68 Dezibel sind zu viel Lärm im reinen Wohngebiet

Warum die WOGE ZaNeLi die Überlinger mit ihren Protesten nerven darf

Überlingen (wak) Die Überlinger Bürgerinitiative WOGE ZaNeLi nervt. Die Überlinger Bürgerinitiative, die  die Interessen der Bewohner der Überlinger Nordweststadt vertritt, hat aber auch alles Recht dazu. Zu viel Verkehr, der zu viele Emissionen verursacht, rollt tagtäglich durch das reine Wohngebiet, in dem auch viele junge Familien wohnen. Dass sie an eine „Stadtautobahn“ ziehen würden, ahnten die Bewohner bei ihrem Einzug noch nicht. Dass die Stadt im Hauruck-Verfahren eine neue Verkehrsführung beschließen würde und ihre Wohnstraße zu einer Hauptausfallstraße machen würde, konnte niemand wissen.

Straßenlärm von 65 Dezibel macht krank

Lärm wird in der logarithmischen Einheit Dezibel (dB) angegeben. Zehn Dezibel mehr bedeuten schon eine Verzehnfachung der Schallenergie, drei Dezibel bereits eine Verdoppelung. In der Zahnstraße hat der TÜV 68 Dezibel gemessen. Es dürften nur 50 dB sein. Zum Vergleich: 40 bis 60 dB wären das, was man als „normale Gesprächslautstärke“ bezeichnet. Ein vorbeifahrendes Auto verursacht 60 bis 80 dB. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass bei Straßenlärm, der bei geöffneten Fenstern im Haus 65 Dezibel erreicht, das Risiko für Herz-Kreislaufstörungen um 20 Prozent höher ist als in einer ruhigen Wohngegend, in der nur 50 bis 55 Dezibel erreicht werden. „Wir denken im Moment über Schallschutzfenster nach“, sagt ein Anwohner der Zahnstraße. „Unsere Fenster machen wir kaum mehr auf.“ Ohne Lärmschutz wird es nicht mehr gehen.

In der Zahnstraße 68 Dezibel gemessen

Das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG), genauer gesagt, die zur Auslegung dieses Gesetzes erlassene Rechtsvorschrift „Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm“ (TA-Lärm), definiert „Lärm“ so: „Lärm ist Schall (Geräusch), der Nachbarn oder Dritte stören (gefährden, erheblich benachteiligen oder erheblich belästigen) kann oder stören würde.“ In reinen Wohngebiete gelten Immissionsrichtwerte von 50 dB am Tage. In der Zahnstraße, wo 68 dB gemessen worden sind, wird dieser Richtwert überschritten.

Immer mehr Fahrzeuge

Früher fuhren etwa 1.500 Autos durch die Wohnstraße. Seit sie durch Einbahnregelungen zu einer Hauptausfallstraße wurde, sind es 6.500 täglich. Bis 2020 sollen es 7.200 Fahrzeuge täglich sein.

Dreimal täglich Rush Hour

Alexander Kuntz (Fotos) zog mit seiner jungen Familie – er ist Vater eines vier Jahre und eines sechs Monate alten Kindes – in die Zahnstraße. Später kam dann auch der Verkehr. „Am Morgen, mittags und abends ist es besonders schlimm“, erzählt Kuntz. Wie misslich die Situation in der Zahnstraße ist, könnte er mit Worten erklären – oder aber er lässt Besucher die Erfahrung durch persönliches Erleben einfach selbst machen.

Viel Lärm und schmale Bürgersteige

Das Dröhnen und der Motorenlärm reißen nicht ab. Kurz vor dem Haus der Familie bremsen ortskundige Autofahrer ab, dann, sobald sie am Tempomessgerät, dem „Blitzer“, vorbei sind, geben sie wieder Gas. Dass kleine Kinder die vielleicht 150 Meter bis zum Spielplatz – einmal abgesehen von den Emissionen – in der Zahnstraße alleine auf einem Laufrad, Roller oder mit einem Kettcar zurücklegen, ist nur schwerlich vorstellbar. Denn schmal ist in der Zahnstraße nicht nur die Fahrbahn, sondern schmal sind auch die Gehwege auf beiden Seiten der Straße. Zwei Erwachsene können hier kaum nebeneinander gehen.

1.500 Unterschriften

Vor einem Jahr hat die WOGE ZaNeLi Oberbürgermeisterin Sabine Becker 1.500 Unterschriften übergeben. Etwa 30 Anwohner aus der Zahnstraße, der Nellenbachstraße und dem Litscherweg brachten sie ins Rathaus. Eine persönliche Antwort der Oberbürgermeisterin haben die Bürger nie erhalten. Noch gut erinnern sich die Überlinger dafür aber an den Tag, als sich Sabine Becker während des OB-Wahlkampfes mit vielen von ihnen auf dem verlärmten Spielplatz direkt an der Zahnstraße traf. Weil sie wegen des Kraches nur schwer zu verstehen war, drängte sie damals zu einem Ortswechsel und lud die Anwohner zu einer Wahlkampfveranstaltung in die Pizzeria beim Krankenhaus ein, erzählt einer.

Entscheidung des Petitionsausschusses steht aus

Dass sie von der Stadt enttäuscht sind, sagen inzwischen eine ganze Reihe von  Bewohnern des reinen Wohngebiets. Manche hatten vor zwei Jahren große Hoffnung geschöpft und manche sagen es deshalb mittlerweile in einem sehr aggressiven Ton. Weil sie in Überlingen nicht recht weiter kamen, wandten sie sich auch noch an den Petitionsausschuss des Landtags. Noch wartet die WOGE ZaNeLi auf eine Entscheidung.

Wer Schuld hat an der Misere

Vielleicht wartet sie aber auch auf eine Erklärung der Stadt dazu, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass eine schmale Straße, die den Charakter einer Wohnstraße und keinesfalls den einer Hauptausfallstraße hat, in Überlingen zu einer Art „Stadtautobahn“ werden konnte. Die Stadt könnte zum Beispiel sagen, dass es lange klar war, dass das Dorf, die Aufkircher- und die Friedhofstraße, eines Tages vom Verkehr entlastet werden mussten. Sie könnte sagen, dass die Gehwege in der Aufkricher- und der Friedhofstraße genauso schmal sind wie die in der Zahnstraße und dass der Begegnungsverkehr durchs Aufkircher Tor schon lange kein Zustand mehr war. Vielleicht hätte die Oberbürgermeisterin einfach einmal klar stellen sollen, dass die Stadt – lange vor ihrem Amtsantritt – einen verhängnisvollen Fehler machte und einen kapitalen Bock geschossen hat, als sie eine autogerechte Entlastungsstraße plante und eine Wohnstraße baute.

Immissionsrichtwert nicht diskutabel

Die WOGE ZaNeLi hat sich – wie alle anderen Verkehrsinitiativen auch – dazu bereit erklärt, sich am „Moderierten Prozess für die Verkehrsentwicklung der Stadt Überlingen“ zu beteiligen. Die Bewohner des Wohngebiets in der Überlinger Nordweststadt hoffen auf insgesamt weniger Verkehr, auf ein Park-Leit-System, eine neue Beschilderung und eine Aufhebung der Einbahnregelung, die unnötige zusätzliche Fahrten verursacht. Und eine Bedingung haben die Bürger. „Wir verlangen, dass die gesetzlich zulässigen Immissionswerte eingehalten werden“, sagt Alexander Kuntz. Sie fordern nicht mehr und nicht weniger. Das aber wird nicht ganz leicht werden: In reinen Wohngebiete gelten auch in Überlingen und auch nach der Moderation des Verkehrsprozesses noch immer Immissionsrichtwerte von 50 dB am Tage – in der Zahnstraße aber wurden schon 68 dB gemessen.

Fotos: wak

2 Kommentare to “68 Dezibel sind zu viel Lärm im reinen Wohngebiet”

  1. loewe
    21. April 2010 at 20:11 #

    Dieses Verhalten der Überlinger-Stadtverwaltung erinnert mich an die „schwärzeste“ Zeit unserer Geschichte.
    Widerstandskämpfer im 3. Reich bekamen auch erst Anerkennung und Recht zugesprochen als der Krieg vorbei war. Zuvor galten solche Kämpfer als Verbrecher, die verfolgt und hingerichtet werden mussten. Unrecht wurde als gegeben hingenommen und somit zum Recht erklärt. Kann man nur hoffen, dass hier endlich der Petitionsausschuss einlenkt und die Verantwortlichen in Ihre Schranken weißt. Trägt nicht auch das Regierungspräsidium eine gewisse Verantwortung dazu? Wie kann es so etwas heutzutage in Deutschland überhaupt noch geben?

  2. sparring
    21. April 2010 at 22:53 #

    Hier mein Vorschlag für eine Spar-Zwischenlösung an die Stadt :

    Wahrheitsgemäße Umbenennung der Hauptausfallstraße (Stadt-autobahn) vom Friedhofkreisel zum Krankenhauskreisel in

    >> A f f e n z a h n – S t r a ß e << ! Damit jeder genau weiß, mit welcher Profi-Zielsetzung einige Leute aus Stadt und Rat dieser Verkehrsballung von rd. 7.000 Pkw in einem Reinen Wohngebiet zugestimmt haben. -- sparring --

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