Auf Wiedersehen beim Verkaufsoffenen Gassen-Freitag in der Konstanzer Niederburg

Dreieinhab Stunden Konstanzer Niederburg – Nachgefragt bei Wolfgang Starke

Konstanz. Jeweils am ersten Freitag eines Monats von Mai bis Oktober von 18.30 bis 22 Uhr lädt der Förderverein Niederburg Vital zu Gassen-Freitagen in die Niederburg ein. Die Marketing-Aktion ist zu einem Selbstläufer geworden. In manchen Gassen ist an den Abenden fast kein Durchkommen mehr. Wir fragten bei Wolfgang Starke vom Vorstand des Fördervereins Niederburg Vital einmal nach.

 Interview

See-Online: Guten Morgen Herr Starke, wussten Sie, dass Ihre Vorankündigung des Gassen-Freitags im September mehr als 8000 Zeichen hatte?

Wolfgang Starke: ‚Selbstläufer’ hört sich an, als wäre keine Koordination mehr nötig, das ist natürlich nicht so. Ich bin aber sehr froh, dass wir jetzt beim Pressetext für den 23. Gassen-Freitag für die ‚Aktivitäten & Aktionen’ bei 8.000 Zeichen angelangt sind. Angefangen haben wir vor vier Jahren mit weit weniger.

See-Online: Der Förderverein Niederburg Vital organisiert von Mai bis Oktober je einen Verkaufsoffenen Gassen-Freitag mit, Musik, Kleinkunst und einem Tischflohmarkt. Das Motto heißt „Vielfältig und lebendig“. Manche Besucher finden, wie wir hören, dass an den Freitagen zu viel los ist. Was sagen Sie dazu?

Wolfgang Starke: Wir hatten gestern unsere Vitalo-Runde (Vorstand) und haben da auch festgestellt, dass wir bei der Musik jetzt zum Glück alle wichtigen Plätze bespielen können, ohne dass sich die Musiker gegenseitig stören. Eine Ausnahme bildete letzten Freitag eine 3-Mann-Kapelle, die nicht angemeldet war und die natürlich dadurch nicht richtig ins Konzept bzw. ‚Klangbild’ gepasst hat.

See-Online: Der Münsterturm ist geöffnet, die gläserne Römer-Pyramide auch, es gibt einen „Nachtwächterrundgang“, die Initiative Rheintorturm bewirtet im Rheintorturm und die Narrengesellschaft Niederburg in ihrem Vereinslokal Pulverturm. Beim Weinglöckle spielte eine Dixie-Formation, es gab Balkan-Brass und New Orleans Jazz, Notker Homburger spielte in der Tulengasse, in der Niederburggasse hieß es „Sing mit Winni“, die Musiker Tobias Bosch und Stephan Lange hatten ihren Auftritt, die Musikgruppe „ZIM und Zucker“ war dabei, in der Gerichtsgasse trat Roy Braunwarth als Elton John Double auf, Maiks’s Magisches MicroTheater lud zu Rezitationen, Gesang und Feuer, Bilder und Skulpturen waren zu sehen und eine Vernissage gab es auch. Es gab Snacks, Fingerfood, Burger, Bratwürste und Antipasti. Bier, Wein und Prosecco flossen in Strömen und natürlich hatten auch alle 19 Gaststätten und fünf Weinlokale der Niederburg geöffnet. Weshalb sind die Gassen-Freitag so beliebt?

Wolfgang Starke: Wenn ich von Ihnen höre, was alles an einem Abend in der Niederburg in 3 ½ Stunden angeboten wird, und das alle vier Wochen, dann bin ich richtig stolz auf die Leistung des Fördervereins Niederburg Vital und auf alle, die sich engagieren und diese Unterhaltung bieten. Nur der Satz „Bier, Wein und Prosecco fließt in Strömen“ ist ein bisschen übertrieben. Ich denke, dass bei uns „normalviel oder -wenig“ getrunken wird, wie bei anderen Veranstaltungen auch.

See-Online: Haben Sie einmal versucht, die Besucher zu zählen?

Wolfgang Starke: Wir haben mal versucht die Besucher zu schätzen und kommen auf circa 1.200 Personen, die natürlich nicht immer gleichzeitig in den Gassen der Niederburg sind. Das Ziel ist ja, den Besuchern, die die Niederburg noch nicht so gut kennen, diese ein Stückchen näher zu bringen, um damit dauerhafte Kunden zu gewinnen.

See-Online: Was glauben Sie, aus welchem Motiven kommen die Konstanzer?

Wolfgang Starke: Ich denke, dass die meisten Besucher, und es sind nicht nur Konstanzer an diesem Abend, in die Niederburg kommen, weil sie Unterhaltung wollen, weil das Ganze unter freiem Himmel stattfindet – und das bei jedem Wetter – alles moderate Preise hat und was wir jetzt gerade gehört haben von Besuchern aus Singen, Radolfzell und Meersburg, dass man bei uns auch alte Schulkameraden wiedersehen kann.

See-Online:Vieles sieht improvisiert aus. Am späten Abend, wenn’s ans Aufräumen geht, suchen Geschäftsinhaber Teller zusammen, die Gäste irgendwo abgestellt haben, oder bringen dem Nachbarn Gläser zurück. Sind die Gassen-Freitage noch immer eher ein großes Nachbarschaftsfest oder eher ein kommerzielles Fest?

Wolfgang Starke: Es ist auch ein „Solidaritätsfest“, wenn Sie so wollen. Die Gewerbetreibenden sind stolz auf ihre Niederburg und zeigen gerne ihre Leistungsstärke, ihre Gastlichkeit und dass sie vielfältig und lebendig sind, wie es unser gemeinsames Leitmotto ja ausdrückt. Da ist gegenseitige Hilfe selbstverständlich.

Es ist aber auch ein kommerzielles Fest, mit der Möglichkeit für jeden Gewerbetreibenden, je nach Grad des Einfallsreichtums und des Engagements an diesem Abend, ‚Sonderumsatz’ zu machen, der bei einigen sicher notwendig ist, um in diesem, unseren Kleinod überleben zu können. Wir sind ja kein Museum, sondern fast gelebte Geschichte auf kleinstem Raum. Da sind diese zusätzlichen Einnahmequellen für die Gewerbetreibenden die Motivation und der Grund des ganzen Handelns für den Förderverein … zum Wohle aller und auf Jahre hinaus.

See-Online: Die Gassen-Freitage sollten Menschen dauerhaft in die Niederburg locken. Sie sind – ähnlich wie Verkaufssonntage in der Innenstadt – so etwas wie eine Marketing-Aktion. Spüren Dienstleister, Handel und Gastronomen, dass mehr Menschen in die Niederburg kommen und konsumieren?

Wolfgang Starke: Ich mag das Wort ‚locken’ nicht, das hört sich an, wie eine Falle stellen. Aber wir sind keine Räuber in der Niederburg, sondern im Gegenteil, wir haben ehrliche Angebote zu machen, ob das jetzt die 80 Dienstleister, die 40 Händlern oder die 24 Gastronomen sind … die Summe von 144 ist schon fast eine magische Zahl.

Ich denke, wir haben hier Dienstleistungen, Produkte und Gasträume zu bieten, die es sonst in der restlichen Altstadt in dieser Art nicht geben kann. Deshalb fühlen sich auch sowohl Besucher als auch Einheimische von Anfang an wohl, wenn man sich zum Beispiel ungezwungen an einer Weintheke austauschen kann.

See-Online: Während viele Konstanzer in diesem Sommer wegen langer Schlangen vor Kassen und der Überfüllung der Einkaufsstadt stöhnen, geht es in der Niederburg eher entspannt zu. Sind Sie ein bisschen neidisch oder hat auch die Niederburg vom Ansturm der Schweizer Kunden profitiert?

Wolfgang Starke: Bei Ansturm fällt mir die Schwedenschanze in Stadelhofen ein, als die Schweden da mal angestürmt sind, aber natürlich auch die Rheintorturmbrücke, die den Ansturm der Spanier erlebt hat … aber einen Ansturm der Schweizer haben wir hier noch nicht so wirklich erlebt. Hier in der Niederburg steht keiner im Stau, wie es leider gerade jeden Samstag in Stadelhofen der Fall ist. Aber trotzdem werden die grünen Zollpapiere auch hier gebraucht und sind eine feste Größe beim Umsatz der Gewerbetreibenden.

Zur Rheintorturmbrücke noch ein Wort: Es hat sich erst vor kurzem eine Initiative um Stephan Lange gegründet, die die Vision haben, die alte Rheinbrücke von 1856 wieder aufzubauen und somit den Durchgang von Petershausen über den Rheinsteig in die alte Hauptstraße der Niederburg, die Rheingasse, wieder herzustellen. Das wäre natürlich ein Quantensprung für das Quartier, wenn die Besucher aus der Altstadt wieder freien Zugang zum Rhein hätten.

See-Online: Die Niederburg hat einen Fahrradladen und es gibt eine Buchhandlung am Münsterplatz. Kann man in der Niederburg eigentlich auch eine Milch kaufen?

Wolfgang Starke: Natürlich haben wir noch einen echten Lebensmittelladen, die Bäckerei Fricke, die neben Backwaren aller Art auch Kleinigkeiten des täglichen Gebrauchs anbietet, wie getrocknete Dauerwürste, alkoholfreie Getränke und eben noch diese Tüte Milch.

Aber es gibt natürlich noch andere Läden in der Niederburg, die Lebensmittel anbieten. Batavia Asia Fachhandel bietet ein breites Sortiment an Asia Food an und natürlich auch Kokosmilch. Der Schokoladenflüsterer hat ausgezeichnete Schokoladen und Pralinen, die auch viel Milch enthalten. Pascal’s Délices du Sud mit Lebensmitteln aus Frankreich, der in der Niederburg lebt, hat kein eigenes Ladengeschäft, sondern bietet seine Waren nur auf den Wochenmärkten und an den Gassen-Freitagen an. Vergessen dürfen wir auch nicht den Klosterladen des Klosters Zoffingen und den Weltladen mit fairen Lebensmitteln aus der sogenannten Dritten Welt.

See-Online: Der letzte Gassen-Freitag in diesem Jahr findet am 7. Oktober statt. Dann machen die Gassen-Freitage ein halbes Jahr Pause. Sind Sie deswegen traurig?

Wolfgang Starke: Ein klein wenig schon, weil es einfach fantastisch ist, diese Lebensfreude der Menschen an diesen Abenden zu erleben. Egal ob vor oder hinter ‚dem Vergnügen’ oder auch die Musiker, alle scheinen sich in diesen alten Mauern wohlzufühlen. Man spricht gerade viel von ‚entschleunigen’, vielleicht ist es ja gerade der weite Münsterplatz mit seinem ‚spannenden’ Pflaster, der dieses Gefühl auf die Nutzer überträgt.

Aber … am Freitag, den 25. November, ist ja schon wieder JazzAdvent & LichterMeer. Wenn unsere Münstertanne in vollem Licht erstrahlt, die Fassadentännchen an den Häusern des Münsterplatzes leuchten und auch die 46 großen gelben Herrnhuter Sterne an allen Toren und Schnittpunkten der Niederburger Gassen und der Wessenbergstraße hängen, dann lädt die Gruppe Ten Blue Shoes mit fünf Saxophonen am Schnittpunkt Inselgasse/Rheingasse zu Glühwein und Christstollen ein.

Und am Montag den, 5. Dezember, kommt der Nikolaus der Niederburg zur ‚Lebensgroßen Krippe’ beim Brauhaus Joh. Albrecht in der Inselgasse und singt mit Groß und Klein und bringt allen ein Säckchen mit ‚Apfel, Nuss und Mandelkern’ mit.

Das ist auch der Zeitpunkt zur Eröffnung des Niederburger Krippenweges, der auf seinem Rundgang bis zum 15. Januar. 24 unterschiedliche Krippen zeigt, die in den Schaufenstern von Geschäften, Lokalen und Privathäusern aufgestellt sind. Start und Ende des Rundganges ist eben diese ‚Lebensgroße Krippe’ beim Brauhaus Joh. Albrecht. Ein Plan an der jeweiligen Krippe zeigt den nächsten Standort an. So wird der oder die Besucher oder auch kleine Gruppen zur Weihnachtszeit entspannt durch die winkeligen Gässchen der Niederburg geführt.

See-Online: Vielen Dank fürs Gespräch.

Wolfgang Starke ist Vorstandsmitglied des Fördervereins Niederburg Vital.

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