Ausstellung Frauen- und Lesbenräume in Konstanz ist Zeitgeschichte

Zeitungsschnipsel und die Geschichte der Frauen- und Lesbenbewegung in der Stadt

Konstanz. Am Anfang waren die Campus-Uni und viele junge, streitbare Frauen. Sie kämpften schon Anfang der 80-er Jahre für Gleichberechtigung und Teilhabe, sie geißelten die männliche Sprache und lasen Texte der feministischen Sprachwissenschaftlerinnen Luise Pusch und Senta Trömel-Plötz. Manche von ihnen waren lesbisch. Die Geschichte des „Belladonna“, was übersetzt „Tollkirsche“ heißt, begann 1979. Auf einem Flugblatt stand damals zu lesen: „Es gibt in Konstanz lesbische Frauen: Wir sind 3 ½. Wo sind die anderen??????“. Anlässlich des CSD am See am kommenden Samstag, 16. Juli, zeigen Konstanzer Frauen in der Rathaus-Galerie in der Kanzleistraße eine Ausstellung, die von 31 Jahren Kampf erzählt. Vernissage ist am Freitag, 15. Juli, um 19 Uhr. Am Samstag, 16. Juli, führen toughe Frauen auf ihren Motorrädern dann die grenzüberschreitende Parade von Lesben und Schwulen an.

Wie homosexuell sind wir denn?

In einer repräsentativen Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2000 schätzten sich nur 1,3 und 0,6 Prozent der in Deutschland lebenden Befragten als schwul und lesbisch sowie 2,8 und 2,5 Prozent als bisexuell ein. Gleichzeitig gaben aber 9,4 Prozent der Männer und 19,5 Prozent der Frauen an, sich vom eigenen Geschlecht erotisch angezogen zu fühlen.

Gleiche Rechte für Homosexuelle

In einer globalen Umfrage mit 3050 Jugendlichen, die im Jahr 2006 im Auftrag des BBC World Service durchgeführt wurde, verneinten 47 Prozent der 15- bis 17-Jährigen die Frage: „Meinst du, Homosexuelle sollten dieselben Rechte haben wie Heterosexuelle?“ („Do you think homosexuals should have the same rights as heterosexuals?”). 39 Prozent bejahten diese Frage, 13 Prozent hatten keine Meinung, 1 Prozent wollte nicht antworten.

Dokumente aus dem Archiv

Frauen beanspruchten Ende der 70-er und Anfang der 80-er Jahre für sich endlich den halben Himmel und auch die halbe Welt. Julika Funk und Astrid Hochadel sind zwei Konstanzer Frauen, die an einem schwül-heißen Sommerabend Bilder der Ausstellung „Frauen- und Lesbenräume“ aufhängen. Sie sagen, sie hätten das Archiv aufgeräumt. Sie haben vergilbte Zeitungsausschnitte zusammengetragen und in Wechselrahmen gesteckt. Es sieht nach viel Arbeit aus.

Frauen bewegten sich

Was sie entdeckt haben, erzählt die Geschichte der Frauenbewegung in Konstanz seit dem Ende der 70-er Jahre. Treffpunkte damals waren das Frauenzentrum in der Gütlestraße 8 oder das Café Chaos. Dort formierte sich eine Gruppe von Frauen, die politisch, kulturell und in der Lebensweise ernst machen wollte mit der Frauenbewegung.

„Schwarzen Geiss“ machte Platz

Worte schwirren durch die Luft: „ASTA-Frauenreferat“, „Frauen-Zentrum“, „Frauen und Kultur“. 1980 haben Frauen ihren Verein gegründet. Später hieß er dann nach der Kneipe „Belladonna“ am Obermarkt. Bald gab es diesen Frauen-Raum. Das Lokal hatte sich über dem Buchladen „Zur Schwarzen Geiss“ eingerichtet. Der kollektive Buchladen stellte am Anfang den Raum zur Verfügung. Später war es dann die Genossenschaft Lebos – auch so ein gelebter Traum, der mit dem Namen des längst verstorbenen Konstanzer SPD-Mitglieds und früheren Stadtplaners Robert Neu verbunden ist.

Feuer und Flamme dem Patriarchat

Männer mussten im „Belladonna“ draußen bleiben. Und das war auch gut so. Die Kneipe war ein Frauen(frei)raum. Und es war so: Keine Studentin, die sich nicht wenigstens einmal mit Freundinnen dort verabredet hätte. Nähmaschinentische gehörten zum Mobiliar. Es gab wohl kaum eine Germanistik-Studentin, an der die feministische Sprachwissenschaft damals vorbei gegangen wäre. Auch zwei Zeitschriften hat das „Belladonna“ damals herausgegeben. Ein roter Flyer ist ausgestellt. Sprüche wie „Frauen bilden Banden“ oder „Feuer und Flamme dem Patriarchat“ sind zu lesen. Statt Mitglieder sagten die Frauen „Mitclits“, weil ihnen der andere Begriff zu männlich erschien. Dann der Hinweis auf einen Vortrag – der Ort „s’Beese Miggle“. Das erzählt zum Beispiel Julika Funk. Wie haben wir damals diskutiert!

Maria Therisia Jung contra Hermine Preisendanz

Ziemlich früh haben sich dann die Wege der Frauen, deren Anliegen Emanzipation gewesen ist, und jener Frauen, die sich als lesbisch outeten, getrennt. Das „Belladonna“ war – so ist es auch in unserer kollektiven Erinnerung – lesbische Lebenswelt. Trotzdem fand in den 80-er Jahren dort auch einmal einfach nur ein städtisches „Mädchen-Café“ statt. Konstanz schien ganz schön weit gekommen zu sein. Normal und akzeptiert war vieles trotzdem noch lange nicht. Das zeigen zum Beispiel Briefe aus den 90-er Jahren. Hier begegnen die Besucher der Ausstellung zum Beispiel auch Maria Theresia Jung, der ehemaligen SPD-Stadträtin, die sich zusammen mit anderen Frauen für die Frauen-Bewegung stark machte. Die SPD-Frauen trugen damals gern lila. 1991 gründete sich der grüne Landesarbeitskreis Lesbenpolitik. Die Bürgerlichen beäugten die Frauen kritisch. Die Stadträtinnen Hermine Preisendanz und Gabi Weiner kritisierten die damalige städtische Frauenbeauftragte Christa Tiemann-Albrecht, weil sie die Bewegung homosexueller Frauen unterstütze, ihnen Raum bot. Auch davon handelt die Ausstellung – diese Geschichte erzählen die papiernen Dokumente.

Persönliche Erinnerung

1992 fand dann der erste Christopher Street Day in Konstanz statt. Ausgestellt ist auch der erste Zeitungsbericht. Motorradmädels gab es damals noch nicht. Das Motto hieß „Schwul, Na und?“. Ein Bekannter, den ich von der Uni kannte, trug das Schild. Er hatte Verwaltungswissenschaft studiert und war als Kassier auch im Vorstand der SPD. Ich habe damals für den Südkurier berichtet.

Ganze Geschichte bei der Vernissage

Julika Funk verspricht, bei der Vernissage die Geschichte des Vereins „Frauen und Kultur“ zu erzählen. Die Stadt hat Häppchen und Getränke versprochen. Julika Funk, die die Ausstellung erklärt, sagt, Schätzungen zu Folge seien 10 Prozent der Frauen lesbisch. „An dieser Uni gibt es 500 Lesben“, überschlägt sie. Spektakuläre Exponate sind nicht zu sehen, sondern Dokumente, die erzählen und Erinnerungen auf die Sprünge helfen. Los geht es mit der Vorabbesichtigung am Freitagabend um 19 Uhr. Wer noch nie in der Rathaus-Galerie gewesen sein sollte: Von der Kanzleistraße aus durch den Innenhof des Rathauses und durch die letzte Tür hinten rechts gehen.

Das Vorprogamm

In dieser Woche läuft das Vorprogramm zum Christopher Street Day. Die Parade führt am Samstag, 16. Juli, durch die Stadt. Homosexuelle Frauen und Männer demonstrieren an diesem Tag für ihre Rechte – und mit ihnen tun es auch Heterosexuelle, die sich solidarisch zeigen möchten. Anschließend feiern sie miteinander im Stadtgarten. Ach ja, eine Männerbewegung gibt es mittlerweile auch. Diese trägt heute aber teilweise reaktionäre, maskulistische Züge, Strömungen innerhalb dieser betrachten den Feminismus als Feindbild und sind Teil des konservativen „Backlash“ der 1980-er Jahre. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Hinweis der Redaktion

Veranstaltungen des „Belladonna“

11. bis 24. Juli Ausstellung im Rathaus zu Lesben in Konstanz

Vernissage am 15. Juli 2011 um 19 Uhr

Freitag, 15.Juli 2011 CDS-Warm-Up-Party ab 21 Uhr

Samstag, 30.Juli 2011 Film: Späte Entscheidung

Einlass: ab 20:30 Uhr, Filmbeginn: 21 Uhr

Film ist im französischen Original mit deutschem Untertitel

Hier geht’s zu Website von Belladonna, Frauen & Kultur e.V.

Hier geht’s zum CSD am See.

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