Ausgerechnet in der Winterzeit

Dem Südkurier droht der Mantel abhanden zu kommen

Konstanz (gro) Sinkende Auflage, wegbrechende Anzeigenerlöse, aber anhaltend hohe Kosten: Das Südkurier-Medienhaus droht seinen Nimbus als gewinnträchtige Tochter der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck zu verlieren. Mit Rainer Wiesner, 45, hat die Konstanzer Tochtergesellschaft des Stuttgarter Medienkonzerns zwar einen innovationsfreudigen Anführer. Doch auch dieser aufgeschlossene Ökonom sieht nun offensichtlich keinen anderen Ausweg, als dem Flaggschiff des Medienhauses, dem 1945 gegründeten Südkurier, eine einschneidende Schlankheitskur zu verpassen: Ausgerechnet zur Winterzeit wird bekannt, dass der Heimatzeitung demnächst der eigene Mantel abhanden kommen könnte. Mittelfristig dürften damit gut 40 Arbeitsplätze zur Disposition stehen.

Anderswo ist der Sparkurs schon durchgesetzt

Schöne Bescherung für die im Konstanzer Stadtteil Oberlohn residierende Zentralredaktion des „Südkurier“: Der bundes- und landespolitische Teil der Zeitung, der dort in täglicher Arbeit hergestellt wird, auch der Wirtschaftsteil, das überregionale Feuilleton und die Wochenendbeilage, dazu die beliebte Klatschseite “Leute” oder auch “Click!” und Extraseiten zu Sonderthemen, könnten künftig auswärts eingekauft, der in Konstanz erscheinenden Zeitung angepasst sowie vor- und zugeschaltet werden. Anderswo in Deutschland ist das, was dem „Südkurier“ blüht, stellenweise schon durchgesetzt worden.

Die Kosten der Informationsbeschaffung

Den Hintergrund für diese Entwicklung bilden die weltweite Wirtschaftskrise und das anhaltende Wachstum des Online-Sektors. In ihrem Zusammenwirken sorgen beide Komponenten für einen teilweise vernichtenden Rückgang der Einnahmen bei den gedruckten Medien. Der „Südkurier“ gehört zwar zu den Vorreitern des Online-Angebots bei Tageszeitungen und ist heute, wie Rainer Wiesner anmerkt, in Baden-Württemberg „noch vor der Stuttgarter Zeitung“ das Online-Portal mit den meisten Zugriffen. Auch kann Wiesner darauf aufmerksam machen, dass das gebündelte Angebot des „Südkurier“ lückenlos alle relevanten Altersgruppen erreicht: die jüngeren Leser via Internet, die älteren mit der in knapp 150.000 Exemplaren gedruckten Zeitung aus Papier. Doch das hilft nicht darüber hinweg, dass mit den online verbreiteten Informationen bislang  nicht viel verdient werden kann – obwohl sie genau so teuer beschafft und aufbereitet werden müssen wie die gedruckten.



„Leser bezahlen immer mehr für immer weniger“

Das Fatale an dieser Entwicklung, so sehen es die „Spiegel“-Autoren Markus Brauck und isabell Hülsen, ist, dass die Zeitungsverleger versuchen, aus der Not eine Tugend zu formulieren: „Die Leser sollen nicht merken, dass sie immer mehr für immer weniger bezahlen“ („Der Spiegel“ 50/2009 unter dem Titel “Die Qualitäts-Lüge”). Dass dies auch den Lesern des „Südkurier“ blühen kann, wurde in der jüngsten Betriebsversammlung des Medienhauses in der vorvergangenen Woche deutlich, als Rainer Wiesner sagte, Mitte des kommenden Jahres komme womöglich „die Eigenproduktion des ,Südkurier‘ auf den Prüfstand“.

Sinkende Haushaltsabdeckng mit Abonnements

Anlass für die Überprüfung ist unter anderem, wie Wiesner in der neuesten Ausgabe der hausinternen „Medienhaus-Nachrichten“ (4/2009 vomDienstag dieser Woche) einräumt, dass der Grossdiscounter Aldi 2010 im „Südkurier“ keine Anzeigen mehr schalten will. Der Millionenverlust, so heisst es in informierten Kreisen des „Südkurier“, habe seine Ursache darin, dass die Haushaltsabdeckung des „Südkurier“ (prozentualer Anteil von Abonnnements an den gesamten Haushalten des Verbreitungsgebiets) unter 45 Prozent gesunken sei.

Verleger wollen dem Schwund gemeinsam begegnen

Angesichts der Tatsache, dass die meisten anderen Tageszeitungen Baden-Württembergs mit ähnlich lahmenden Abonnementszahlen, mit sinkenden Erträgen und anhaltenden Kosten zu kämpfen haben, ist es auf Verbandsebene längst zu Überlegungen gekommen, wie dem Schwund am besten zu begegnen wäre. Eine Einsparungsmöglichkeit („Synergieleistung“) sieht man auch beim Verband der Südwestdeutschen Zeitungsverleger unter anderem in der Bildung eines redaktionellen Pools, der für mehrere Zeitungen den so genannten Mantel herstellen könnte. Sogar mit der „Schwäbischen Zeitung“, so hört man, sei es deswegen immerhin zu Vorgesprächen gekommen.

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