Autos stehen nur dumm rum: Car2Go für Konstanz

Carsharing statt Kauf, Leasing oder Mieten – 300 Konstanzer nutzen das Autoteilen

Konstanz. Sebastian Thrun aus Solingen, seit acht Jahren leitender Professor für Künstliche Intelligenz an der Elite-Universität Stanford, leitet das Forscherteam von Google in Mountain View im Silicon Valley. Er nennt Zahlen. Das durchschnittliche Auto werde nur drei Prozent seiner Lebenszeit tatsächlich bewegt. Während der übrigen 97 Prozent der Zeit stehe es nutzlos herum. Nachzulesen waren die Zahlen in diesem Frühjahr im Magazin Spiegel. Im Umkehrschluss heißt das: Viele, die ein Auto besitzen, spinnen. Mit Car2Go und Carsharing würden viele günstiger fahren. Trotzdem nutzen in Konstanz bisher erst knapp 300 Frauen und Männer ein Carsharing-Auto.

Autos keine Statussymbole mehr

Blech hat den Straßenraum erobert und verschandelt die Stadt. Am Straßenrand und auf Plätzen reiht sich geparktes Auto an Auto. In Zukunft könnte vielleicht wieder mehr Platz für Blumenbeete sein. Dazu passt zumindest folgende Meldung. Trendforscher registrieren, dass gerade junge Menschen eher das Smartphone als Statussymbol wahrnehmen als ein Auto. Der Verzicht aufs Auto im urbanen Umfeld nimmt zu. Und das hat nicht nur ökologische Gründe, sondern auch finanzielle.

Carsharing und Tamyca

Wer in Konstanz wohnt und ein Auto mit anderen teilen möchte hat dazu mehrere Möglichkeiten. Carsharing bieten Stadtmobil Südbaden AG und Ökostadt e.V. Konstanz an. Außerdem gibt es die Möglichkeit, sich Privatautos von Autobesitzern für eine Tour auszuleihen. Dieses Angebot macht tamyca. Tamyca steht für „Take my car“ und ist Deutschlands erste und größte Plattform für privates Carsharing. Tamyca bietet seinen Nutzern die Möglichkeit, günstig Autos von Privatpersonen zu mieten oder sein eigenes Auto zur Vermietung einzustellen, um damit Geld zu verdienen. Gegründet haben tamyca 2010 vier Aachener Studenten. Von allen drei Angeboten profitieren nicht nur die Nutzer, sondern die ganze Stadt: Wenn sich in der Altstadt und im Paradies etwa 20 Personen jeweils ein Auto teilen würden, ließe der Parkdruck spürbar nach.

Stadtmobil Südbaden AG hat sechs Autos

Stadtmobil Südbaden AG, früher Carsharing Südbaden e.V., besitzt mehr als 160 Fahrzeugen in 35 Orten in Südbaden. Neu ist Carsharing auch für gewerbliche Kunden. Vorstand Michael Nowack sitzt in Konstanz. Wer an Carsharing-Auto der Stadtmobil Südbaden AG nutzen möchte, muss sich nur vorher anmelden. 110 Kunden nutzen das Angebot. Die Verfügbarkeit eines Autos liege die meiste Zeit bei etwa 90 Prozent. Etwa 20 Nutzer teilen sich ein Auto. Sechs Autos an fünf Stellplätzen gibt es. Sie stehen in der Schottenstraße, nahe des Sternenplatzes oder in Wollmatingen.

Chipkarte und buchen bald via App

Autos buchen können die Nutzer per Telefon, übers Internet und demnächst soll es auch eine App für Smartphones geben. Mit einer Chipkarte lassen sich die Autos öffnen. Der Schlüssel befindet sich im Fahrzeug. Fahrtenbücher gibt es nicht. Abgerechnet wird automatisch. Bezahlen müssen die Nutzer pro Stunde (1,50 €) und pro gefahrenem Kilometer inklusive Treibstoff (20 Cent). Wer ein Auto länger nutzt erhält Rabatte und zwischen Mitternacht und 7 Uhr läuft die Uhr sowieso nicht. Allerdings müssen die Nutzer das Auto immer wieder nach Konstanz zurückbringen. In einer anderen Stadt können sie es nicht zurückgeben.

Stellplätze in und nahe der Altstadt fehlen

Die Stellplätze befinden sich auf privaten Grundstücken oder in Straßen, in denen der Parkraum nicht bewirtschaftet wird. Ein Auto ist zur Zeit nahe der Schänzlehalle angestellt. Michael Nowack findet aber, dass dieser Stellplatz zu weit von der Wohnbebauung ist. Michael Nowack spricht von einem „Provisorium“. Sehr gern würde die Stadtmobil Südbaden AG in Konstanz zum Beispiel ein drittes Auto in der Schottenstraße abstellen und eines in Bahnhofsnähe parken. Auch der Zähringerplatz und der Campus an Seerhein stehen auf dem Wunschzettel. Eine Anfrage gibt es aus der Stadt am Seerhein. Weiteres Potenzial vermutet Michael Nowack in Petershausen, wo gerade neue Wohnungen entstehen, und im Chérisyareal.

Carsharing Teil des „Masterplans Mobilität“

Aus Sicht von Michael Nowack ist klar: Das Carsharing muss raus aus den privaten Hinterhöfen und wenigstens zum Teil in den öffentlichen Parkraum. Wichtig wäre es seiner Meinung nach, Autos an Umsteigepunkten abzustellen, an denen ÖPNV-Nutzer auf ein Carsharing-Auto oder umgekehrt umsteigen könnten. Für Kurzstrecken würden Carsharing-Autos in Konstanz kaum genutzt. Nowack ist sich sicher, dass Carsharing beim „Masterplan Mobilität“ eine wichtige Rolle spielen wird. Beim Mobilitätsforum, das sich demnächst dem linksrheinischen Teil von Konstanz widmet, und am Freitag, 20. April, und am Samstag, 21. April, in der „Sporthalle Paradies“ beim Ellenrieder Gymnasium (Brauneggerstrasse 29) stattfindet, ist er dabei.

Keine Konkurrenz zum ÖPNV

Weiter sagte Michael Nowack, dass es ein großes Potenzial gebe. Natürlich wolle die Stadtmobil Südbaden AG, früher Verein Carsharing Südbaden, mit Carsharing Geld verdienen. Die Stadtmobil Südbaden AG sieht Carsharing aber vor allem als Ergänzung zum ÖPNV und zu Taxis. An einer Kannibalisierung habe die Stadtmobil Südbaden AG, die nicht etwa börsennotiert sei, sondern an der viele Carsharing-Fans Anteile halten, nicht interessiert. Auch der Umweltaspekt spiele eine große Rolle.

Verein Ökostadt Konstanz hat sieben Autos

Ein bisschen anders funktioniert das Auto teilen beim Verein Ökostadt Konstanz. Die etwa 170 bis 200 Vereinsmitglieder teilen sich sieben Fahrzeuge. Sie stehen zum Beispiel in der Mangoldstraße, in der Sonnenbühlstraße oder im Pfalzgarten beim Münster, wo die Kirche dem Verein einen Stellplatz zur Verfügung stellte. Radek Mikaus, der sich um die Orga, Technik und Pflege der Autos kümmert, sagt, für alle, die weniger als 10.000 Kilometer im Jahr fahren, lohne sich Carsharing finanziell. Wer in ein Teilauto des Vereins Ökostadt Konstanz steigen möchte, den es schon seit 20 Jahren gibt, muss allerdings erst einmal 1.000 Euro investieren. So hoch ist die Einlage oder Aktie. 15 bis 20 Nutzer finanzieren sich so jeweils ein Auto.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Radek Mikaus sagt, die meisten Autos hätten eine Vignette. Anders als Stadtmobil Südbaden AG holen sich die Nutzer beim Verein Ökostadt Konstanz den Autoschlüssel aus einem kleinen Tresor beim Stellplatz. Wer ein Auto nutzt, muss ein Fahrtenbuch führen. Nach jeweils etwas drei Monaten werde abgerechnet. Pro Kilometer zahlen die Nutzer 25 bis 28 Cent und 1,25 Euro pro Stunde. Die Nachtzeit berechnet auch der Verein den Nutzern nicht. Zu den Geschäftskunden gehört übrigens der BUND. Radek Mikaus ist sich sicher, dass Carsharing in der Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird. Wer Kontakt mit dem Verein aufnehmen möchte kann sich unter Telefon 07531/16494 (Bernhard Wittlinger) melden. Werbung für die Teilautos macht der Verein eher nicht, weil er organisatorisch an Grenzen stösst. Neue Mitglieder melden sich eher aufgrund von Mund-zu-Mund-Propaganda.

Mehr Nutzer – mehr Autos

Michael Nowack Stadtmobil Südbaden AG ist ganz entspannt. Er sagt, sollten sich plötzlich in Konstanz 50 neue Interessenten melden, würde die Stadtmobil Südbaden AG einfach zwei bis drei neue Autos anschaffen. Je mehr Nutzer es gibt, desto mehr können auf ein Auto kommen, wenn die Verfügbarkeit bei 90 Prozent bleiben soll. Für diese Autos bräuchte es dann auch wieder neue Stellplätze. SPD-Mitglied Wolfgang Becker hat bereits vor ein paar Monaten sehr genau recherchiert, wie es mit Carsharing in Konstanz aussieht. Vielleicht nimmt sich ja seine Gemeinderatsfraktion des Carsharings an und fordert Stellplätze im öffentlichen Raum. Außerdem ist am 1. Juli in Konstanz ja auch OB-Wahl. Autoteilen würde sich sicher auch in Wahlprogrammen gut lesen.

httpv://www.youtube.com/watch?v=T1N-Itg25k8

3 Kommentare to “Autos stehen nur dumm rum: Car2Go für Konstanz”

  1. dk
    14. April 2012 at 23:54 #

    … Sebastian Thrun aus Solingen, seit acht Jahren leitender Professor für Künstliche Intelligenz an der Elite-Universität Stanford, leitet das Forscherteam von Google in Mountain View im Silicon Valley. Er nennt Zahlen. Das durchschnittliche Auto werde nur drei Prozent seiner Lebenszeit tatsächlich bewegt. …

    Eine Suche bei spiegel.de zum Projektleiter werden viele interessante Artikel über kreative Technik und sonstige Gedanken angezeigt.
    http://www.spiegel.de/suche/index.html?suchbegriff=Sebastian+Thrun

    Mehr über das Google Projekt kann man lesen bei
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-84251217.html

    Der kreative Professor hat auch über neue Formen der zukünftigen Lehre nachgedacht, was evtl. in Ansätzen auch bei Projekten wie dem „Masterplan Mobilität“ nutzbar sein könnte.
    Massen-Uni 2.0
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83180803.html

  2. Ralf Zimmer
    4. Juli 2013 at 12:05 #

    AUA!!
    „Mund-zu-Mund-Propaganda“ gibt es nicht.

    Gruß

    Ralf Zimmer

  3. Wone
    3. Januar 2014 at 16:32 #

    Car2go wie in Stuttgart ist einmalig. Es steht immer wo ein Auto in der Nähe. E-Smart ist preiswert, lautlos und verpestet nicht die Stadtluft
    Sadt Konstanz könnte ja noch gehen, aber Land, da ist die Bevölkerungsdichte zu gering, auch noch in 10 Jahren

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