Alt-OB Bruno Helmle auch kein Ehren-Senator der Uni Konstanz mehr

Helmle hatte Öffentlichkeit bis zu seinem Tod getäuscht – Wissenschaftliches Gutachten nach Zufallsfund

Bruno HelmleKonstanz. Die Schmach ist noch größer. Am Mittwoch hat der Senat der Uni Konstanz beschlossen, dass der Konstanzer Ex-OB Bruno Helmle kein Ehrensenator mehr sein darf. Die Stadt Konstanz hatte dem 1996 verstorbenen CDU-Politiker bereits Anfang Mai die Ehrenbürgerschaft formal aberkannt. Der Grund sind die Verstrickung Helmles in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Bis zu seinem Tod 1996 hatte Helmle die Öffentlichkeit getäuscht.

Helmle vom Campus gejagt

Helmle hat, wie ein wissenschaftliches Gutachten ergeben hat, in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft jüdisches Eigentum in seinen Besitz gebracht und seine Vita nach dem Ende des Nazi-Regimes geschönt. Diese neuen Erkenntnisse über das Verhalten Helmles hat nun auch die Universität zum Handeln veranlasst.

Zufallsfund löste Kettenreaktion aus

Helmle war von 1959 bis 1980 Oberbürgermeister in Konstanz. Die Verstrickungen in der Nazizeit waren durch Zufall entdeckt worden: Der Konstanzer Stadtarchivar Jürgen Klöckler stieß bei Recherchen für seine Habilitationsschrift auf Unstimmigkeiten in Helmles Biografie. Noch in seinen Erinnerungen und Gedanken eines Oberbürgermeisters, die Helmle veröffentlichte, nachdem er nicht mehr Oberbürgermeister war, hat der frühere OB die Öffentlichkeit getäuscht und über seine berufliche Laufbahn nicht die Wahrheit gesagt.

Ein Kommentar to “Alt-OB Bruno Helmle auch kein Ehren-Senator der Uni Konstanz mehr”

  1. dk
    9. Juni 2012 at 22:25 #

    Da noch die Entscheidungen über Strassennamen in KN ansteht und es sich dabei überwiegend um preuss. Militärs handelt, könnte folgende Infoa zu einer TV-Sendung als Einführung ins Thema hilfreich sein.

    Ferner dürfte Wikipedia ein gut lesbarer und übersichtlicher Einstieg in historische Themen sein: z.B.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistische_Deutsche_Arbeiterpartei

    Ehrlich gesagt: mir erscheint die Mentalität „für Gott und Vaterland“ der Generationen des neu gegründeten Kaiserreichs im 19. Jh. über die Weimarer Republik bis zum NS-Führerstaat fast genauso fremd und seltsam wie die Vorstellungen von gegenwärtigen Politkern und Medienleuten, die meinen, globalisierte Leute im HartzIV-Zeitalter streben andauernd nach „Ehre“ oder befinden sich auf der Suche nach „Vorbildern“ und verbringen ihre Freizeit mit der „Verehrung von vorgegebenen Persönlichkeiten“. Zumindest ich habe mir gestern günstigst eine Yoga-Matte mit ein paar dünnen Büchlein dazu angeschafft, um seelisch gelassener und muskulär beweglicher zu werden.

    Persönlich bin ich der Meinung, dass die Namen geändert werden sollten (durch unproblematische badische Grossherzöge?), wobei eine „Ehrung“ in früheren Zeiten nicht in ein „Tribunal“ ausarten sollte. Eine etwas diplomatischere Begründung als eine Anklage und Verurteilung könnte sein, dass „Preussen“ spätestens ab 1945 Vergangenheit ist und dank EU und Nato keine militärischen Vorbilder für ein „globalisiertes Vaterland“ benötigt werden. Den vielen ausländischen Studenten und Fachkräften dürfte KN dadurch etwas moderner erscheinen. Genauso spannend dürfte sein, wie die Stadt mit dem Thema „Konzil-Jubiläum und Papst“ umgeht.

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    Damals in Ostpreußen — NDR vom 9.6.2012 – 20.15-21.45 Uhr

    Das alte Ostpreußen, das sind grandiose Landschaften und Ostseestrände, Trakehner Pferde und der sinnbildliche Elch. Die Menschen im Deutschen Reich kennen die Region als Sommerfrische. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem ‚Seedienst‘ ans Frische Haff oder an die Kurische Nehrung. Und die Politik verklärt Ostpreußen zum Bollwerk, zum Vorposten des Deutschen Reiches im Osten. Ostpreußen ist seit dem Versailler Vertrag durch den so genannten polnischen Korridor vom Reich getrennt. Das schürt Ressentiments gegen den polnischen Nachbarn. Ostpreußen – ein Land der Gegensätze. Ein Agrarland, das für die meisten nur ein karges Dasein bieten kann. Daran ändern auch finanzielle Strukturhilfen der Weimarer Republik nichts, zumal sich Bauernfunktionäre die Gelder in die eigene Tasche stecken. Die Kleinbauern gehen oft leer aus. Ganz anders lebt der ostpreußische Adel. Nirgendwo sind die Gutshöfe prächtiger, die Ländereien weitläufiger und der Standesdünkel ausgeprägter. ‚Ich lebte in einer fest gefügten Welt, ich kannte es nicht anders‘, erinnert sich Hans Graf zu Dohna, Spross eines der ältesten Adelsgeschlechter in Ostpreußen. Ein Stück Toleranz lebt aber noch: die masurische Sprache, der polnischen sehr ähnlich, wird gepflegt, Königsberg ist immer noch ein geistiges Zentrum. Doch die Menschen wenden sich einem neuen ‚Propheten‘ zu: Adolf Hitler. Die Nationalsozialisten versprechen die ’nationale Auferstehung‘, schüren den Frust über die Demokratie. Mit Erfolg: Bei den Wahlen 1932 ist Ostpreußen eine Hochburg der NSDAP. Der Nationalsozialismus nimmt Ostpreußen im Sturm ein. Die verarmten Bauern versprechen sich Hilfe. Aber auch der Adel schlägt sich in der Mehrheit auf die Seite von Adolf Hitler. Ostpreußen gerät in den Sog von Terror und Krieg. 1938 brennt die Königsberger Synagoge. Regimegegner werden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. In Ostpreußen herrscht Gauleiter Erich Koch – ein ‚Hitler im Provinzformat‘. Er verkündet feierlich den ‚Ostpreußenplan‘, lässt Straßen bauen und sogar ein Stück Autobahn erreicht die ferne Provinz. Ein eigener Gauleiter-Kult entsteht. Sommer 1939. Die Provinz wird zum Aufmarschgebiet für den Polenfeldzug. Nach dem Angriff verschwindet der ‚Korridor‘. Größere Teile Polens werden Ostpreußen zugeschlagen. Eine Million Polen, darunter viele Juden, kommen unter die Zwangsherrschaft des ostpreußischen Gauleiters. Unter ihnen Genia, eine junge Zwangsarbeiterin aus Polen, die bei Familie Donder in der Landwirtschaft hilft. Günther Donder erinnert sich, dass Genia eines Tages in Tränen aufgelöst aus dem Dorf zurückkam. Jemand hatte ihr ins Gesicht geschlagen, weil sie kein ‚P‘ getragen habe, das Kennzeichen für polnische Zwangsarbeiter. Genia wird später in eine der Munitionsfabriken des Reiches deportiert, wo sie bis Kriegsende schuftet. Von der Wolfsschanze bei Rastenburg aus plant Hitler auch seinen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Mit der militärischen Wende im Osten wächst die Gefahr für die Zivilbevölkerung in Ostpreußen. ‚Wir waren jung und wollten unser Leben genießen. Tanz auf dem Vulkan, das Gefühl hatte man. Doch dann sahen wir die ersten Flüchtlingszüge. Wir haben uns nur in die Augen geblickt: Was wird noch kommen?‘ Gisela Hannig erlebt so den Sommer 1944. Die Rote Armee steht an den Grenzen. Doch ‚Ostpreußen ist sicher‘, tönt die NS-Propaganda. Im August wird Theo Nicolai mit anderen Königsberger Hitlerjungen zu militärisch sinnlosen Schanzarbeiten an den so genannten ‚Erich-Koch-Wall‘ abkommandiert. Ende August dringen die ersten Nachrichten von der Bombardierung Königsbergs durch, für Theo Nicolai bricht eine Welt zusammen: Sein Elternhaus ist völlig zerstört. Die Legende vom ’sicheren Ostpreußen‘ bricht in sich zusammen. Es folgt die größte Massenflucht der Geschichte. Mitte Januar beginnt die Rote Armee ihre Offensive. Mehr als 1,5 Millionen Soldaten überrollen das Land. Die Menschen fliehen in Panik an die Ostsee, in verstopfte Häfen und auf überfüllte Schiffe. Von 2,5 Millionen Ostpreußen sind zwei Millionen auf der Flucht. Hunderttausende sterben dabei im Eis, im Geschützhagel, im Tieffliegerfeuer. Wer lebend zurückbleibt, muss sich einem neuen Überlebenskampf stellen. Irmgard Schneiderat wird auf der Flucht eingeholt und von Soldaten vergewaltigt. Andere Frauen helfen ihr und schneiden ihr die Zöpfe ab. Von da an war sie ein ‚Junge‘.Die folgenden Jahre überlebt sie nur dank ihrer Tarnung: Im Dienste der sowjetischen Besatzer schlägt sie sich auf einer Sowchos als Kutscherjunge durch. Schon 1945 wird der Untergang des alten Ostpreußens offiziell besiegelt. Das Land wird aufgeteilt. Den Norden nehmen sich die Sowjets. Das alte Königsberg heißt nun Kaliningrad, nach Stalins Weggefährten. Die Stadt, Vorposten der Sowjetunion im Westen, wird zur sozialistischen Mustersiedlung umgebaut: Die Ruine der einstigen preußischen Metropole weicht gewaltigen Plattenbausiedlungen. Der südliche Teil Ostpreußens wird polnisch. Neusiedler, darunter Vertriebene aus Polens Osten, den sich Stalin einverleibt hat, suchen hier eine neue Heimat. Für die Deutschen ist kein Platz mehr. Nur ganz wenige bleiben trotzdem. Der junge Masure Erich Neumann ist allein in seinem Dorf Pustnik zurückgeblieben, seit 1945 die Mutter geflohen ist und der Vater von den Russen abgeholt wurde. Erich Neumann lebt noch heute in seinem Elternhaus. ‚Das ist meine Heimat. Ich bin hier geboren und zur Schule gegangen, habe eine deutsche Schule besucht und eine polnische. Eingesegnet wurde ich und geheiratet hab ich. Und deswegen muss ich hier begraben werden. In Masuren.‘ (Senderinfo)

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