Ältere Menschen aus Konstanz unterwegs ins Internet?

Nachgefragt beim Konstanzer Kreisverband der Piratenpartei und der Piraten-Akademie

Konstanz (wak) Die Piraten-Akademie bietet zusammen mit der AWO einen Kurs für Interneteinsteiger an. Ältere Menschen, die bisher noch nicht im World Wide Web unterwegs sind, sind eingeladen und können sich coachen lassen. Ähnliche Kurse hat es zum Beispiel schon an einem Wirtschaftsgymnasium in Überlingen gegeben. Die Wartelisten waren so lange, dass die Kurse sehr schnell ausgebucht waren. Wir fragten bei der Piratenakademie, genauer beim Kreisvorsitzenden der Piratenpartei im Kreis Konstanz, Roland Baldenhofer, einmal nach.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, älteren Menschen eine kostenlose Einführung ins Internet zu geben?

Ein Kernthema bei uns Piraten ist, dass jeder Mensch freien Zugang zu Wissen haben soll. Sehr viel Wissen ist im Internet für alle zugänglich. Leider haben immer noch viele ältere Menschen keinen Zugang zu den aktuell verfügbaren Medien und können diese nicht nutzen. Das ist sehr schade.Denn mit Hilfe der modernen Medien können sie sich mit Freunden, Familienangehörigen und Bekannten unterhalten, die an völlig anderen Orten der Welt wohnen. Sie können sich über alle möglichen Themen informieren, ohne aus dem Haus gehen zu müssen. Die Welt ist dank dem Internet zu einem kleinen Dorf geworden. Wir wollen, dass so viele Menschen wie möglich in dieses Dorf einziehen, sich wohlfühlen und das Dorf mit uns gestalten. Wir wissen wie mit dem Internet umzugehen ist. Dieses Wissen wollen wir weitergeben und Anderen damit eine Freude machen.

Wann soll es mit dem Kurs für die ältere Generation denn losgehen?

Wir werden am Samstagvormittag, 21. August, in den Räumen der AWO im Treffpunkt-Chérisy starten. Wir orientieren uns an dem vorhandenem Kenntnisstand der Teilnehmer. Denn das Thema Internet ist sehr weiträumig und vielfältig. Daher können wir jetzt noch nicht absehen wo die gemeinsame Reise hingehen wird.

Wie niederschwellig ist denn das Angebot? Was müssen Teilnehmer denn schon können – außer vielleicht den Rechner hochfahren?

Das Angebot orientiert sich an den Bedürfnissen der Teilnehmer. Wir werden über Social Network, E-Mail Sicherheit, das Suchen von Freunden und Informationen, Online Banking, Sicherheit ganz allegemein und Wikipedia sprechen. Aber keine Angst, so kompliziert wie es klingt, ist es nicht. Wir werden das unseren Kursteilnehmern verständlich erläutern.

Sollen Kursteilnehmer Ihr Laptop mitbringen, sofern sie ein eigenes besitzen?

Das wäre super! Aber auch ohne eigenen PC können die Teilnehmer am Kurs aktiv teilnehmen. Es stehen mehrere Rechner zur Verfügung.

Das Wort Piraten-Akademie haben wir in der vergangenen Woche zum ersten Mal gehört. Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet die Piraten ihr Wissen mit anderen teilen wollen?

Nein, es gibt viele Gruppen die ihr Wissen mit anderen teilen wollen. In der Internetgemeinde ist es selbstverständlich, dass jeder sein Wissen mitteilt. Wissen, das nur wenige oder nur einzelne Menschen haben, ist in meinen Augen vergeudetes Wissen. Außerdem macht es sehr viel Spaß miteinander an Projekten zu arbeiten. Bei der Piraten-Akademie handelt es sich um ein Vorhaben von Piraten für die Bürger.

Gefühlt verbringen Ältere weniger Zeit als Junge im Internet. Kann eigentlich noch jeder lernen, im World Wide Web zu surfen, E-Mails zu schreiben und online einzukaufen?

Ich behaupte ja. Die heutigen technischen Mittel sind relativ einfach zu bedienen. Besonders für ältere Menschen – auch mit körperlichen Gebrechen – gibt es Möglichkeiten, das Internet zu nutzen. Man muss nur ein paar Grundlagen erlernen, ein paar Verhaltensregeln sich aneignen und der Rest kommt von selbst. Es ist wie bei einer Reise: Man beginnt sie und lernt währenddessen immer neue Dinge hinzu.

Bei einer Reportage über einen Kurs an der Constantin-Vanotti-Schule in Überlingen sagte einer der älteren Kursteilnehmer, er wolle lieber kein Online-Banking machen. Er hatte keine Sicherheitsbedenken, sondern erzählte, er brauche jeden Tag ein bisschen Ansprache, die er zum Beispiel in seiner Bankfiliale bekomme. Glauben Sie, dass sich auch ältere Menschen noch für soziale Netzwerke begeistern können und im Internet weniger allein sind?

Davon bin ich überzeugt. Das Internet wird das persönliche Gespräch nicht ersetzen. Ich bin der Meinung, dass dies auch gar nicht das Ziel sein kann. Mit den sozialen Netzwerken können sich die Teilnehmer untereinander verbinden, miteinander zu jeder Tages- und Nachtzeit diskutieren und virtuelle und physische Treffen miteinander vereinbaren. Wir Piraten koordinieren die meisten Aktionen und Diskussionen mit den Mitteln des Internets. Wir organisieren jedoch auch regelmäßige Treffen, bei denen wir uns irgendwo für ein paar Stunden oder gar Tage verabreden und zusammenkommen. Mit dem Internet sind wir in der Lage immer auch darüber auf dem Laufenden zu sein, was einige hundert Kilometer weiter weg zur Zeit geschieht. Es hilft uns, unseren Horizont zu erweitern. Genau dies, behaupte ich, ist auch für ältere Menschen möglich und erstrebenswert.

Was glauben Sie, interessiert die Kursteilnehmer am meisten?

Wie kann ich die globale Bibliothek nutzen? Wo finde ich meine Freunde und Bekannte wieder? Wie halte ich Kontakt zu meiner Familie und Enkeln, die Hunderte Kilometer entfernt wohnen und arbeiten? Dann der Schutz der Privatsphäre: Sie erwähnten Online-Banking. Hier ist es wichtig zu wissen, wie man mit seinen Passwörtern umgeht, was überhaupt ein Passwort ist und wie es beschaffen sein sollte, wem kann ich trauen und wem nicht. Dann schätze ich noch, dass einige Teilnehmer wissen wollen, ob es überhaupt Geräte gibt mit denen sie umgehen können. Auch da können wir sie beraten – wir könnten sogar Kaufempfehlungen aussprechen.

Wer wird die Einsteiger im Treffpunkt Chérisy denn „unterrichten“?

Es werden von den Konstanzer Piraten einige Teilnehmer dabei sein. Vielleicht können wir auch noch Menschen von anderen Parteien oder Gruppen begeistern, bei diesem Projekt mitzumachen. Zuerst wird jedoch unser Team, mit dem wir hier in der Konstanzer Umgebung aktiv sind, die Kurse anbieten.

Wie nutzen Sie persönlich privat das Internet?

Für meine Kommunikation mit meinen Freunden und Bekannten. Ich nutze das Internet für Online-Banking, Weiterbildung, Reisen buchen, den Einkauf oder einfach mal um Videos zu schauen.

Wie viel Zeit verbringen Sie im Netz?

Da ich auch noch beruflich viel mit dem Internet zu tun habe, verbringe bis zu 30 Stunden die Woche im Internet.

Könnten Sie sich ein Leben ohne World Wide Web noch vorstellen?

Auch wenn Sie es nicht glauben, ich kann wirklich ohne das World Wide Web leben. Im Urlaub sitze ich am liebsten auf mein Fahrrad, nehme mein Zelt mit und lasse das Telefon und den Rechner zuhause. Meine E-Mails warten auf mich, wie normale Briefe. Ich kann gut ohne das Internet leben. Wenn ich jedoch die Möglichkeit habe, die Internetdienste zu nutzen, dann genieße ich dies.

Roland Baldenhofer ist der Vorsitzende des Kreisverbandes Konstanz der Piratenpartei. Er ist 40 Jahre alt, von Beruf Diplom Informatiker (FH) und wohnt in Konstanz. Die Fragen stellte Waltraud Kässer.

Mehr Infos gibt es bei der Piratenakademie und bei See-Online.

Foto: siepmannH PIXELIO www.pixelio.de

2 Kommentare to “Ältere Menschen aus Konstanz unterwegs ins Internet?”

  1. Fenedig
    14. August 2010 at 14:47 #

    In jeder halbwegs aufgestellten Volkshochschule – auch anderswo – können schon seit vielen Jahren Senioren-Internetkurse belegt werden. Und „Freier Zugang zu Wissen“ ist in westlichen Ländern schon längst politischer Standard. Wenn sich nun auch „Piraten“ tüchtig einklinken, kann das nur recht sein, zumal die Gemeinnützigkeit im Vordergrund zu stehen scheint und nicht explizit die Partei, werden doch auch „Menschen von anderen Parteien oder Gruppen“ angesprochen, am Projekt mitzuarbeiten. Die „Ältere Generation“ möchte wirklich nur das www kennen lernen und damit so erfolgreich sein wie ihre Enkel – dies zumindest in Teilgebieten!

  2. dk
    15. August 2010 at 10:14 #

    @ Ältere Menschen aus Konstanz unterwegs ins Internet?

    Wenn man die Ajax-Technologie als Voraussetzung des heutigen Web (2.0) ansieht, dürften sich viele Kursbesucher sehr viel jünger fühlen:
    Der Begriff Ajax wurde erst 2005 eingeführt; seit 1995 gab es diverse Vorversuche und -Entwicklungen.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Ajax_%28programming%29

    Fazit:
    das Web2.0 mit seinen verschiedensten Ausprägungen (Socialmedia, SocialNetworking usw.) hat sich erst in den letzten 5 Jahren entwickelt und versucht technisch, dem Anwender einen „Desktop im Internet“ vorzutäuschen.

    Der ursprüngliche Marketing-Inhalt von Web2.0 wird (wurde) in Teilen der Welt teilweise „wegreguliert“.

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