Zugverbindung von Konstanz nach Stuttgart könnte noch schlechter werden

Gäubahnanbindung der Bodenseeregion und der Schweiz – Neue Schienenanbindungsvariante würde Fahrzeit nach Stuttgart verlängern

Konstanz. Die Oberbürgermeister und Landtagsabgeodenten aus der Bodenseeregion sind aufgeschreckt, alarmiert und empört. Sie wehren sich gegen einen Vorschlag einiger Regional- und Kommunalpolitiker der Region Neckar-Alb. Beim am kommenden Samstag beginnenden „Filderdialog“ steht neben den bereits vorgeschlagenen Varianten zur Trassenführung der Gäubahn zum Stuttgarter Hauptbahnhof überraschend eine neue Anbindungsvariante der Bodenseeregion und der Schweiz an die Landeshauptstadt mit einer Linienführung über Horb – Tübingen – Reutlingen in Raum. Diese Variante sei in das Auswahlverfahren mit aufgenommen. Am Bodensee will sie aber keiner. Denn sie würde die Fahrtzeit nach Stuttgart noch weiter verlängern.

Offener Brief an Hermann

In einem offenen Brief an Umweltminister Winfried Hermann und andere heißt es: „Wir möchten uns deutlich gegen die im Schreiben der Landräte und Oberbürgermeister der Region Neckar-Alb geforderte Planungsvariante aussprechen, da durch eine Streckenführung über Tübingen und Reutlingen nicht nur eine verbesserte Anbindung der Bodenseeregion an den Fernverkehrsknoten Stuttgart verhindert wird, sondern darüber hinaus die Umsetzung des vereinbarten und wirtschaftlichen Sanierungskonzept der Gäubahn stark in Frage gestellt wird.“

Vertrag von Lugano nur Waschzettel

Die Oberbürgermeister und Landtagsabgeordneten weisen auf den Vertrag von Lugano hin. Mit dem Staatsvertrag von Lugano habe sich Deutschland bereits im Jahr 1996 dazu verpflichtet, die Reisezeit zwischen Stuttgart und Zürich auf 2 Stunden 15 Minuten bis zum Jahr 2012 zu reduzieren. Bislang ist Deutschland (mit Fahrtzeiten von mindestens 2:58 Stunden) von dieser Zielsetzung weit entfernt.

Schweiz schafft Verbindungen, Deutschland versagt

In dem Brief heißt es: „Obwohl die Schweizer SBB die für die Erreichung dieser Zielsetzung erforderlichen Maßnahmen bereits weitgehend umgesetzt hat, sind auf dem Streckenabschnitt auf deutscher Seite bislang keine nennenswerten Verbesserungen erfolgt.“ Eine 30 Kilometer längere Streckenführung der Anbindung der Bodenseeregion und der Region Zürich über die bislang noch nicht einmal elektrifizierte und eingleisige Strecke Horb – Tübingen würde die Anbindung der Region über den derzeit bestehenden – kaum hinnehmbaren – Status quo weiter verschlechtern und zu einer Fahrzeitverlängerung von ca. 20 Minuten führen. Die im Staatsvertrag mit der Schweiz vereinbarten kürzeren Reisezeiten wären mit dieser Trassenvariante endgültig nicht mehr realisierbar.

Bitte kein Bummelbähnchen durchs Ländle

Weiter schreiben die Politiker und Bürgermeister aus der Bodensee-Region: „Wir alle wollen die Bahn als Alternative zu PKW und Flugzeug aufwerten. Der Umweg über die Neckar-Alb-Strecke wurde die Fahrzeit verlängern und die Gäubahn unattraktiv machen.“ Darüber hinaus sei es „indiskutabel“, dass die Strecke Zürich – Stuttgart, welcher internationale Bedeutung zukommt, zu einer Strecke „durchs Ländle“ herabgestuft werde. Weiter steht in dem Brief: „Die Verzögerungen bei der Ertüchtigung der Gäubahn wurden über Jahre hinweg durch mangelnde Finanzmittel begründet. Es ist daher nicht nachvollziehbar, dass nun angedacht wird, die Verbindung über eine bislang nicht elektrifizierte, geschweige denn zweigleisig ausgebaute Strecke zu führen.“

Bitte nicht auf Kosten des Bodensees

Die Absender stellen weiter fest: „Es ist durchaus verständlich, dass sich die Region Reutlingen-Tübingen für eine verbesserte Anbindung an die Landeshauptstadt ausspricht und in einer Aufwertung der Neckar-Alb-Strecke eine Chance für die langerwartete Elektrifizierung sieht. Dennoch darf eine verbesserte Anbindung des Oberzentrums Reutlingen-Tübingen nicht auf Kosten der Anbindung der gesamten westlichen Bodenseeregion sowie der Schweiz erfolgen.“

Das Fernziel heißt 2.15 Stunden bis Stuttgart

Die Bodensee-Region fordert Minister Hermann, auf, beim Filderdialog deutlich zu machen, dass die im Vertrag von Lugano festgeschriebene Fahrtzeitverkürzung auf 2 Stunden 15 Minuten von der Landesregierung als verbindlich und prioritär angesehen wird und dass alles unternommen werden muss, damit diese Zielsetzung so schnell wie möglich realisiert werden kann.

Schulterschluss am Bodensee

Unterzeichnet haben den Brief unter anderen die Landtagsabgeordneten Siegfried Lehmann und Hans-Peter Storz sowie die Oberbürgermeister aus Singen, Konstanz und Radolfzell, Oliver Ehret, Horst Frank und Dr. Jörg Schmidt.

 

2 Kommentare to “Zugverbindung von Konstanz nach Stuttgart könnte noch schlechter werden”

  1. Henrich Tiessen
    14. Juni 2012 at 21:57 #

    Es ist sehr erfreulich, dass sich die Lokalpolitiker aus der Region Konstanz endlich regen und begreifen, dass beim sogenannten Filderdialog auch Konstanzer Interessen vertreten werden müssen. Für unsere Region kommt nur eines in Frage: Eine direkte Anbindung der Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn an den Stuttgarter Hbf, und zwar ohne Führung über eine S-Bahnlinie, wie es die Deutsche Bahn will. Die Planung der Deutschen Bahn sieht bekanntlich vor, die Gäubahnzüge ab Stuttgart-Rohr über eine S-Bahn-Linie, die bereits dicht belegt ist, in den Stuttgarter Hbf. einzuführen, von sonstigen Schwierigkeiten einmal ganz abgesehen, wie dem für die Gäubahn eingleisigen (!) Bf. Stuttgart Flughafen/Messe.
    Nur eine direkte Einbindung der Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn in den Stuttgarter Hbf. kann Fahrzeitverlängerungen, mangelnde Fahrplanflexibilität, Kürzung der Zahl der möglichen Züge und Verspätungsanfälligkeit verhindern!

  2. dk
    14. Juni 2012 at 22:15 #

    Es wäre schön, wenn die Fernverbindungen (Autobahn, Eisenbahn) in der EU mit dem Internet annähernd gleichziehen könnten: Stuttgart und Zürich sind immerhin 2 Wirtschaftszentren. Vielleicht kam die Wiedervereinigung nur zustande, weil Rentner nach der Heimreise ihren Bekannten über die guten komfortablen Reisebedinungen im Westen erzählt haben: die ruckelfreie Eisenbahn und Autobahnen ohne Schlaglöcher wurden viel beachtet. Die Transitstrecken (Autobahn, Eisenbahn) sollen von der (alten) BRD finanziell gefördert worden sein. Die gefühlte Entfernung sinkt bei einer guten Infrastruktur drastisch, was Fachkräften manche Entscheidung erleichtern dürfte. In der Jugend bin ich zu Weihnachten öfters nach Berlin per Bahn gereist; die Bahnsteige waren jedesmal von Türken überfüllt, die auf ihre Sonderzüge warteten: häufig konnte man per Lautsprecher noch Meldungen wegen Überfüllungen und Hinweise auf weitere Ersatzzüge hören. Die allerbeste Variante, um Nähe zu schaffen: nicht nur durch das körpernahe Gedränge als „Heringe“ in den Gängen. Neben der Währung kann auch eine Verkehrs-Infrastruktur das Bewusstsein Europas fördern.

    Vorgestern hatte ich einen Telefonanruf mit Englisch. Die Firma wollte an ein günstiges Software-Tool erinnert. Wegen schlechtem Hörverständnis hatte ich gebeten, eine Mail zu schicken: vom Internet kann ich nur gut Englisch lesen und schreiben. Das Mail kam in 2 min aus den USA, hat noch mein gutes Englisch gelobt und Sonderpreise für eine mehrjährige Nutzung angeboten. Es hat mich nicht einmal mehr allzu sehr überrascht: ein wenig fühlt man sich auch der Internet-Welt verpflichtet, fast wie namhafte IT-Konzerne; nicht nur Reisen bildet.

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