Wortwechsel mit Erich Schütz: Über die Doktormacher Mafia am Bodensee

Überlinger Journalist schrieb über die dunkle Seite akademischer Titel – Konstanzer Buchhandlung bestellte gerade nach

Konstanz. Der Überlinger Journalist und Fernsehmacher Erich Schütz ist Autor des Kriminalromans „Die Doktormacher Mafia“. Wir sprachen mit ihm aus aktuellem Anlass über gekaufte Titel und die Nachfrage nach seinem Buch, das allerdings keine Anleitung zum Erwerb eines Doktortitels „leicht gemacht“ sein soll.

 

Interview

See-Online: Herr Schütz, wie sind Sie auf die Idee mit den „Doktormachern“ gekommen?

Erich Schütz: Mein Arzt hatte plötzlich einen Professorentitel, da bin ich stutzig geworden und habe ihn gefragt, wo er habilitiert sei. Die Antwort fand ich im Ärztehandbuch. Er hatte seinen Professorentitel aus Guatemala.

See-Online: Wann ist ihr Roman erschienen und wo spielt er?

Erich Schütz: Die Erstauflage war 2007, die Geschichte hatte ich in ganz Deutschland und Guatemala für eine Fernsehdokumentation der ARD recherchiert. Die Handlung in dem Krimi beschränkte ich später auf den Bodensee, wobei ja tatsächlich ein gekaufter Dr. in Konstanz entlarvt wurde.

See-Online: Sie sind nicht nur fiktionaler Schreiber, sondern auch ein erfahrener Journalist. Haben Sie im Vorfeld am Bodensee noch einmal recherchiert?

Erich Schütz: Dieser Krimi könnte jederzeit auch als Sachbuch durchgehen, zuvor wurde er ja auch als Dokumentation mit dem Titel „Dr. cash“ im Ersten ausgestrahlt. Viel Phantasie brauchte es also anschließend für den Krimi nicht mehr. Der Titelhandel blüht in Deutschland, und zwar genauso, wie es Leon, der Journalist in dem Krimi erfährt.

See-Online: Sie sind, wenn wir richtig informiert sind, (noch) nicht promoviert. Wüssten Sie seit Sie Ihr Buch geschrieben haben, wie sie auf einfachem Weg zu einem Doktortitel kommen könnten?

Erich Schütz: Ich habe während der Recherche zwei Doktortitel und einen Professorentitel überreicht bekommen. Zum Ende der Dreharbeiten hatte ich dem gesamten Team: Kameramann, Tonmann, und Cutter noch einen gekauft. Der Abspann des Films war mir der Spaß wert.

See-Online: Beschreiben Sie uns doch einmal kurz, wie sich junge ehrgeizige Akademiker einen Doktortitel sozusagen „leicht gemacht“ besorgen könnten?

Erich Schütz: Man wendet sich an einen „Promotionsberater“. Die geben offiziell vor, nur im Rahmen der gesetzlich erlaubten Hilfen, Unterstützung zu geben. Dass der Mann dann die gesamte Dr.-Arbeit von Ghostwritern schreiben lässt, darf natürlich niemand erfahren. Und dass dann gesamte Passagen irgendwo abgeschrieben sind, versteht sich von selbst. Betrüger betrügen Betrüger!

See-Online: Gibt es Ihrer Meinung nach eine Grauzone zwischen der Inanspruchnahme von gerade noch erlaubter Hilfe und kriminellen Machenschaften?

Erich Schütz: Wer ordentlich promoviert bespricht dies meist mit den Professoren an dem Lehrstuhl, an dem er auch sein Diplom abgelegt hat. Was dabei zwischen Professoren und Doktoranden gemauschelt wird, ist erlaubt. Wer Hilfe von Dritten hinzuholt, ohne dies anzuzeigen, betrügt.

See-Online: Wie viel Geld müssen Doktoranden, die sich ihre Arbeit von Dienstleistern erstellen lassen, investieren?

Erich Schütz: Für das Schreiben der Arbeit findet man leicht einen arbeitslosen Doktor in einem Berliner Taxi. Für 20.000 Euro schreibt dieser gerne eine zweite Arbeit für Sie. Aber mit der Vermittlung eines willigen Professors wird es schnell teurer. Die Burschen haben in Deutschland ein gutes Salär und lassen sich nicht so leicht bestechen. Im Ausland geht es billiger und schneller. Mein Tipp: Kroatien. Sobald das Land zur EU gehört, muss man die Herkunft des Titels nicht mehr angeben. Zuvor sieht Dr. (kroa) noch ein bisschen blöd aus.

See-Online: Was denken Sie, wie verbreitet sind „gekaufte Doktoren“?

Erich Schütz: Erschleimte unschätzbar viele, gekaufte wenige. Aber gekaufte Professoren gibt es viele, da drückt die Staatsanwaltschaft ein Auge zu, denken Sie doch nur an die vielen Professoren in den Vorständen der Industrie. Meist noch ohne Abitur, oft ohne Dr., aber dick den Prof. vor dem Namen

See-Online: Hat Sie persönlich der Fall des Karl-Theodor zu Guttenberg überrascht?

Erich Schütz: Nein, und auch nicht, dass viele Damen und Herren im Bundestag zu dem Thema relativ ruhig waren.

See-Online: Unterstellen wir einmal zu Guttenberg hätte seine Doktorarbeit nicht selbst geschrieben, sollte er sein Geld wegen schlechter Arbeit zurückverlangen?

Erich Schütz: Kann ein Betrüger einen Betrüger wegen Betrugs belangen?

See-Online: Wer ist eigentlich schuld an der Nachfrage nach gekauften Doktortiteln? Ist es vielleicht auch eine Unart, dass heutzutage scheinbar jeder einen Doktor braucht, der außerhalb der Wissenschaft etwas werden möchte?

Erich Schütz: Ein Dr.-Titel ist in der freien Wirtschaft jährlich rund 20.000 Euro mehr Gehalt wert. Da sind 20.000 Euro für die Arbeit doch ein Schnäppchen. Und selbst 40.000, all inclusive, ist doch schon in drei Jahren Maloche drin. So lange muss auch ein Assistent in der Uni den Handlanger des Profs spielen, für viel weniger Geld.

See-Online: Verraten Sie uns doch bitte, ob sich der Fall zu Guttenberg auf die Nachfrage nach Ihrem Roman ausgewirkt hat?

Erich Schütz: Ja, gerade hat „Osiander“ einen Pack nachbestellt. Ich denke der Krimi bleibt ein Evergreen. So lange wir alle die Herren Doktoren und Professoren über Gebühr verehren, so lange wird mit dem Titel Schindluder getrieben, und so lange bleibt „Doktormacher-Mafia“ aktuell.

Vielen Dank fürs Coaching. Nachgefragt hat Waltraud Kässer.

Info:

Erich Schütz, Die Doktormacher Mafia, Taschenbuch, 336 Seiten

Preis: Euro 9,80

ISBN: 978-3-00-021569-8

Verlag: Die Redaktion, Überlingen

http://www.bodensee-krimi.eu/fr_buch.htm

 

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