„Bild“ versagt kläglich in Sachen Lenk

Schlampige Recherche der Stuttgarter Regionalredaktion

Konstanz (gro) Ein nackter Papst Benedikt XVI. „schockt Gläubige“ in der Konstanzer Bahnhofshalle. Mit dieser Falschinformation, garniert von einer einschlägigen Fotografie, wartet die Stuttgarter Regionalausgabe von Deutschlands grösster Boulevardzeitung auf. Gleich vier Autoren zeichnen für den Artikel verantwortlich, der übers Internet weltweit verbreitet wird. Es geht um die Skulptur, die diese Woche in den neuen Räumen der Tourist Information im Bahnhofsgebäude aufgestellt wurde. Dabei handelt es sich um eine originalgetreue Nachbildung der Papstfigur, die Peter Lenks tonnenschwere Imperia am Ende der Konstanzer Hafenmole auf ihrer linken Hand balanciert.

Nicht einmal das Bild richtig angeschaut

Es ist leider zu befürchten, dass die vier Stuttgarter „Bild“- Autoren nicht einmal das von „Südkurier“-Fotograf Hanser gelieferte Bild richtig angesehen haben. Sie hätten sonst erkennen müssen, dass die frisch aufgestellte Figur auch nicht im Entferntesten dem ehemaligen Kardinal Joseph Ratzinger, unserem Papst in Rom, ähnelt. Tatsächlich handelt es sich bei der Figur um „die Nachbildung eines Gauklers, der sich päpstliche Insignien widerrechtlich angeeignet hat“. Dies wurde schon vor 17 Jahren protokollarisch festgehalten, als sich Lenk (mit vollem Erfolg) gegen den Vorwurf der Blasphemie zu wehren wusste.

Stimmungsmache statt Wahrheitsfindung

Die vier „Bild“-Autoren hätten dies leicht erfahren können, etwa dadurch, dass sie sich an Bildhauer Peter Lenk gewandt hätten. Auch Stadtsprecher Walter Rügert hätte die „Bild“-Redakteure unschwer mit wahrheitsgetreuen Informationen bedienen können. Doch „Bild“ ging es offensichtlich weniger um Wahrheitsfindung als vielmehr um Stimmungsmache. Sie nahmen sich jedenfalls die Zeit, bei Dekan Mathias Trennert-Helwig die Empörung abzuholen, die angesichts der Kunde von der der Präsentation eines „splitterfasernackten Papstes“ durchaus verständlich erscheinen mag.

Auf der Jagd nach empörten Äusserungen von Politikern

Empörte Äusserungen entlockten die „Bild“-Redakteure auch dem christdemokratischen Stuttgarter Innenminister Heribert Rech („Kunst darf sich nicht die Freiheit nehmen, widerwärtig zu werden.“) und Landes-CDU-Generalsekretär Thomas Strobl („Das Treiben des Herrn Lenk macht nicht mal vor der Verletzung religiöser Empfindungen halt.“). Laut „Bild“ gibt es nun in Stuttgart einen „Riesen-Zoff um die Skulptur“.

Peter Lenk hat die CDU wiederholt heftig geärgert

Dass sich „Bild“-Redakteure Lenk gegenüber unfair verhalten, ist zwar vom journalistischen Standpunkt her beklagenswert; es ist allerdings kein Wunder. Schliesslich ärgerte der Bildhauer das Leib- und Magenblatt der Union im vergangenen November durch die „Installation“ von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann an der Wand des Rudi-Dutschke-Hauses, an einer Wand, hinter der die linke taz gemacht wird und auf die man schaut, wenn man bei der „Bild“-Chefredaktion aus dem Fenster Blickt.

Generalsekretär im Bananenröckchen

Die Diekmann-Skulptur wurde auf der Fassade des Dutschke-Hauses mit einem überdimensionalen Penis ausgestattet, womit Lenk auf die Penetranzgewalt des „Bild“-Geschäftes anspielte, einer Geschäftstätigkeit, der das Landgericht Berlin unlängst bescheinigte, dass sie „bewusst“ ihren „wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer“ ziehe. Für christdemokratischen Ärger sorgte Lenk zuletzt dadurch, dass er den CDU-Generalsekretär Volker Kauder als nackten Tänzer im Bananenröckchen darstellte.

Hier geht’s zur Bildzeitung…

http://www.bild.de/BILD/regional/stuttgart/aktuell/2010/04/29/cdu-politiker-empoert/nackter-papst-schockt-glaeubige-in-bahnhofshalle.html

Foto: wak/Gewitterwolken über der Imperia.

3 Kommentare to “„Bild“ versagt kläglich in Sachen Lenk”

  1. dk
    30. April 2010 at 20:52 #

    Heute kam wieder einmal der päpstliche Botendienst im gelben Wagen vorbei: Aufschrift DHL für „Deutschland hilft lieber“.

    In Sackgassen, wo andere LKW-Fahrer längst streiken, fährt er noch hinauf und wendet bei engstem Raum mit seinem riesigen Transporter.

    Brav hat man sich an der hinteren Türe angestellt, der Bote war gerade dabei, sein iPod (?) für die Empfangs-Unterschrift herzurichten.

    Die laute Musik (italienischer Schlager/Pop) dröhnte durch die gut 6 m Wagenlänge.

    Ganz spontan fragte ich „sind Sie Italiener“.

    Er antwortete „Nein, Jugoslawe“ und grinste; wie sonst auch, wenn man wortlos seine Unterschrift abgab.

    Päpstliche Boten müssen nicht unbedingt auf den aktuellen Stand der Geschichte sein.

  2. dk
    1. Mai 2010 at 16:15 #

    Ziemlich witzig ist es, wenn Axel Springer bei der grössten Regionalzeitung und Medienhaus als Google-Adsense erscheint und für eine Journalisten-Ausbildung Werbung per Weblink macht:

    http://www.axel-springer-akademie.de/bewerbung/akademie.html

    Ein Logo „Testsieger der Journalisten-Schulen“ zeugt von Qualitäts-Bewusstsein.

  3. Peter Lenk
    2. Mai 2010 at 14:22 #

    Papst Johannes Paul der Zweite zum Thema Nacktheit:
    „Da er von Gott geschaffen ist,kann der menschliche Körper nackt und unbedeckt bleiben und bewahrt doch unberührt seinen Glanz und seine Würde“

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