Aufreger nicht nur in Konstanz: Wenn Straßen Namen historischer Personen tragen

Seit 1927 heißt ehemaliger Fürstenbergweg Hindenburgstraße – Historiker Fabio Crivellari hält Straßenbenennungen nach Flurstücken für besser

Konstanz. Spätestens seit 1876 begannen die Konstanzer damit, Persönlichkeiten „Denkmäler“ zu errichten, indem sie Straßen nach ihnen benannten. Heute fragen nicht nur Historiker in Konstanz: Darf eine Straße im 21. Jahrhundert noch Hindenburgstraße heißen? Der Konstanzer Historiker Fabio Crivellari ist weit davon entfernt, die Umbenennung der Hindenburgstraße zu fordern. Statt dessen stellt er die Frage, ob es sinnvoll ist, Straßen überhaupt nach historischen Persönlichkeiten zu benennen. Als Alternative könnte er sich alte Flurnamen vorstellen, die sonst in Vergessenheit geraten.

Umbenennung von Straßen nach Vorbildern

Die Hindenburgstraße steht in Konstanz heute in einer Reihe mit der Von-Emmich-Straße in Petershausen, mit der Fritz-Arnold-Straße oder mit der Otto-Raggenbass-Straße an der Schweizer Grenze, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach dem Bezirksstatthalter aus Kreuzlingen benannt worden ist. Der Konstanzer Stadtarchivar Jürgen Klöckler und der Leiter der Städtischen Museen, Tobias Engelsing, ebenfalls Historiker, haben die Straßen in eine Liste mit prekären Straßennamen aufgenommen und machen die Namen in diesem Herbst in einer Vortragsreihe im Rosgartenmuseum zum Thema. Beantworten wollen sie Fragen wie, welche Geschichte Straßennamen erzählen oder ob Straßennamen noch zeitgemäß sind. So sagt es Fabio Crivellari. Ende des 18. Jahrhunderts verfolgte eine Konstanzer Ratskommission das Ziel, historische Orte und Namen auf Straßenschildern zu konservieren. Fabio Crivellari spricht vom „Who ist Who“, das sich plötzlich auf Schildern und dem Stadtplan wieder fand. Zu Namensgebern wurden Dichter genauso wie Fabrikanten oder Politiker, sofern sich die Personen als Vorbilder eigneten.

Hindenburg zum 80. Geburtstag

Die Hindenburgstraße hieß früher Fürstenbergweg und war die direkte Verbindung, eine Allee aus Obstbäumen, Platanen und Kastanien, die von der Stadt zu einer Schankwirtschaft auf dem Fürstenberg führte. In den 20er Jahren wurde dann die Wohnungsnot in Konstanz ein drängendes Problem. Auch der Hindenburgblock, wie 222 neue Wohnungen in 26 Häusern bald umgangssprachlich hießen, entstand. 1927 feierte Hindenburg gerade seinen 80. Geburtstag und der Stadtrat beschloss, den Fürstenbergweg in Hindenburgstraße umzubenennen. Der ehemalige Gebhardsplatz wurde, was politisch ausgewogen erschien, nach dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert benannt.

Straßenumbenennungen gab es auch früher

Als später die Firma Telefunken ihr Beriebsgelände erweiterte, wurde der nördliche Teil der Hindenburgstraße abgehängt und nach dem Flurnamen in Bücklestraße umbenannt. Auch andere Straßen änderten ihre Namen. Aus der Fürstenbergstraße wurde die Bruder-Klaus-Straße und aus der Elsäßer Straße nach dem Zweiten Weltkrieg die Alemannenstraße, weil der Name der Straße an das im Weltkrieg verlorene Elsaß erinnert, was den französischen Besatzern missfiel. Die Kaiser-Wilhelm-Straße wurde zur Adolf-Hitler und später zur Theodor-Heuss Straße. Dass sich Straßennamen ändern, was Anwohnern in vielen Fällen eher missfällt, wäre somit keine Erfindung des 21. Jahrhunderts.

Hitlers Steigbügelhalter kein Vorbild

Hindenburg ist eine zwiespältige Persönlichkeit. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte er die Dolchstoßlegende in die Welt. 1925 wurde er mit 77 Jahren als Nachfolger Friedrich Eberts zum Reichspräsidenten gewählt . Er ist bis heute das einzige deutsche Staatsoberhaupt, das je vom Volk direkt gewählt wurde. 1933 berief Hindenburg Hitler zum Reichskanzler und setzte mit dem Ermächtigungsgesetz die Weimarer Verfassung außer Kraft. „Er war Hitlers Steigbügelhalter“, formuliert Fabio Crivellari.

Fabio Crivellari schließt Namensdebatte nicht aus

Für Fabio Crivellari stehen Straßennamen nicht unter Denkmalschutz. Straßenbenennungen kämen aber einem Denkmal gleich, sagt der Historiker. Sie seien Denkmäler und keine Mahnmale, weshalb Hindenburg heute nicht mehr passe. Grundsätzlich hält Fabio Crivellari zeitgeschichtliche Figuren für problematisch. Es sei nie auszuschließen, dass plötzlich ein neuer Aspekt auftauche. Auch mit Straßenbennenungen nach Widerstandskämfern hat er so sein Problem. Es bestehe die Gefahr, dass ihnen Denkmäler gesetzt würden und dann sie dann abgelegt würden und in Vergessenheit geraten. Deswegen findet der Historiker, Städte sollten es besser ganz lassen. Er hat eine Faible für alte Flurnamen. Für Anwohner sei eine Umbenennung immer nervig. Trotzdem könnte er es sich in diesem Herbst vorstellen, dass in Konstanz eine Debatte in Gang kommt. Sein Vortrag über Hindenburg sei leider schon vorbei, sagt Fabio Crivellari, der sich als Medienhistoriker mit Geschichtskommunikation und auch mit Straßennamen beschäftigt.

Dorena Raggenbass hätte mit Umbenennung kein Problem

Dorena Raggenbass, die Tochter von Otto Raggenbass, sagte, sie könne ihren Vater heute nicht mehr fragen, was tatsächlich war. Sie glaubt, die Historie könne einem Menschen nie gerecht werden. Ihre Ehre könnten die Verstorbenen nicht mehr verteidigen. Sie wissen nicht, ob alle Behauptungen ihren Vater betreffend historisch belegt seien. Und vielleicht stellt sich in 50 Jahren noch einmal alles anders dar. Sollten sich die Konstanzer dazu entschließen, die Otto-Raggenbass-Straße umzubenennen, hätte sie damit kein Problem, sagt die Tochter. Es sei ja auch nicht der Wille ihres Vaters gewesen, eine Straße nach ihm zu benennen. „Ich würde das akzeptieren“, so Dorena Raggenbass.

Hier geht es zu einem Beitrag über die Otto-Raggenbass-Straße.

2 Kommentare to “Aufreger nicht nur in Konstanz: Wenn Straßen Namen historischer Personen tragen”

  1. Detlev
    12. Oktober 2010 at 00:29 #

    Man sollte einfache, kurze, leicht merkbare Namen einführen: Strassennamen wurden von mir bisher rein funktional aus Taxifahrer-Sicht gesehen: Denkmäler oder Vorbilder wäre auch überfordernd gesehen. Man soll sich ja auf die Strasse konzentrieren und auf den Abstand zum Vordermann(frau) achten.

  2. Papuga
    12. Oktober 2010 at 16:11 #

    Es anderes Thema in diesem Zusammenhang wäre sicherlich mal nachzufragen, welche Persönlichkeiten auch noch Ehrenbürger der Städte sind.

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