Anton Simons über länger werdende Schwänze

„Journalismus 2.0“ Pflichtlektüre für Blogger und Journalisten

Konstanz. Der Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit im Web 2.0 nötigt Menschen, sich gelegentlich drastisch auszudrücken. Um Missverständnisse zu vermeiden. Es geht hier (leider) nicht etwa um „lange Schwänze“ in Zusammenhang mit Sex (Bestseller), sondern um ein Buch das spannend und sexy ist. Anton Simons in der Konstanzer UVK Verlagsgesellschaft erschienener „Journalismus 2.0“ wird vielleicht kein Bestseller so wie Jeff Jarvis „Was würde Google tun?“, weil der Autor nicht ganz so berühmt ist. Aber er ist Pflichtlektüre für alle, die mit Journalismus, Blogs und Kommunikation zu tun haben. Im „Journalismus 2.0“ geht es auch um das Zersplittern von Information, um Mainstream, den die traditionellen Medien besetzen, und Nischen, in den sich Blogs ausbreiten. Es geht um Bestseller und um „The Long Tail“, das lange Ende, eben.

Von Schwarmintelligenz und Qualitätsjournalismus

Simons beschreibt wie das Web 2.0 die Welt der Medien auf den Kopf stellt. Er spricht von der „größten Medienrevolution“ seit Erfindung des Buchdrucks, und wahrscheinlich hat er sogar Recht. Der Autor redet von „Schwarmintelligenz“, der Weisheit der Vielen, Interaktivität, und er nennt, was seiner Meinung nach Voraussetzung für den Erfolg von Start-ups im „Long Tail“ des Journalismus, also zum Beispiel auch von Regionalblogs, ist: Hohe Qualität, niedrige Kosten durch Open-Source-Software und hohe Arbeitseffizienz. Simons zitiert BILD-Blogger Stefan Niggemeier, der schrieb: „je mehr die Verlage die Honorare und Qualitätsansprüche senken, umso größer wird der Anreiz, es auf eigene Faust zu versuchen – und die Wahrscheinlichkeit, dass es sogar gelingt“.Simons hat mehr als 200 Seiten mit Text gefüllt. Ganze zwei Seiten widmet er dem „Qualitätsjournalismus“. Auch er hat (noch) keine Antwort auf die Frage: Wird der Qualitätsjournalismus zum „Opfer der Medienrevolution“ oder steht er vor einer „glänzenden Zukunft im Netz“?

Waghalsige Schlussfolgerungen

Eine Botschaft Simons heißt: Werbekunden verlagern ihre Budgets ins Netz, wodurch es im Online-Bereich erhebliche Zuwächse gibt. Die nächste Feststellung: Der größte Teil der Ausgaben für Onlinewerbung lande bei Google. Die Folge: Qualitätsjournalismus und journalistische Arbeitsplätze in den klassischen Medienunternehmen geraten in Gefahr. Die gute Nachricht aber heißt laut Simons: Das Web 2.0 eröffne kleinen, innovativen und agilen Medienunternehmen sowie freien Journalisten mir ihren Blogs „ungeahnte Chancen“. So sagt es Anton Simons. Der Beweis hierfür wäre aber erst noch zu erbringen.

Trend weg von Zeitungsdesign hin zum Blog

Nützlich sind Simons Erklärungen. „Blog“ kommt von „Web“ und „Log“, „Trackbacks“ sind automatische Benachrichtigungsdienste und informieren, wenn ein Blog sich auf einen Beitrag eines anderen Blogs bezieht, „Permalinks“ sind dafür zuständig, dass Inhalte auffindbar bleiben, „Feed“ kommt von Füttern und eine „Tag-Cloud“ ist die Alternative zu einem hierarchischen Ordnungssystem. Simon berichtet, dass Desinger herkömmlicher Zeitungswebsites sich früher darum bemüht hätten, die „Optik der Papierzeitung“ nachzubilden. Das sei aber Schnee von gestern: Inzwischen orientierten sich die Designer eher am Aufbau von Blogs, in denen die neueste Nachricht oben steht.

Praktischer Journalismus und Zukunftsträume

Erschienen ist Simons Buch übrigens in der Reihe „Praktischer Journalismus“ des UVK Verlags. Praktisch umsetzen lässt sich – außerhalb der USA – aber nicht alles, was er beschreibt. Blogs seien in den USA auf dem besten Weg, den lokalen Anzeigenmarkt „von unten aufzurollen“. Weblogs und auch Mikroblogging hätten das Monopol der Journalisten und Verlage gebrochen. Klar lassen sich via Twitter „Breaking News“ verbreiten, und Blogs liefern Nachrichten manchmal schneller aus als das Radio oder Fernsehen oder die behäbige Zeitung. Geld verdient – und der regionale Anzeigenmarkt von unten aufgerollt – ist damit aber noch lange nicht. Das Thema, dass Bäcker und Metzger vor Ort „preisgünstig und mit minimalen Streuverlusten“ werben könnten, ist ein weites Feld.

Verlängerung des Schwanzes

Simons schreibt den schönen Satz: „Die Grenzen zwischen Print, Online und Mobile lösen sich zunehmend auf; und die Inhalte emanzipieren sich gegenüber ihren Trägern.“ Monomediale Medien wie Zeitung oder Rundfunk verlieren demnach immer mehr an Reichweite und Bedeutung. Mit den „klassischen Ritualen der Mediennutzung“ sei Schluss. Die Nachfrage nach Mainstream sinke, die größere Auswahl verlängere die „Länge des Schwanzes“. Alles ändert sich. Es geht um „nutzergenerierte Inhalte“, „virales Marketing“ und „Content-Management-Systeme“. Aufmerksamkeit und Anerkennung seien in der Onlinewelt genauso knappe Güter wie in der realen. Neu sei, dass der Weg an die Öffentlichkeit nun nicht mehr durch das „Nadelöhr“ der Redaktionen führe. Der Autor zitiert Sascha Lobo: „Jetzt wird im Internet hochgespült, was ausreichend viele Menschen für interessant halten“. Exklusive und qualitativ hochwertige Inhalte, die die Menschen bewegen, haben die besten Chancen. „Aktualität“ und „Nähe“ seien entscheidend. Pressemitteilungen, die als eigene Erzeugnisse publiziert werden, sind out. Schluss sei es auch mit der Gewohnheit, Fehler „klammheimlich zu korrigieren“. Hinweise auf Nachrichten beziehen vor allem Jüngere via Facebook und Twitter heute von Freunden und Bekannten. Simon schreibt, Werbeagenturen nutzten Kundenideen und Produkte würden halbfertig ins Internet gestellt.

Einführung in den „Journalismus 2.0“

Fazit: Wer verstehen will, wie Kommunikation in Zeitalter des Web 2.0 funktioniert, sollte Anton Simons „Journalismus 2.0“ lesen. Das Buch liefert einen guten Überblick über den aktuellen Stand des Journalismus, wobei Blogs und Wikis dazu gerechnet werden. Simons Text ist eine Art Einführung oder Handbuch. Wer mehr verstehen möchte, darf sich nicht der Illusion hingeben, damit für alle Zeit auf dem Laufenden zu sein. Das Tempo im Web 2.0 ist hoch, und Veränderungen passieren schnell. Manche Dienste, die Simons noch erwähnt, gibt es schon gar nicht mehr oder der Link ist falsch. Wer auf auf dem Laufenden bleiben möchte, sollte sich am besten bei Twitter ein paar interessante Leute suchen, ihnen folgen und sie lesen.

Grafik: Thorben Wengert PIXELO www.pixelio.de

Ein Kommentar to “Anton Simons über länger werdende Schwänze”

  1. dk
    9. Januar 2011 at 01:12 #

    Der Begriff Web2.0 soll zuerst nur ein Verknüpfung von Techniken ausgedrückt haben, um sehr komfortable Websites zu erstellen und die Bedeutung des Internet als Massenmedium sprunghaft erhöht haben, woraus dann die Vermarktung des Internets geworden ist.

    Man ist eigentlich ungebunden, die Wege und Verfahren dieser neuen Möglichkeiten selbst kreativ zu entdecken: neue Wege mit alten Wegen zu verknüpfen oder eigene Konzepte aus verschiedenen Bereichen zu entwickeln.

    Bei meinem BWL-Studium Controlling/Rechnungswesen wurden nicht nur die Grundbegriffe erwähnt, sondern auch die Vielzahl von Kostenrechnungs-Systemen (weltweit, also Japan, Europa, USA), wobei Vor- und Nachteile diskutiert worden sind, Verwendungszwecke und Probleme.

    Wichtig dabei ist immer der Zweck und die Zielsetzung, wozu dann auch Mischformen bzw. Parallel-Rechnungen nötig sind: flexibel anpassbar an Rahmenbedingungen und auch wirtschaftlich vertretbar.

    Ausgerechnet ein Ost-Professor hatte diese Einsichten (auch den Besser-Wessis) vermittelt, der seine letzten (10?) Jahre vor der Rente an einer Hochschule lehren durfte: es galt daher, auch Lehrwerke kritisch zu hinterfragen und einzuordnen, Ansätze gedanklich weiter zu entwickeln und die „Freiheit der Lehre“ als Aufforderung zu verstehen, bei allem Spezialwissen keine „Betriebs-Blindheit“ aufkommen zu lassen. Ziel: die bestmögliche und wirtschaftlich machbare Lösung.
    Nicht-demokratische Systeme scheinen die Distanz zum Mainstream viel stärker gefördert zu haben bzw. wenigstens die eigene Initiative und Kreativität in verantwortlicher Position (jenseits des Hilfsarbeiters) stark gefördert zu haben.

    Demzufolge kann jeder gemäss seinen eigenen Verhältnisse und Möglichkeiten die „Potentiale des neuen Internets“ nutzbar machen.

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