Auf einen Espresso mit „Echte Demokratie Jetzt“ in Konstanz

Zwei Konstanzer stellten die rEvolution 3.0 ins Web – 26.000 Seitenaufrufe in einem Monat

Konstanz. In Spanien hat eine Bewegung ihren Ausgang genommen, die deutsche Mainstream-Medien erst spät beachtet haben. Mittlerweile fragen die Zeitungen aber, ob auf den arabischen Frühling vielleicht der europäische Sommer folgt. Der „Protest der Empörten“ ist so anders als straff organisierte Proteste früherer Zeiten. Das sagen auch Thomas Stelling (44) und Ulrich Riebe (34). Sie haben die Website „Echte Demokratie Jetzt“ ins Netz gestellt. 26.000 Mal ist sie, seit die Revolution am 15. Mai ihren Anfang nahm und die Seite wenige Tage später online war, aufgerufen worden. Statt um rechts oder links geht es jenseits von Parteien und alten Wahrheiten den Empörten um den common sense, um das Gemeinwohl.

Bürgerversammlung im Konstanzer Stadtgarten

Die #spanishrevolution ist eine Bewegung, die nicht nur Spanien verändern könnte. Thomas Stelling, Coach und Kommunikationstrainer, und Ulrich Riebe, Web 2.0 Consultant, haben vor einem Monat ihre Website gelauncht, mit der sie aufklären möchten. 26.000 Mal ist die Site aufgerufen worden. Das ist eine Menge. 30 Prozent der Besucher kamen direkt, 25 Prozent über Google und 20 Prozent über Facebook. Die beiden Konstanzer schwärmen von einer neuen Gesprächskultur. Die Gebärdensprache der Spanier hat sie beeindruckt. Am Sonntag möchten sie um 16 Uhr zu einer Bürgerversammlung in den Konstanzer Stadtgarten einladen. Leute sollen zusammen kommen und miteinander reden. Alle sind eingeladen, sich zu beteiligen. Eine Genehmigung brauche es dafür nicht, hat ihnen das Bürgeramt der Stadt Konstanz gesagt.

Zwei Konstanzer spüren Wind der Veränderung

Thomas Stelling und Ulrich Riebe sind Andersdenker. Parteipolitisch waren sie noch nie engagiert. Sie kennen sich auch aus der Co-Working-Gruppe, die sich einmal wöchentlich im „Dom“-Café in der Niederburg trifft. Hier gibt es sogar WLAN. Beide möchten im Schatten sitzen und haben ihr Notebook auf den Knien. Am 15. Mai begann die Revolution in Spanien. Daher hat sie ihren Namen „15M“. Am 17. Mai entdeckten die Konstanzer das erste Video auf Youtube. Vielleicht war das Video die Initialzündung. Die beiden hatten das Gefühl, etwas tun zu wollen.

Yes we camp

Sie reservierten die Domain „Echte Demokratie Jetzt“ (i Democracia Real Ya!) und recherchierten, was in Spanien passiert ist. Während Ulrich Riebe die Seite auf Word Press Basis baute, kümmerte sich Thomas Stelling um die Inhalte. Sie benötigten einen Abend und eine Nacht. Dann stand ihre Website im Netz. Wer die Seite aufruft, kann sich zum Beispiel Videos anschauen und Tweets auf einem Twitter-Live-Ticker verfolgen. Es finden sich viele Links und eine umfassende Dokumentation der Ereignisse in Spanien. Demnächst gibt es auch noch gelbe T-Shirts mit der Aufschrift „Yes we camp“, die auf die Platzbesetzung mit Zelten in Madrid anspielt. Auf Twitter ist die Seite der Konstanzer einmal „Bürgerjournalismus“ genannt worden. Thomas Stelling hat das gut gefallen.

Empörte protestieren nicht nur in Spanien

Die Frage, die die Betreiber der Seite umtreibt, lautet: Wie kann man mit Menschen ins Gespräch kommen? Wie möchten Menschen leben und zusammenleben? Die beiden Konstanzer haben das Gefühl, es passiert etwas ganz Neues. Tunesien, Ägypten, Spanien, Griechenland – Empörte erheben sich. Sie verabreden sich über das Internet und Facebook, um gegen Sparhaushalte, Korruption, ungerechte Verteilung von Wohlstand und gegen politische Eliten zu demonstrieren. Ihre Bibel ist das Buch „Empört euch!“ von Stéphane Hessel. Der Autor ist 93 Jahre alt.

Madrid, Athen, Konstanz – Long Tail

Natürlich ist die Situation in Spanien, wo fast jeder zweite Jugendliche ohne Job ist, darunter auch Akademiker, nicht identisch mit der in Deutschland. Doch auch in Deutschland fordern die Menschen mehr Bürgerbeteiligung und Teilhabe ein und bedienen sich ihres eigenen Verstandes. Menschen möchten an Entscheidungen beteiligt werden – auch, wenn es „nur“ um ein Konzert- und Kongresshaus in Konstanz oder ein Glas- oder Alkoholverbot am Konstanzer Seerhein geht. Der Widerstand wächst.

rEvolution 3.0

Thomas Stelling hat einen Blogbeitrag online gestellt. Er hat ihn mit „rEvolution 3.0“ überschrieben. Der Konstanzer schreibt: „Mir scheint es wichtig, einmal genauer hinzuschauen, um informiert ins Gespräch zu gehen über Demokratie und eine ,Echte Demokratie Jetzt‘-Bewegung über Spanien hinaus.“ Der 44-Jährige fragt, ob „wir“ die Anfänge einer rEvolution 3.0 erleben. Als Revolution 1.0 bezeichnet er zum Beispiel die Französische Revolution von 1789, als Revolution 2.0 die Revolutionen in Tunesien und Ägypten gegen korrupte Regierungen – die Revolution 3.0 könnte auch in Demokratien stattfinden.

Schwarm statt Ideologien

Es geht immer wieder ums ins Gespräch kommen, das Gemeinwohl, den Abschied von klassischen Ideologien und eine dezentrale Organisation. Thomas Stelling und Ulrich Riebe sind Teil des Schwarm, genauso wie eine Deutsch-Spanierin, die ein Video für die Website übersetzt hat, oder ein hilfsbereiter Kommunikationsdesigner. So ein bisschen sieht es danach aus, als ob diese neue Bewegung ihren Ausgang auch in Konstanz nähme – ausgerechnet im Sommer, wenn die Menschen ihre Freizeit normalerweise bevorzugt am See verbringen und sich nicht so schnell empören.

 

 

 

 

 

 

Fotos: wak

 

 

 

 

 

Hier geht es zu einem Forum auf der Website http://www.echte-demokratie-jetzt.de/dialog/

Email-Adresse: post@echte-demokratie-jetzt.de

 

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.