Bestattungen unter hohen Bäumen in Konstanz

SPD beschäftigt sich auf Sommer-Tour in Litzelstetten mit Friedwald

Konstanz (wak) Die SPD-Gemeinderatsfraktion in Konstanz ist auf Sommer-Tour. Am Donnerstag, 19. August, beschäftigen sich die Stadträte mit dem Thema Sterben und Bestattungen. Offenbar könnte sich die Gemeinderatsfraktion einen Friedwald oder Ruhewald in Konstanz vorstellen. In dieser Woche geht es bei einem Lokaltermin darum, zu prüfen, inwieweit ein Waldstück nahe des Waldfriedhofs in Litzelstetten ein geeigneter Standort wäre.

Nächster Friedwald in Heiligenberg

Ruhe finden unter betagten Bäumen. Diese Sehnsucht treibt offenbar immer mehr Menschen an. Sie wollen nicht auf einem Friedhof bestattet werden, sondern ihre letzte Ruhestätte in der freien Natur in einem Fried-oder Ruhewald finden. Der nächst gelegene Friedwald befindet sich vom Bodensee aus gesehen in Heiligenberg. Auch in Konstanz ist in der Vergangenheit bereits öfter über einen Friedwald gesprochen worden. Thema war die alternative Bestattungsform offenbar bereits in mehreren nichtöffentlichen Sitzungen. In dieser Woche nun prescht die SPD nach vorn und möchte sich ein Fleckchen Wald anschauen, der sich nach Überzeugung der SPD als Fried- oder Ruhewald eignen könnte.

34 Friedwälder in Deutschland

Der Friedwald als alternativer Bestattungsort hat sich in Deutschland etabliert: Insgesamt betreibt allein die Friedwald GmbH mittlerweile 1706 Hektar Bestattungswald in Deutschland, verteilt auf derzeit 34 Standorte. Die Asche Verstorbener wird in Friedwäldern an den Wurzeln eines Baumes beigesetzt, der in einem als ausgewiesenen Friedwald steht. Ihre letzte Ruhestätte finden die Toten so in Gräbern in der freien Natur. Ein Namensschild am Baum macht auf die Grabstätte aufmerksam. Wer eine anonyme Bestattung möchte, kann auch auf dieses Schild verzichten. Angehörige haben dennoch die Möglichkeit, die Grabstätte jederzeit zu finden, die Bäume sind gekennzeichnet und in Registern bei der Kommune und bei Friedwald eingetragen. An den Hauptzugangswegen stehen Waldtafeln, auf denen die Fläche eingezeichnet ist, die als Bestattungsplatz genutzt wird. Die Tafel weist auf die Besonderheit des Ortes hin.

Grabstätte in der freien Natur

Die Ausweisung eines Friedwalds basiert auf der Kooperation von Kommunen, Forstverwaltungen und dem Unternehmen Friedwald. Der genehmigte Friedwald wird von den jeweiligen Kommunen getragen. Die Waldpflege übernehmen die zuständigen Forstverwaltungen. Außerdem betreuen die verantwortlichen Förster in Zusammenarbeit mit Friedwald die Interessenten vor Ort. Das Unternehmen kümmert sich um Termine und die Verwaltung der Wälder und übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt. Im Trauerfall unterstützt Friedwald auch die Angehörigen bei der Organisation der Beisetzung im Friedwald.

Einäscherung ist Voraussetzung

Menschen, die sich für eine Baumbestattung interessieren, müssen sich grundsätzlich für eine Einäscherung entscheiden. Ein Großteil der Interessenten sucht sich selbst rechtzeitig den geeigneten Baum aus. Angehörige und Freunde werden über diesen Schritt informiert, im Idealfall wird eine Willenserklärung mit dem Beisetzungswunsch formuliert und handschriftlich hinterlegt.

Beisetzung nahe bei Familie und Freunden

Welche Rituale die Beisetzung in einem Friedwald begleiten, bleibt den Wünschen der Verstorbenen und ihrer Angehörigen weitgehend überlassen. Christliche Beisetzungen sind im Friedwald ebenso üblich wie Bestattungen ohne geistlichen Beistand. Bei der Baumauswahl besteht die Möglichkeit, sich für einen Gemeinschaftsbaum, einen Familien- oder Freundschaftsbaum oder einen Einzelbaum zu entscheiden. Insgesamt können an einem Baum maximal zehn Urnen bestattet werden. Die Preise für Familien- und Freundschaftsbäume beginnen bei 3.350 Euro. Die günstigste Möglichkeit in einem Friedwald beigesetzt zu werden ist der Basisplatz, der 490 Euro kostet. Friedwald-Bäume werden mit forstlichem Sachverstand ausgewählt. Sie werden zum natürlichen Grabmal und dienen Angehörigen als Ort des Gedenkens und Erinnerns.

Mit Blick auf die Mainau

Der Fried- oder Ruhewald in Litzelstetten läge im Mainauwald. „Es gibt nicht so viele Standorte“, sagte SPD-Stadtrat Jürgen Puchta. Der Wald beim Litzelstetter Waldfriedhof biete sich an, weil dort hohe Bäume stünden und der Wald nicht durch Spazierwege oder Radstrecken zerschnitten sei. Vorhanden wäre in Litzelstetten auch die nötige Infrastruktur. Besucher des Friedwalds könnten auf dem Friedhofsparkplatz parken. Auch gibt es eine Kapelle. Der Friedhof ist verkehrsgünstig nahe des Kreisverkehrs bei Litzelstetten gelegen. Einziges Problem: Ein Bach trennt den Friedhof vom möglichen Fried- oder Ruhewald, weshalb eine Brücke oder ein neuer Weg nötig seien. Einverstanden sein müsste mit einem Fried- oder Ruhewald auch die Mainau, sagte Puchta. Wie weit die Überlegungen in Konstanz schon sind, ist nicht ganz klar. Der städtische Pressesprecher Walter Rügert sagte, die TBK beschäftigten sich mit dem Thema. Auch Gespräche mit der Mainau habe es bereits gegeben. Sollte die Stadt nicht mit dem Unternehmen „FriedWald“ zusammenarbeiten, müsste der Wald offenbar Ruhewald heißen.

Ein einheitliches Naturbestattungskonzept

Die Marke „FriedWald“ ist europaweit geschützt. Ziel der Markenbildung ist es, in schönen Waldregionen Europas ein einheitliches, ökologisch anerkanntes Naturbestattungskonzept aufzubauen, durch das die gleichen Qualitätsstandards in allen „FriedWäldern“ gewährleistet werden. Seit Mitte 2000 gibt es das Friedwald-Konzept in Deutschland. Mit dem Friedwald Reinhardswald bei Kassel wurde im Jahr 2001 der erste Bestattungswald in der Bundesrepublik eröffnet. Seitdem hat es rund 17.000 Beisetzungen an den mittlerweile bundesweit 33 Friedwald-Standorten gegeben: Sie liegen in neun Bundesländern, in Hessen (7), Niedersachsen (8), Nordrhein-Westfalen (4), Baden-Württemberg (6), Bayern (3), Rheinland-Pfalz (2), Saarland (1), Brandenburg (1), Mecklenburg-Vorpommern (1) und Sachsen-Anhalt (1).

Mehr Infos gibt es auf der Website des Unternehmens Friedwald.

Foto: FriedWald

2 Kommentare to “Bestattungen unter hohen Bäumen in Konstanz”

  1. Fenedig
    18. August 2010 at 18:46 #

    Am besten mal beim „Erfinder“ und „Markenbesitzer“ (patentiert) Ueli Sauter in Mammern auf der Schweizer Seite des Untersees nachfragen, wie das so läuft mit seinem „Friedwald“-System. Gratis auf jeden Fall nicht: Bei ihm ist man ab 4’900 Franken dabei. In Konstanz-Litzelstetten, mit unverbaubarem Blick zur Mainau, darfs dann vielleicht noch etwas mehr sein! Die Idee ist ebenso hübsch wie das Seebestatten auf den Weltmeeren. Aber es ist – man darf es wissen – auch ein Geldgeschäft wie (fast) alles im Irdischen.

  2. Susanne
    16. September 2010 at 08:11 #

    Hallo,

    sehr interessante Texte die hier geschrieben wurden. Wünschte mir, dass mehr über diese DInge in Blogs gesprochen werden würde, jedoch ist die Aufmerksamkeit auf dieses Thema in der Öffentlichkeit und im Netz wenig verbreitet.

    Bye

Schreibe einen Kommentar

Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar. Bleiben Sie bitte nett. Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.