Das Geheimnis der Heidenhöhlen am nördlichen Bodensee

Natur- und Kulturdenkmal wurde dem Straßenbau geopfert – Künstliche Höhlen 1960 endgültig zerstört

Überlingen/Konstanz. Ab 1. April zeigt das Städtische Museum Überlingen die Sonderausstellung „Das Geheimnis der Heidenhöhlen“. Die Heidenhöhlen, die früher auch Heidenlöcher hießen, waren von Menschen in die Felswand zwischen Goldbach und Überlingen eingehauene Gänge und Kammern. 1960 sind die Heidenhöhlen, die ein aufgrund ihrer Bedeutung mit der Insel Mainau vergleichbares touristisches Ziel am Bodensee waren, endgültig zerstört worden. Zeitweise waren sie bewohnt. Schon im 19. Jahrhundert wurden sie teilweise weg gesprengt, um Platz für eine Uferstraße zu schaffen.

Heidenhöhlen 1960 zerstört

Die Heidenhöhlen am nördlichen Bodenseeufer waren bis zur ihrer endgültigen Zerstörung im 20. Jahrhundert ein einzigartiges Natur- und Kulturdenkmal. Kustos Peter Graubach  inszeniert sie im Städtischen Museum in Überlingen neu. Oberbürgermeisterin Sabine Becker sagte, zu sehen seien in der Ausstellung teilweise noch nie gezeigte Exponate aus den Depots des Städtischen Museums und des Stadtarchivs Überlingen. Ausgestellt  sind außerdem Leihgaben des Konstanzer Rosgartenmuseums und des Kreisarchivs Konstanz sowie der Stadtarchive Konstanz und Singen. Weitere Exponate stammen aus der Privatsammlung von Wilderich Graf von und zu Bodman und von anderen privaten Leihgebern. Den Flyer zur Ausstellung zieren Abbildungen von Waffen und eines Totenkopfes.

Künstliche Höhlen im Molassesandstein

Die Heidenhöhlen waren künstliche Höhlen. Menschen hatten sie östlich von Goldbach in den fast senkrecht abfallenden Molassesandsteinfelsen eingehauen. Der Überlinger Kulturreferent Dr. Michael Brunner sagte: „Drei Felsnasen ragten in den See hinein.“ Er sprach von einer „atemberaubenden Szenerie“. Nur bei niedrigem Wasserstand führte ein Fußweg am Heidenhöhlenfelsen vorbei. Bei Hochwasser waren die Höhlen nur mit dem Boot zu erreichen. Die Anlage bestand, womit sich neuere Forschungsarbeiten beschäftigen, aus einzelnen, aus dem Fels gehauenen Räumen, darunter auch sakralen Räumen. Der Blick auf den See war von den Höhlen aus durch Fensteröffnungen frei. Die Räume im Fels waren auch nicht voneinander isoliert, sondern durch Gänge miteinander verbunden.

Wissenschaftler erforschten Höhlen

Zuletzt hatte sich drei Forscher unabhängig voneinander mit den Heidenhöhlen beschäftigt. Einer von ihnen ist der Konstanzer Historiker, Kunsthistoriker und Gastkurator der Ausstellung, Dr. Franz Hofmann. Aus der Perspektive des Archäologen und Höhlenforschers betrachtete Ralf Keller aus Tübingen die Höhlen, der seine Magisterarbeit über die künstlichen Höhlen im nördlichen Bodenseeraum schrieb. Die Höhlen aus einem anderen Blickwinkel erforscht außerdem der Singener Burgenforscher Dr. Michael Losse. Dessen Recherchen stehen aber erst am Anfang.

Ursprung der Heidenhöhlen unbekannt

Die Heidenhöhlen wiesen mittelalterliche Architekturmerkmale auf. Über ihren Ursprung ist aber nichts Genaues bekannt. Tatsächlich ranken sich aber viele unterschiedliche Geschichten und Legenden um die Heidenhöhlen. Teilweise bewohnten Einsiedler die Höhlen. Um 1750 soll, so die Legende, ein Räuber, der „Kleine Fidele“ die Höhlen als Unterschlupf genutzt haben. Im Fels brütete auch der im 17. Jahrhundert ausgestorbene Waldrapp. Im 18. Jahrhundert waren die Höhlen zeitweise von Armen und Obdachlosen bewohnt und wurden von der Stadt Überlingen teilweise zerstört, um die Bewohner aus den Höhlen zu vertreiben. Als die ersten Feriengäste im 19. Jahrhundert an den Bodensee kamen, waren die unbewohnten „Felsenwohnungen“ eine Touristenattraktion.

Heidenhöhlen dem Straßenbau geopfert

1846 wurden sie aber weiter zerstört, als für die Bodensee-Uferstraße, die spätere Bundesstraße 31, eine Schneise durch die Felsen gesprengt wurde. Der Eisenbahnbau in den 1890-er Jahren habe dagegen, obwohl dies oft behauptet werde, die Heidenhöhlen nicht beeinträchtigt. Erst 1960 musste der Großteil der bis dahin noch vorhandenen Reste, der einst in den Fels gehauenen Höhlen, wegen Einsturzgefahr gesprengt werden.

Bilder und literarische Texte erinnern an Höhlen

Heute ist von dem Kulturdenkmal  kaum mehr etwas erhalten. Von unten ist nur noch ein Raum zu sehen, der jedoch wegen der gefährlichen Lage im weichen Fels direkt über der Straße, sowie dichten Dornengestrüpps nicht mehr zugänglich ist. Übrig geblieben sind Legenden, Geschichten, literarische Texte, Zeichnungen und Bilder, die die Heidenhöhlen teilweise auch romantisch verklärt, zeigen. Die Ausstellung im Städtischen Museum Überlingen rekonstruiert die – heute zerstörten – Heidenhöhlen und ihre Höhlenkirchen anhand pittoresker Gemälde, historischer Ansichten und Pläne. Die Inszenierung der rund 80 zum Teil noch nie gezeigten Exponate mache die einstige besondere Aura der Heidenhöhlen wieder erlebbar.

Vernissage am 29. März im Überlinger Kursaal

Vernissage der Ausstellung ist am Donnerstag, 29. März 2012, im Kursaal. Zu sehen ist sie bis zum 31. Oktober in Überlingen.

Ein Kommentar to “Das Geheimnis der Heidenhöhlen am nördlichen Bodensee”

  1. Franz Sauerstein
    15. März 2012 at 18:14 #

    Sehr interessanter Artikel, wusste gar nicht, dass es hier sowas gab!

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