Bürger verhindern Leuchtturm-Projekte nicht nur in Konstanz

Süddeutsche Zeitung über Absage an „aufgeblähte kommunale Projekte“ deutschlandweit

Konstanz (wak/gro) Die Sanierung des Konstanzer Konzils kommt ein bisschen teurer als ursprünglich geplant: Statt gut 10 sollen es nun 11,38 Millionen Euro werden. Das ist aber noch immer viel weniger Geld als die Stadt hätte für ein Konzert- und Kongresszentrum ausgeben müssen, das der Bürgerentscheid am 21. März kippte. Mit der Absage an ein teures „Leichtturm-Projekt“ und Investitionen in die Sanierung älterer Bausubstanz steht die Stadt Konstanz in jüngster Zeit übrigens nicht alleine da. Die Süddeutsche Zeitung berichtet im Feuilleton ihrer Freitagsausgabe unter dem Titel „Land der neuen Bescheidenheit“ darüber wie Bürgerinitiativen deutschlandweit kommunale Projekte zu Fall bringen.

Köln und Konstanz ist überall

Aufgelistet werden in dem Beitrag Projekte, die zuletzt durch Bürgerbegehren zu Fall gebracht worden sind. An oberster Stelle steht bei der Aufzählung in der SZ das Projekt eines neuen Schauspielhauses in Köln. Dort soll nun bekanntlich das alte Theater, das unter Denkmalschutz stehende Ensemble von Wilhelm Rippan, in Stand gesetzt werden. Und in Bonn habe der geplante „Abriss der Beethovenhalle zugunsten eines hybriden Jubiläums-Leuchtturm-Projekts“ aus der „Agenda der Regierenden“ gestrichen werden müssen. In Hamburg retteten Künstler ihr Gängeviertel. Viele Kilometer weiter südlich in Konstanz verhinderte vor ein paar Wochen die Bürgerinitiative „Nein-zu-Klein-Venedig“ einen neuen architektonisch wertvollen Mehrzweckbau mit Konzertsaal auf dem Gelände Klein-Venedig. Zwar retteten die Konstanzer damit – anders als die Kölner – keinen denkmalgeschützten Nachkriegsbau, sondern eine Freifläche am See. So wie in anderen Städten werden sich aber auch die Konstanzer nun ebenfalls mit dem behelfen, was die Stadt hat, mit dem historischen Konzilgebäude nämlich, das gerader saniert wird.

Plebiszit für mehr Vernunft

Die Autorin des Beitrags, der in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, sieht in dem Erfolg der Bürgerinitiativen in Köln und Bonn ein „entschiedenes Plebiszit für mehr Vernunft“. Die Öffentlichkeit scheine sich nicht mehr von Bildern blenden lassen zu wollen. Sie verweigere „Ikonen des Architektur-Jet-Sets ihre bedingungslose Verehrung“ und werde skeptisch, gegenüber Subventionen, die „Gelder aus Haushalten versprechen, aus denen eigentlich nichts mehr zu holen ist“. Die Autorin denkt dabei auch an eine Brücke durchs Welterbe am Oberen Mittelrheintal und die Gefährdung Deutschlands bester Rieslinglage an der Mosel. Konstanz passt in diese Reihe.

Finanzkrise machte Verweigerungshaltung mehrheitsfähig

Die Finanzkrise habe dazu beigetragen, dass die Proteste gegen solche Projekte ein breites Echo hätten, heißt es in der SZ. Auch in Konstanz war es neben der Rettung des Areals Klein-Venedig und der Angst davor zu viel Verkehr in die linksrheinische Stadt zu lenken, vor allem das Finanzargument, das das Konzert- und Kongresshaus beim Bürgerentscheid im März zum kippen brachte. Im nachhinein hat Oberbürgermeister Horst Frank den Bedenkenträgern sogar indirekt Recht gegeben, als er auf den Zwang zu sparen hinwies, nachdem das Regierungspräsidium Freiburg kurz nach dem Entscheid ungeschönt die finanzielle Lage der Stadt Konstanz und ihren zukünftigen möglichen Schuldenstand kommentiert hatte.

Viel Geld für Asbestsanierung

11,38 Millionen Euro wird die Sanierung des Konzils kosten. Man hatte zuletzt jede Menge Asbest in Zwischendecken entdeckt, und die Beseitigung des als gesundheitsschädlich eingestuften Materials kostet 430.000 Euro. Weitete 306.000 Euro kommen auf die Stadt wegen archäologischer Grabungen zu. Bevor unter dem nordwestlichen Vorplatz des ehemaligen Kaufhauses für die neue zentrale Toilettenanlage tief ausgegraben wird, soll das Erdreich von Altertumsforschern erkundet werden.

Neuer Saal im Konzil-Dachgeschoss entsteht

In den 11,38 Millionen Euro sind die Kosten für den Neubau einen 200 Personen fassenden, neuen Saals im zweiten Dachgeschoss enthalten. Seine Realisierung war allerdings in Frage gestellt gewesen. Man wollte erst den Bürgerentscheid für das projektierte Konzert- und Kongresshaus abwarten. Wäre der Entscheid positiv ausgegangen, hatte man auf den neuen Saal verzichten können. Nun aber kann er kommen und es heißt Umbau vor Neubau. Der neue Saal könnte eigentlich auch grösser ausfallen. Der Platz dafür wäre da. Doch die Brandschutzabteilung der Feuerwehr verlangt die Beschränkung auf 200 Publikumsplätze. Zu gefährlich sei die Situation im Falle eines Brandes, wenn dort mehr als 200 Menschen umgehend ins Freie finden müssten.

Foto: wak

Ein Kommentar to “Bürger verhindern Leuchtturm-Projekte nicht nur in Konstanz”

  1. dk
    23. April 2010 at 12:30 #

    @ Die Süddeutsche Zeitung berichtet … unter dem Titel „Land der neuen Bescheidenheit“

    … oder genauer „was kann man von Griechenland alles lernen“, worüber man eher in ausländ. Medien nachlesen kann.

    Der Sichtwandel besteht auch darin, dass Bürger kritische Fragen an Politik-Experten stellen und an deren Wissens-Vorsprung teilhaben können.

    Bürger mit Haushalts-Buchführung vergleichen lediglich die eigene Bonität mit der vermeintlichen des Staates und weichen etwas vom politischen Mainstream ab; also keinerlei Protest oder „Revolution“.

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