem keine Gewalt gefördert werden.

    Als ich vor vielen Jahren einigen Jugendlichen (Jungen) die Wirkung von Ausdauersport etwas nahebringen wollte, waren diese sehr friedliebend und angenehm aufgeschlossen auf neue sportliche Erfahrungen auf fast gleicher Augenhöhe, was bei einigen Eltern nicht so ganz der Fall gewesen sein dürfte.

    Manches Gehabe von Politik und Wirtschaft dürfte nicht zur Teilhabe verleiten: bei kurzem Nachdenken wird man sich fragen, ob man gerne „Don Quijote“ sein oder gemacht werden möchte .
    http://de.wikipedia.org/wiki/Don_Quijote

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