Zwischenruf! Warum Bürgerinitiative floppte

Von Waltraud Kässer

Verdi hatte eingeladen und die „normalen“ Bürger blieben zu Hause. So ist es am Dienstagabend gewesen. Dafür gibt es viele Gründe.

Während die Konstanzer Bürgerinitiative gegen den Bau eines Konzert- und Kongresshauses im vergangenen Jahr ein Selbstläufer war, bewegt die Zukunft des Konstanzer Klinikums die Menschen in der Stadt anscheinend nicht so sehr. Vielleicht interessieren sie sich in diesen Wochen mehr für Glasverbote am Seerhein?

Das Desinteresse könnte auch daran liegen, dass die mögliche Privatisierung eines Krankenhauses für viele erst einmal gar kein Schreckgespenst ist. Die Menschen haben sich längst an private Telefongesellschaften und private Stromanbieter gewöhnt und fahren mit der privatisierten Bahn. Manches ist besser geworden, manches schlechter.

Das Telefonieren und Surfen im Internet zum Beispiel ist billiger geworden, während in den ICEs der privatisierten Bahn im Hochsommer gelegentlich Menschen in überhitzen Abteilen kollabieren, weil die Klimaanlage ausfällt. Wäre eine privatisierte Klinik jetzt also eine bessere oder eine schlechtere? Wer denkt schon dauernd über Profit und Patienten im Krankenhaus nach?

Beim Thema Gesundheitsreform hören die meisten Menschen mutmaßlich gar nicht mehr hin. Längst gibt es ein Zweiklassen-Gesundheitssystem trotz steigender Beiträge für die Versicherten. Weshalb Kliniken neuerdings rote Zahlen schreiben und Eltern, Ärzte und auch der Landtagsabgeordnete Siegfried Lehmann (Grüne) für den Erhalt einer Frühchenstation in Singen kämpfen müssen, können die Menschen nicht unbedingt verstehen.

Dass ein Chefarzt gefeuert wird, ist eine Nachricht. Nach ein paar Tagen ist das Thema aber durch. Ellenlange Hintergrundberichte lesen die Menschen eher nicht. Dafür ist keine Zeit. Verhandelt wird in Sachen Krankenhaus zudem viel zu oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ihr Herrschaftswissen behalten Stadträte gern für sich.

Und auf Verdi hat nun auch keiner gewartet. Eine Bürgerinitiative, die ausgerechnet von einer Gewerkschaft gegründet wird, ist womöglich gar keine echte Bürgerinitiative. Eine Initiative von Bürgern sollte, wie ja schon der Name sagt, eine von unabhängigen Bürgern gebildete Interessensvereinigung sein und kein Anhängsel von Verdi oder der Linken. Verdi vertritt normalerweise die Interessen von Gewerkschaftsmitgliedern. Wieso sollte sich Verdi jetzt für Patienten engagieren? Vielleicht hat Verdi politisch unabhängige Bürger abgeschreckt.

Dass Bürgermeister Claus Boldt, Gesundheitspolitiker Andreas Hoffmann und Stadträte aus verschiedenen Fraktionen des Konstanzer Gemeinderats gekommen sind, hatte sicher vor allem den Grund, dass die Kommunalpolitiker sehen wollten, was an dem Abend passiert. Wären 60 oder 70 interessierte, empörte Bürger zusammen gekommen, hätten sie dabei sein wollen, wenn sich eine Bürgerinitiative gegründet hätte. Sonst hätten die Politiker das Thema Krankenhaus möglicherweise der Linken Liste Konstanz und den „Kollegen“ von Verdi allein überlassen.  Und das konnte  ja niemand wollen.

8 Kommentare to “Zwischenruf! Warum Bürgerinitiative floppte”

  1. suchenwi
    1. Juni 2011 at 01:01 #

    Ich hatte ja vor, zu kommen, aber nach einem übervollen Arbeitstag mag man irgendwie nimmer…

  2. TB
    1. Juni 2011 at 11:32 #

    Verdi hat also gerufen und niemand ist gekommen. Ich kann Verdi sagen, warum keiner kam: Es geht nicht um die Mitarbeiter im Krankenhaus, sondern um die Patienten. Den Patienten ist es doch egal, wen sie im Krankenhaus feuern, einstellen oder wie dort die Mitarbeiter bezahlt werden. Und die abgedroschenen Gewerkschaftsparolen will doch ernsthaft keiner mehr hören. Außer den paar Betriebsräten und der Handvoll Mitgliedern der LInkspartei.

  3. dk
    1. Juni 2011 at 11:35 #

    Gibt es eine neue 2-Teilung der Gesellschaft in
    — aggressive Jugendliche und
    — depressive, apathische Senioren?

    «Vielen ist nicht bewusst, was sie tun»
    http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Vielen-ist-nicht-bewusst-was-sie-tun/story/20857719

    Das „Herschaftswissen“ der Politiker wird sich freuen, dass der 2. Gruppe die Zukunft gehört.

  4. Hans Paul Lichtwald
    1. Juni 2011 at 16:11 #

    Konstanz hat nie den Ernst der Krankenhaussituation wahrgenommen noch über die Reichenauer Gurken hinaus die Situation im Kreis sehen wollen. Warum wurde die Geschäftsführung des Klinikums verändert? Warum ist das dem zugrunde liegende Gutachten zur wirtschaftlichen Lage weiterhin geheime Chefsache? Und der Auftritt von Prof. Dr. Müller-Esch vor dem Arbeitsgericht in Radolfzell war zudem eher peinlich: Sind das die Helden des Gesundheitswesens hinter denen sich die Hoffnungsträger sammeln? Der Vergleich zwischen Singen und Konstanz muss in der Kreishauptstadt schmerzen: Singen hat Altlasten, also kräftig Schulden, ist aber medizinisch gut aufgestellt und schreibt im Tagesgeschaft schwarze Zahlen. Konstanz will erst noch investieren, hat im laufenden Betrieb aber rote Zahlen. In verstärkter Kooperation beider liegt die Chance für die Zukunft. Dafür braucht es aber Ehrlichkeit statt eitler kommunalpolitischer Pfauenaufplusterei.

  5. patient
    2. Juni 2011 at 08:16 #

    Ich habe noch nicht verstanden, warum es für mich als Patienten besser wäre, wenn alle Krankenhäuser im Kreis fusionierten und es keinen Wettbewerb mehr gäbe. – Naja, man kann ja immer noch in das neue Zentralklinikum Villingen-Schwenningen.

  6. Köpf
    5. Juni 2011 at 01:13 #

    Einspruch, in mehrfacher Hinsicht,

    Frau Kässer,

    zu Ihrer Sichtweise und Darstellung der Veranstaltung „Gründung einer Bürgerinitiative für unser kommunales Krankenhaus“ am 31. Mai, im „Treffpunkt Petershausen“/KN,
    bei der, z.B. ich, als einfacher Bürger der Stadt Konstanz, teilgenommen habe und sehr wohl an der Gründung besagter Initiative interessiert bin. Ich habe auch andere, mir bekannte Personen gesehen, die mit derselben Absicht wie ich, teilnahmen. Also nicht nur Vertreter div. politischer Parteien oder anderer Gruppierungen. Ebenso wenig mag ich verstehen, wie Sie zu der Ansicht gelangen, dass der „Verdi Vorstoß floppte“. Ich finde es absolut legitim, dass sich Personen, die gewerkschaftlich tätig sind und, wie im Falle von Frau Zepf, die ja, (so steht es in der Einladung) speziell u.a. für den Bereich „Gesundheit“ in ihrer Gewerkschaft zuständig ist, sich so einer Sache annimmt.
    Auch entspricht es nicht Ihrer Darstellungsweise, dass man ohne neue Terminvorstellung auseinanderging. Soweit ich mich erinnere, und da bin ich nicht alleine, wurde sowohl ein „Sprecherrat“ gegründet und vereinbart, dass in der ersten Woche nach Pfingsten ein neues Treffen in der Causa stattfinden wird. Leider bin ich aus persönlichen Gründen in dieser Zeit nicht in Konstanz anwesend, habe aber meine Adresse hinterlassen und mich bereiterklärt an weiteren Aktivitäten in der Sache mitzuwirken, auch, weil ich als älterer Mensch sehr wohl daran interessiert bin, nicht nur ein Krankenhaus in nächster Nähe zu haben, sondern auch, dass dieses Haus in der beabsichtigten kommunalen Trägerschaft bleiben kann. Ich stamme zwar nicht aus dieser Region, lebe aber seit geraumer Zeit hier und habe in Erinnerung, dass eigentlich die sogen. Spitalstiftung Eigentümerin des Klinikums ist und da frage ich mich sowieso, wie es möglich sein kann, dass diese Tatsache kaum bis gar nicht ins Gespräch gebracht wurde.
    Zugegeben, es waren wohl in der Mehrzahl Personen des bereits angesprochenen Personenkreises anwesend, gleichwohl sind doch sicherlich sehr viele dieser Menschen ebenfalls „Bürger“ der Stadt Konstanz oder des näheren Einzugsbereiches (z.B. Allensbach).

    Zugegeben, ich musste für mich feststellen, obwohl interessiert, dass mir nur einen Bruchteil der Informationen, die im Verlaufe des Abends genannt wurden, auch nur ansatzweise bekannt sind, was für mich ein neuerlicher Beweis dafür ist, wie dringend erforderlich die Gründung einer BI in dieser Sache ist, egal ob sich bereits div. Organisationen (Stadt-/Kreisseniorenrat usw.) der Angelegenheit annehmen.

    Sie üben massiv Kritik an div. Äußerungen und Standpunkten vieler Diskussionsteilnehmer, und, noch einmal gesagt, ich bin durchaus ein unabhängiger Bürger, gehöre keiner politischen Gruppierung an, fühle mich aber als älterer Mitbürger dieser Stadt durch Ihren Beitrag diffamiert.
    Dies trifft im Übrigen ebenso auf die in der „Antwortzeile“ genannte Äußerung (von wem auch immer diese Antwort kam??) zu, wo von „depressiven, apathischen Senioren“ die Rede ist.
    Dagegen verwahre ich mich entschieden!

    Als höflicher Mensch entbiete ich meinen Gruß.

    H.K.

  7. Petra Meich
    5. Juni 2011 at 07:43 #

    @6 Eine Bürgerinitiative lebt davon, dass sich Bürger engagieren. Wieso haben Sie sich also nicht gemeldet?

  8. dk
    5. Juni 2011 at 08:03 #

    zu (6) HK „depressiven, apathischen Senioren“

    siehe (3) Das ist als Ironie und drastische Überzeichnung zu verstehen und wurde als Frage und nicht als Behauptung deutlich gekennzeichnet.

    Zielgruppe: eher die „Elite als Meinungs-(Gesellschafts-)bildner“ (Medien, Politik, Lobbyismus u.a.), wobei man sich als nicht dazugehörig versteht.

    Ein ebenso höflicher Mensch.

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.