Claudia Roth redet sich in Konstanz nah an die Menschen

Sommer-Tour des Bundesvorsitzenden von Bündnis90/Die Grünen stoppte am Bodensee

Konstanz (wak) Es ist Sommer. Es ist heiß. Im kommenden Jahr ist Landtagswahl in Baden-Württemberg. Die Grünen liegen laut jüngster Umfrage bei sensationellen 19 Prozent und Claudia Roth spricht in Konstanz im Schatten alter Bäume über Politik. Die Bundesvorsitzende der Grünen braucht kein Mikrofon und kein Redemanuskript. Sie ist am hochsommerlichen Julinachmittag im Konstanzer Stadtgarten da, wo alle Politiker gern wären, ganz nah bei den Menschen.

Graue klatschen für grün

Ein Lüftchen macht den Tag erträglich. Immerhin 50 Zuhörer interessieren sich für das, was Claudia Roth zu erzählen hat. Gekommen sind auffallend viele Ältere. Die Haarfarbe jener, die auf Festbänken sitzen, ist grau. Ein paar Jüngere stehen in der zweiten oder dritten Reihe. Claudia Roth sitzt nicht, sie steht. Sie redet eineinhalb Stunden und beantwortet Fragen, die die Interessierten zuvor Zettel geschrieben haben und die ein Helfer aus einem Zylinder zieht und vorliest.

Volksentscheide auf Bundesebene

Es ist ein guter Nachmittag für die Grünen. Im „Stern“/RTL-Wahltrend liegen sie bei 19 Prozent. Das ist eine Momentaufnahme. Es geht um Politikverdrossenheit und um die Distanz zu den Politikern. Volksentscheide, ja oder nein? Claudia Roth findet, es ist zu wenig, nur alle vier oder fünf Jahre zu wählen. Sie hätte gern ein bisschen mehr direkte Demokratie, auch auf Bundesebene aber nicht in allen Bereichen. Grundrechte sind für sie unantastbar. Ein Minarettverbot wäre in Deutschland nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, meint die Grüne. Ein Rauchverbot ist etwas anderes. „Ich habe in Bayern gewonnen und in Hamburg verloren“, sagt sie. „Du kannst auch mal verlieren.“ Manchmal redet Claudia Roth ihre Zuhörer mit „Ihr“ an. „Sie“ schafft bloß Abstand.

Blackout bei Internetfrage

Ein Fragesteller möchte wissen, was sie über Palästina und die Blockade des Gazastreifens denkt. Nahostpolitik sei schwierig, sagt die Vorsitzende. Die Frage ist eine Steilvorlage. Sie vermisse eine „ambitionierte deutsche Außenpolitik“. Was die Israelis machen, findet sie – wie auch viele Israelis – nicht grundsätzlich gut. Ja, das darf endlich auch eine Politikerin aus Deutschland sagen, ohne sofort im Verdacht zu stehen, antisemitisch zu sein. Wäre ja auch Blödsinn, Claudia Roth so etwas zu unterstellen. Kalt erwischt wird sie dann von der nächsten Frage. Wie sie es finde, dass im Internet der meiste Inhalt, der unter tagesschau.de stand, gelöscht worden ist. „Weiß ich nicht“, sagt Claudia Roth. Der Landtagsabgeordnete Siegfried Lehmann springt ein. Er redet vom gebührenfinanzierten Rundfunk und dem Interesse der Zeitungsverlage, die nicht möchten, dass gebührenfinanzierte Inhalte im Netz stehen. „Finde ich nicht richtig“, erklärt Lehmann. Er sagt, unter tagesschau.de gebe es verlässliche Nachrichten und immer mehr Menschen informierten sich im Netz.

Keine Studiengebühren

Dann eine Frage zum Mobilfunk, eine zur Bahn und natürlich die danach, ob Claudia Roth Studiengebühren abschaffen würde. Claudia Roth redet davon, dass Bildung nicht eine Frage des Geldbeutels sein dürfe und Studiengebühren sozial Schwächere vom Studium abhalten. Warum dann die Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen nicht sofort abschaffen? Claudia Roth redet von mehreren hundert Millionen Euro, die dann den Universitäten fehlen würden. „Jobs an den Unis wären gefährdet.“ Es brauche zuerst eine Gegenfinanzierung. Sie kritisiert die Bildungskleinstaaterei, deren Folge 16 verschiedene Systeme sind. Sie würde verrückt, sagt sie, wenn sie nicht daran glauben könnte, dass die Zukunft grün ist.

Claudia Roths Herzensthema

Was die wichtigsten politischen Ziele der Grünen sind, hat ein Fragesteller aufgeschrieben. Claudia Roth sagt Bildung, Energie- und Klimapolitik und zu verhindern, dass die Gesellschaft auseinanderbricht. Wenn die Bildungspolitik versagt, ist die Gesellschaft blockiert. So einfach ist das. Zum Klima fällt Claudia Roth das Stichwort Biodiversität ein. Aber sie kann es auch anschaulicher: Sie erzählt von ihren Großeltern, einem Frosch im Glas, den vielen Spatzen, die es damals gab, und einer Arnikasalbe – und jetzt stehen alle drei Arten auf der Liste der bedrohten Arten. „Wir müssen mit dem Planeten anders umgehen.“ Das sei ein „grünes Herzensthema“. Bei der auseinanderbrechenden Gesellschaft fällt das Stichwort Zwei-Klassen-Medizin. Kurz vor Schluss redet Claudia Roth dann noch ein bisschen über Jogi Löw, seine multikulti Truppe und Frauenfußball, alles auch Herzensthemen von ihr.

Landtagswahl 2011 im Blick

Weil 2011 Landtagswahl ist, vergisst Claudia Roth im Stadtgarten auch nicht zu erzählen, dass es den Grünen um das Gemeinwohl gehe. Die Partei frage, was ist gut für die Menschen und nicht was ist gut für die Partei. So sagt sie es. Die Vokabeln „ehrlich“ und „glaubwürdig“ kommen vor. Dann muss Claudia Roth los zum nächsten Termin. „Mit einem kleinen Bus, einem Opel“, erzählt sie. Man habe den umweltverträglichsten ausgesucht. Mit der Bahn wären die vielen Kilometer nicht zu schaffen. Für den CO2 Ausstoss bezahlen die Grünen aber den entsprechenden Betrag an Amtosfair. Ist doch klar, oder? Viel Applaus, viel Sympathie und Auf Wiedersehen bei der Landtagwahl 2011.

Fotos: wak

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