Abschied von der nur autogerechten Stadt

Konstanz plant neuen Bahnhofplatz mit hoher Aufenthaltsqualität

Konstanz (wak) Die Stadt Konstanz plant einen neuen Bahnhofsplatz. Damit endet ein weiteres Kapitel einer ausschließlich autogerechten Stadt. Wie es geht haben Schweizer Städte mit ihren Shared Spaces und Ulm mit seiner neuen Mitte längst vorgemacht. Auch Konstanz wünscht sich nun einen Platz mit großstädtischer Atmosphäre und hoher Aufenthaltsqualität. Umbauen sollen den Platz der Züricher Landschaftsarchitekt Guido Hager und Alexandra Wicki vom Züricher Planungsbüro Stadt Raum Verkehr. Entstehen wird ein weitläufiger städtischer Platz, auf dem Fußgänger Vortritt haben und Busse und Autos nicht schneller als 20 Stundenkilometer fahren dürfen.

Eine Verkehrsfläche für alle

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in vielen Städten neue breite Straßen für den Autoverkehr gebaut. Die Verkehrsflächen wurden aufgeteilt und Fußgänger auf Gehwege an den Rand gedrängt. Doch die Städte litten immer mehr unter den Schneisen durch Wohn- und Einkaufsgegenden. Manche Städte bauten teure Tunnels und verbannten Autos in die Tiefe, andere disziplinierten den Verkehr mit Fußgängerampeln oder versuchten ihn zumindest in Fußgängerzonen ganz auszusperren. Ein anderer Weg sind Begegnungszonen, in denen sich Autofahrer, Busse, Taxis, Fußgänger und Fahrradfahrer eine einzige Verkehrsfläche teilen. Erlaubt ist in solchen Zonen, wie sie vor dem Konstanzer Bahnhof entstehen soll, höchstens Tempo 20.

Die Stadt zum See

Die Züricher Planer Hager und Wicki, nehmen den Konstanzer Slogan „Stadt zum See“ wörtlich und öffnen in ihrem Entwurf „Die Stadt zum See“. Der neue Bahnhofsplatz wird die Altstadt mit dem See verbinden. Der Platz würde in Zukunft ein neues Tor zum See. Der gesamte Bahnhofsplatz soll eine Oberfläche mit einheitlichen Belag erhalten. Fußläufige Beziehungen stünden im Mittelpunkt. Das Fugenbild liefe quer über den Platz und würde die platzbildprägenden Gebäudefassaden verbinden. Der eigentliche 6,8 Meter breite Fahrbereich könnte sich optisch vom restlichen Platz abheben. Ein Blindenleitsystem wäre in die Oberfläche integriert, so dass sich auch Sehbehinderte und Mobilitätseingeschränkte sicher in der neuen Begegnungszone bewegen könnten.

Den See in die Stadt holen

Die Züricher Planer möchten ein Stück Uferlandschaft und Parkatmosphäre auf den neuen Bahnhofsplatzziehen und mit einer Allee aus hochastigen Platanen einen visuellen Bezug zum See herstellen. Sitzbänke aus Holz sollen im Schatten von Platanenschirmen zum Sitzen einladen. Wasser spielt beim Entwurf der Züricher eine untergeordnete Rolle, als Anspielung auf den See möchten sie auf dem Platz aber nicht ganz auf das Element verzichten. Ein Merkmal, das den Entwurf entscheidend von dem anderer Büros abhebt, ist die Einbeziehung der Markstättenunterführung und des Fischmarkts. Die Marktstättenunterführung, die wichtigste Verbindung zwischen Altstadt und See, würde neu zum Bahnhofshofsplatz hin geöffnet, wo eine Treppe mit breiten Stufen zum Sitzen entstünde. Die neue Gestaltung würde der Unterführung ihre schmuddelige Enge und ihren Schlundcharakter nehmen.

Tempo 20 am Fischmarkt

In Richtung Bodanstraße würde ein imaginärer Weg über den Platz auf die neue Bahnhofsbrücke zuführen. Der Platz vor dem Lago würde durch eine klare Trennung vom neuen Bahnhofsplatz noch einmal aufgewertet. Busse sollten von der Bodanstraße bevorrechtigt in die Begegnungszone einfahren dürfen. Für den Bereich des Fischmarktes schlagen die Planer eine nur noch weiche Trennung zwischen Fahr- und Gehbereichen vor. Der nichtmotorisierte Verkehr würde Raum gewinnen und Autos müssten sich auch am Fischmarkt an Tempo 20 halten.

Züricher Bürogemeinschaft soll Auftrag bekommen

Die Stadt wählte ein Bewerbungsverfahren unter Landschaftsarchitekten sowie Stadt- und Verkehrsplanern. 50 Bürogemeinschaften bewarben sich. Der Ausschuss soll nun entscheiden, welche Bürogemeinschaft mit der Entwurfsplanung beauftragt werden wird. Die Verwaltung schlägt nun die Bürogemeinschaft Hager/Wicki vor. Zudem informiert die Verwaltung bei der Sitzung des Technischen Ausschusses am Donnerstag, 11. März, ab 16 Uhr auch über die Ergebnisse der bisherigen Öffentlichkeitsbeteiligung und über weitere Beteiligungsschritte. Bei einer Begegnungszone planen die Bürger aber – anders als bei Shared Spaces – nicht aktiv mit. Geplant ist aber ein Workshop mit mobilitätseingeschränkten Personen.

Foto: wak

http://www.competitionline.de/hager-la-ag/

http://www.stadtraumverkehr.ch/map.php

Ein Kommentar to “Abschied von der nur autogerechten Stadt”

  1. Fenedig
    11. März 2010 at 13:01 #

    Der Nachbar Kreuzlingen ist bereits dabei, seine breite Hauptstrasse im Stadtzentrum zwischen dem Löwenplatz im Süden und dem Helvetiaplatz im Norden als „Grünen Boulevard“ nach den gleichen Vorstellungen zu bauen. Der (internationale) Trend greift also nicht nur auf grössere Städte über. Der Konstanzer Bahnhofsplatz hat in seiner jetzigen Ausprägung keinen Bestand. Seine Neuinterpretation kann jedoch nur ein Teil der notwendigen neuen Verkehrsplanung rund um die Innenstadt sein, die im Individualverkehr mehr peripheren Charakter (Döbele-Laube-Rheinbrücke) bekommen sollte, gleichzeitig dem Busverkehr rundum Priorität einzuräumen hätte.

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